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der erworbenen Bildung, folge deiner natur und lächle.

Daher kann es auch nur Humor geben, wenn die Bildungszustände in Gärung und Wechsel geraten sind und sich neu gestalten wollen. In sogenannten klassischen Perioden, wo die eben kursierende Aufgabe der Zeit gelöst, wo alles fertig und bestimmt ist, was man Tugend, Gesetz, Schönheit nennt, da gibt es keinen Humor. Die Juden, Griechen und Römer mit ihrer fertigen Welt kannten ihn nicht.

Der alte Graf versäumte in seiner guten Stimmung nicht, die humoristische Laune des Deutschen durch artige, geistreiche Bemerkungen zu unterstützen, Stanislaus lächelte dazu, obwohl man leicht bemerken konnte, dass ihm das eigentliche Verständnis dieser Stimmung abging. Alle einseitigen Völker wie die Polen, besitzen keinen Humor, dessen Existenz die grösste innere Mannigfaltigkeit bedingt. Dieser Mangel erschwert dem Deutschen das behagliche Zusammenleben mit solchen Nationen, zu denen auch die Franzosen gehören. Schnelle, kurze Handlungen, welche diese Völker bezeichnen, haben nichts zu schaffen mit der breiten Basis des Humors und seiner alles umfassenden natur. Auch Konstantie gehörte eigentlich nicht in diesen Bereich, ihr entschlossener Geist war nicht daran gewöhnt, nach allen möglichen Richtungen zu blicken, aber die Liebe lehrt alles. Wenn sie Valerius in dieser heitern, beweglichen Laune sah, da fühlte sie sich überaus glücklich und gehoben, sie erkannte darin die frische Einwirkung ihres Liebesverhältnisses, das deutsche Naturell und die feinen Auffassungsorgane der Neigung erleichterten ihr das Verständnis dieser ungewöhnlichen Sprünge des Geistes und Herzens, und so bildete sich bald ein Zirkel der ergötzlichsten Unterhaltung. Hedwig schwamm in ihrer jugendlichen Heiterkeit mit darin herum und schickte sich auf das Beste zu dieser in Polen so fremdartigen Konversation, denn die Frauen verstehen alles schnell, wo das Herz seine Töne beisteuert, und so hatte sich bald ein bestimmter Kreis gebildet im Salon, welcher scherzhaft "der deutsche Klub" genannt wurde.

Valerius war auch am Tage öfters im haus des alten Grafen, und unter dem steten Wünschen, den weissen Schal bald zu erblicken, unter Scherzen und lachen verstrich ihm die Zeit. Sehnsüchtig blickte er wohl täglich nach der Tür, durch welche die Fürstin erscheinen sollte, sie kam, aber das weisse Freudenzeichen fehlte immer. Einige Male flüsterte sie ihm zu, der alte Herr sei nicht ohne Argwohn, so freundlich er aussehe, sie glaubte sich streng beobachtet.

So standen die Sachen, als Valerius am Abende des 30. März in den Salon trat. Es waren viele Militärs zugegen, und es schien eine ungewöhnliche Bewegung zu herrschen. Sie äusserte sich indessen nicht laut und stürmisch wie zumeist, sondern dadurch, dass sich die Gesellschaft in mehrere Gruppen gespalten hatte, in welchen einzelne Redner mit halber stimme lebhaft, und wie es schien, auf Überzeugung ausgehend, das Wort führten. Namentlich zeichnete sich ein junger Offizier von höherem Range aus, er fand die meisten Zuhörer und schien am wenigsten durch Zwischenreden gestört zu werden. Er hatte ein blühendes, lebhaftes Gesicht, grosse forschende Augen und eine befremdende Wehmut oder Schwärmerei schien manchmal aus den Zügen aufzublicken. Das ganze sprechende Antlitz war aber trotzdem bedeckt mit Spitzen und Funken des nationalen Scharfsinns, die bei einem Krieger auf schlaue Pläne und Berechnungen deuten. Valerius erinnerte sich, dass ihn Stanislaus mehrmals auf die strategischen Talente dieses Mannes aufmerksam gemacht hatte, und obwohl er die Worte nicht hörte, so glaubte er doch aus alledem schliessen zu können, der junge Offizier entwickle irgend einen Feldzugsplan. Sein Name war ihm entfallen, und er wollte eben näher hinzu gehen, um sich zu unterrichten, als Konstantie eintrat. Auf ihren Schultern lag der weisse Schalsie war schön wie eine Göttin, und alles andere verschwand für Valerius.

Die Gruppen zerstreuten sich, das Treiben löste sich in den gewöhnlichen Salonverkehr auf. Valerius bemerkte es kaum, dass sich Stanislaus mit dem jungen interessanten Offizier entfernte, Konstantiens sehnsüchtige Augen beschäftigten ihn allein; sie sprach wenig mit ihm, aber es lag in den wenig Worten, eine so süsse Schwere, eine so weiche Beklommenheit, das schöne Rot ihres Gesichts strahlte so glückverheissend, dass er es kaum inne ward, wie die Stunden verschwanden. Ein leichter Schlag auf die Achsel weckte ihn. Stanislaus stand hinter seinem stuhl und winkte ihm nach den stilleren Zimmern. Als sie weit genug entfernt waren, dass niemand sie hören konnte, stand er still, drückte ihm heftig die Hand und sprach: "Der Augenblick ist da, wir können fechten."

Valerius erschrak. – "Wann?"

"Noch heute nacht."

"O!"

"Das klingt ja wie Betrübnis, irr' ich mich wieder in Ihnen?"

"Nein, nein," erwiderte Valerius, der sich schnell gefasst hatte, "um welche Zeit steigen wir zu Pferde?"

"zwölf ist die späteste Stunde; Sie haben Zeit, bis dahin Ihre Vorkehrungen zu treffen. hören Sie, wie es zusammenhängt. Sie haben vorhin Prondzinski gesehen."

"Wen? Ah, ja, das war also Prondzinski!"

"Ich habe Sie ja schon öfters aufmerksam lauf ihn gemacht; er ist die rechte Hand Skrzyneckis, ein unerschöpfliches Kriegstalent, wie ich glaube. Er sagte mir heute abend, es sei etwas im Werke, wenn ich Lust hätte, möchte ich ihn begleiten. Wir gingen. Er hat eine unerschöpfliche Kriegsphantasie und entwikkelte mir soviel Möglichkeiten, die Russen zu schlagen, dass ich, ganz bedeckt und verwirrt, kaum bemerkte, wohin wir gegangen seien. Es war