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mehr verlangen, dass ich bleiben soll. Was wolltest du mit einem mann ohne Mut, der sein Versprechen bräche, den die Umgebungen verachten?"

"Ach, Mann, es ist ein grösserer Mut, seine Umgebungen und ihr Geschwätz zu ignorieren, es ist eine Schwäche, den hergebrachten Formen nachzulaufen und das Glück zu verlassen, es ist eine eingebildete Phantasterei, eine veraltete Ritterkoketterie mit eurem Mut und eurer sogenannten Ehre, und ich hätte dich stärker geglaubt. Rinald war der gewaltigste Ritter vor Jerusalem, und der schwärmerisch-romantische Tasso lässt gerade ihn mit Armida Jerusalem und Schlacht vergessen."

"Aber Rinald war verzaubert."

"Und du bist es leider nichtja, ja, das ist der Unterschied." Mit diesen Worten nahm sie ein Umschlagetuch vom stuhl, hüllte sich darein und setzte sich in einen Winkel des Zimmers.

"Du tust mir unrecht, Konstantie, hu wirst dich besinnen; tu' es schnell, die Minuten sind uns gezählt. Die Ehre mag ein zufälliges Übereinkommen sein, aber unsere ganze Gesellschaft ist ein solches; wenn wir in ihr bestehen wollen, müssen wir uns in die wesentlichsten Pflichten gegen dieselbe fügen. Du weisst, ich bin nicht der Mann ängstlicher Formen, ich hätte wohl auch die Kraft, diesem gemachten Phantom der Ehre entgegenzutreten; aber was bliebe in einer Zeit übrig, wo nur dies lose Band noch die Verhältnisse zusammenhält, wo alle sonstigen höheren Elemente der Gesellschaft längst entwichen sind, und Konstantie, weisst du auch, wer mich zuerst anklagen würde, weisst du's? Du schweigst; ich will dir's sagen: die Fürstin Konstantie, die stolze Konstantie. Besinne dich, ach die schönen Augenblicke, in denen wir uns lieben könnten, verstreichen unter spitzfindigen Worten."

Es entstand eine Pause. Valerius ging einigemal im Zimmer auf und ab und blieb endlich vor ihr stehen. Ihr Kopf war auf die Brust gesunken, das Auge niedergeschlagen, sie regte sich nicht. Valerius legte seine Hand auf ihr Haupt und betrachtete sie schweigend. Bei der Berührung bebte sie zusammen, schlug die Augen auf, streckte ihm die Hand entgegen und sprach schnell: "Es ist vorüber, du hast recht wie immer, komm', vergib!"

Und dabei sprang sie auf und zog ihn ans Herz. Das alte Spiel der Liebkosungen begann, das einzige Spiel, im welchem beide Parteien gewinnen. Sie glaubten sich einer um so grösseren Heftigkeit hingeben zu müssen, je unsicherer die Aussicht war, dass ähnliche Freuden bald wiederkehren dürften. Die süssesten Worte und Schmeichelreden schmiegten sich in das feste Umarmen, das brennende Küssen; der Mantel fiel von seinen Schultern, das Tuch von den ihren, und sie standen ineinander verschlungen wie zwei Kämpfer, welche die Kräfte ihrer Liebe messen wollen.

Hastig sprang er auf einmal zurück und riss die Uhr aus der tasche. "Noch zehn Minuten, Konstantie, sind unser, und dann" – hier überwältigte ihn das Ursprüngliche seines Charakters, das Träumen der Zukunft, das Verzagen am Glück – "ach Konstantie," sagte er mutlos, "wird unsere Freude wiederkehren?"

Konstantie, welche die hände auf die Augen gedrückt hielt, gleich als wollte sie die schöne Welt des Augenblicks, welche in ihrem bewegten Herzen rollte, keinen Moment entfliehen lassen, sagte mit weicher stimme: "Komm, komm zu mir, was kümmert uns die Zukunft, da der Augenblick so schön ist, komm, lass mich dein Auge küssen." – "So, mein Herz, bist du nicht auch so glücklich, kannst du jetzt an etwas anderes denken?"

Das ist der Vorteil leidenschaftlicher Wesen: der Genuss der Gegenwart wird ihnen nicht durch den leisesten Gedanken an das, was kommen könnte, getrübt, keine Zukunft kümmert sie, auch wenn sie schon an die Tür klopft.

Aber Valerius, den jetzt schon der Trennungsgedanke und das, was hinter dieser Nacht lag, quälte, entbehrte dieses Vorteils, und er hörte denn auch zuerst Stimmen und Geräusch im Garten. Konstantie wollte nicht daran glauben, aber er nötigte sie, aufzuhorchen.

Das Geräusch war unter den Fenstern ihres Zimmers, die, an der Rückseite des Hauses, nach dem Garten führten. Konstantie löschte die Lampe aus und öffnete leise das Fenster. "Seht, nach dem Gartenhause" – es war die stimme des alten Grafen – "ob er vielleicht dort entkommen kann," eben schlug's vom nächsten Turme dreiviertel auf zwölf.

"Ich muss fort, Konstantie!" – "Um Gottes willen nicht in diesem Augenblicke."

Beide schwiegen eine Zeitlang und horchten. Man hörte nichts mehr in der Nähe, aber hinten am Gartenhause rief hie und da ein Bedienter dem andern zu. Konstantie glaubte wahrzunehmen, dass sie zurückkämen, und die Jalousien des bedeckten Ganges untersuchten. Valerius gürtete sich den Degen um, suchte seinen Mantel im Dunkeln, und stand nun reisefertig wie auf Kohlen.

"Öffne mir das andere Zimmer," flüsterte er endlich, "das Stockwerk ist niedrig, ich werde auf die Strasse hinunterspringen."

Konstantie schwieg noch eine Weile; dann ermannte sie sich plötzlich und ging mit raschen Schritten nach ihrem Umschlagetuche. "Lass das dumme Volk," sagte sie dann und trat zu Valerius, "sie mögen sehen und erfahren, was sie wollen, es ist kein blosses Liebesabenteuer zwischen uns; einen Abschiedskuss, und noch einen, und den letzten; nun