1833_Laube_131_123.txt

komm, ich bring' dich selbst hinunter, mag uns begegnen, wer da will."

"Nicht doch, Konstantie."

"Doch, widersprich mir nicht, es ist umsonst, mein

Entschluss ist fest; es schlägt den Augenblick zwölf."

Sie gingen. "Leiseleise, drück die Säbelscheide

an dich," flüsterte Konstantie, als sie im bedeckten Gange wirklich die Bedienten an den Jalousien rütteln und sprechen hörten.

"Alles ist fest," sagte der eine, "die Tür dort ist

auch verschlossen, er muss in irgend einem Winkel steckenübrigens, Johann, wenn ich meine Meinung sagen soll, ein Spitzbube war's gewiss nicht, 's war nur ein Augenblick, dass ich ihn sehen konnte, aber so sieht ein Spitzbube nicht aus, 's war ganz gewiss ein Edelmann."

"Aber was sollte denn der –" sprach der Angerede

te.

"Pst, Johann," unterbrach ihn der erste. Die Stim

men entfernten sich. Valerius und Konstantie kamen unangefochten ins Gartenhaus, und fanden auch da nichts Verdächtiges. Er öffnete die Tür nach der Strasse, sie umarmte ihn noch einmal mit aller leidenschaft, welche die ängstliche Situation um nichts vermindert zu haben schien. "lebe wohl, wohl, mein Herz, mein alles, lebe wohl."

Er flog durch die Strassen, und schrie schon von weitem "MagyacMagyac!"

Dieser kam mit den Pferden herbei. "Herr, da schlägt es zwölf, wir werden zu spät kommen."

Beide waren mit einem Sprunge im Sattel, und in gestrecktem Galopp ging es nach der Weichselbrücke hinab durch die finstern, schweigsamen Gassen.

25.

Ungeduldig erwartete ihn Stanislaus an der brücke. Skrzynecki mit dem Generalstabe war schon fort, die beiden jungen Offiziere sprengten in grösster Eile durch Praga, die beiden GemeinenMagyac war in das Regiment getretenin gleicher Eile hinterher. So ging es über die Fläche hin, welche auf der Ostseite Warschaus bis an die Wälder läuft. Die Nacht war still und dunkel, aber die breite Chaussee erlaubte den Reitern die schnellste Bewegung. Diese Chaussee führt von Warschau durch die Wälder über Wavre, Dembe, Minsk, Siedlce nach den tieferen polnischen Provinzen, nach dem eigentlichen Russland hinein, und sie ward bis in die Mitte des Sommers 1831 der Mittelpunkt aller Heerbewegungen.

Kaum eine Stunde von Warschau beginnen die Wälder. Hier holten die vier Reiter den Generalstab ein. Stanislaus schloss sich an einen der vorderen Offiziere, und Valerius, der sich fortwährend zu ihm hielt, hörte einen teil der Orders mit an, welche eine sanfte stimme austeilte. Sie gehörte einem hohen mann, der auf einem grossen Pferde ritt. Er war in einen Mantel gehüllt, und die Dunkelheit liess von seinem Gesicht nichts erkennen. "Vertrauen Sie auf Gott, meine Herren, er verlässt die Seinen nichtund nun an Ihre Posten." Alles flog auseinander, und Valerius konnte erst, als er bei seinem Regimente angekommen war, nach dem Namen jenes frommen Kriegers fragen.

"Das war Skrzynecki," erwiderte Stanislaus; ein weiteres Gespräch liess sich nicht anknüpfen. Das Vorrücken der Reiterei war nicht ohne Beschwerlichkeit, da sie einen teil der Chaussee dem Fussvolk und der Artillerie überlassen musste; der Weg selbst nahm also bei der Finsternis alle Aufmerksamkeit in Anspruch. Valerius erfuhr nur noch von Stanislaus, dass ein bedeutender teil der russischen Streitmacht in dem Flecken Wavre und der Umgegend liege, und dass die nächtliche Expedition dahin gerichtet sei.

Die Kolonnen hielten plötzlich; die vorderen Spitzen mochten in der Nähe des Ortes angekommen sein. Es war eine wunderliche Stille, die einen Augenblick eintrat, alle, selbst die Tiere, schienen zu empfinden, dass es der Moment vor einer Schlacht sei. Der Generalstab ritt rasch auf einem Waldwege vorüber nach dem Angriffspunkte hin; die dunkeln Gestalten glitten vorbei wie Gespenster durch den dichten Nebel, der auf Wäldern und Morästen lag. Aber bald trat jenes wogende Murmeln ein, das nie ausbleibt, wenn eine so grosse Masse an ein Werk geht. Man hörte die Ladestöcke fallen, weil hie und da einer untersuchte, ob seine Patrone noch fest sässe; die Kavalleristen machten die Säbel in den Scheiden locker; Befehle der Offiziere liefen leise von Mund zu Mund. Plötzlich knatterte eine Lage Musketenfeuer tief aus dem wald, und noch eine, und noch eine, dumpfe Kanonenschläge mischten sich bald darein, die Infanteriekolonnen auf der Chaussee erhielten Raum, vorwärtszurücken; das Regiment des Valerius nahm seinen Platz auf der Heerstrasse ein.

Dieser nächtliche Kampf machte einen wunderlichen Eindruck auf ihn. Er fühlte noch die warme Hand Konstantiens auf seiner Wange, und jetzt strich die kalte Nachtluft darüber, welche ihm die Töne eines mörderischen Kampfes brachte, im nächsten Augenblicke konnte er selbst mitten im Getümmel sein. Die Schlacht selbst befängt viel weniger, man ist beschäftigt, Geist und Phantasie haben nicht Raum und Zeit, sich des Gegenstandes zu bemächtigen, aber die N ä h e der Schlacht erschüttert am tiefsten. Man weiss nur, dass unweit von uns gemordet wird, massenweise gemordet wird; die Phantasie bemächtigt sich der Gegenstände, und ihre Möglichkeiten erschüttern den Stärksten. Hier ward sie obenein durch die Nacht unterstützt, nur das Ohr benachrichtigte die Seele von den tödlichen Dingen.

Das Feuern ward indessen immer lebhafter und schneller, man musste einen heftigen Widerstand vermuten, da die Kavallerie noch immer keinen Befehl erhielt, vorzurücken. Hie