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denn die lange Periode des Krieges ein, wo sich die Heere bald vorbald rückwärts auf der Chaussee hin und her bewegten. Zuweilen liess es sich an, als würden sie sich in eine Schlacht verwickeln, wie zum Beispiele in dem Treffen bei Minsk, aber es kam nicht dazu. Diebitsch war wohl auch durch die Tage bei Praga und Grochow zu der Überzeugung gelangt, dass er nur mit erdrückender Überlegenheit auf einen Erfolg rechnen dürfe, und wartete deshalb ungeduldig auf die Garden, welche von Petersburg her eintreffen sollten.

So beobachteten sich die Heere, neckten sich, schützten sich durch Positionen, und der warme Frühling war indessen rings um sie eingekehrt, das Moos der öden Wälder, die jetzt überall von Kriegern wimmelten, glänzte mit jungem Grün, das unter der Schneedecke gediehen war, die Nadeln der sonst so eintönigen Kieferwälder schimmerten in junger Frische, dunkle Fichten und Tannen hoben das monotone Kolorit. Wenn er mit den ewig muntern Reitern dahinzog beim warmen Morgensonnenscheine, welcher spielend hin und her prallte an den Waffen, da fühlte Valerius in seinem Herzen oft wieder die lang' vermissten Regungen der Jugend, hinauszuschweifen über die Felder ohne Absicht und Plan, singend und träumend auf den schaukelnden Sonnenstrahlen. Die stete Bewegung in der freien Luft, der lebhafte Wechsel des Krieges, die tägliche Gefährdung und tägliche Rettung des Lebensalles das hatte ihn nicht zu seinen Gedanken zurückkommen lassen, er war ein Krieger geworden wie die andern, von einer Stunde zur andern lebend, nichts vor Augen habend als den nächsten Zweck. Nur wenn ein müssiger Tag eintrat, da nahten leise aus der Ferne die alten quälenden fragen: "Kannst du nichts Besseres tun, als Menschen erwürgen? Willst du so fortleben, ohne Zweck und Absicht?" Aber sie wurden nicht laut und traten nicht nahe genug. Das Leben um ihn her liess keine Zeit dazu übrig, und Konstantiens heisse Küsse beherrschten die Träumereien.

Diese Art Krieg zu führen begünstigte aber mehr als jede andere das eigentliche Biwakleben. Es gab keine Schlachten, die alle Kräfte in Anspruch genommen hätten, und doch war man fortwährend in solcher Spannung und Aufmerksamkeit, dass alle Fähigkeiten geweckt blieben. In der nächsten Stunde stand den Leuten Gefahr und Tod an der Seite, was Wunder, wenn sie alle gesellige Rücksicht und Ängstlichkeit beiseite setzten, solange sie nebeneinander am Feuer lagen, und ihre Lebensgeschichten oder dies und jenes erzählten! Hätte Valerius noch einen Zweifel gehabt über den Leichtsinn, die Liebenswürdigkeit, das Unglück und alle die Fehler dieses Volkes, die Biwakszenen hätten ihn gelöst.

Es waren namentlich zwei Offiziere aus den älteren polnischen Provinzen, mit denen er am öftesten verkehrte, für die er sich am meisten interessierte. Der älteste von ihnen war aus Litauen, der jüngere aus Volhynien. In der Vaterlandsliebe und Tapferkeit glichen sie vollkommen all den Polen, welche er bis jetzt gesehen hatte, aber auch diese beiden Eigenschaften hatten bei ihnen eine neue Schattierung: sie waren weicher, weniger lebendig, man könnte sagen schwärmerischer. Unmittelbar dem Feinde einverleibt haben diese alten Provinzen die rauschende Frische verloren, aber Liebe und Hass sind desto tiefer eingewurzelt in ihren Herzen. Die chevalereske Eitelkeit, die oft in Warschau an den Tag sprang, war weniger an ihnen zu sehen, sie schienen aber sorgfältiger und aufmerksamer den Grundfehlern ihrer Nationalität nachgedacht zu haben, sie schlossen sich deshalb dem Fremden enger an, und es schien dem Valerius zuweilen, als fänden sich in ihnen tiefere Quellen zu einem langen beschwerlichen Kampfe. Das grössere Unglück mochte alle Innerlichkeit und Tiefe mehr ausgebildet haben.

Diese beiden Offiziere, Stanislaus und Valerius sassen eines Abends in einer einsam gelegenen Hütte im wald. Eine Seitenwand des Gebäudes, dass längst von seinen eigentlichen Bewohnern verlassen war, lag in Trümmern, ein Feuer brannte auf dem Lehmboden, und der Rauch fand einen bequemen Ausweg durch die Bresche. Die vier Krieger waren lange schweigsam, sahen ins Feuer oder nach einer andern Gruppe, die sich im Winkel der Hütte um eine Trommel postiert hatte, und ein Spiel arrangierte. Ein Offizier setzte sich auf ein Tornister an die Trommel und zog lachend einen Satz Würfel und eine Börse hervor, und lud die übrigen ein, wacker zu setzen. Er war zwar dicht in den Mantel gehüllt, aber man durfte aus dem Betragen seiner Umgebung schliessen, dass er ein hoher Offizier sei. Die Statur schien die Mittelgrösse zu haben, das Gesicht war rot und trug den Ausdruck lebendiger Behaglichkeit und die Spuren eines in Fröhlichkeit genossenen Lebens.

"Wir haben eben nichts Besseres zu tun, meine Herren," sagte er, "lassen Sie uns ein kleines Jeu entrieren, wenn bei den Vorposten Schüsse fallen, so finden sie uns munter, der Feind ist ganz nahe, unser Generalissimus will aber nicht, dass wir angreifen, bon, wir wollen unsere Börsen angreifenqu'en ditesvous, Monsieur le comte?"

Stanislaus, dem die letzten Worte gegolten hatten, lehnte seine Teilnahme mit den Worten ab: "Sie wissen, Herr General, ich habe kein Glück."

"Desto besser," erwiderte dieser, "aber ich weiss schon, Sie gehören zur Tugend unserer neuen Generation, meinetalben, jeder nach seinem Geschmack, aber rücken Sie ein klein wenig auf die Seite, ich bitte, damit wir von Feuer, Licht und Wärme profitieren."

Sie begannen ihr Spiel, das bald lebhaft und hitzig wurde; die vier Krieger am Feuer rückten näher zusammen, und Valerius fragte leise