immerwährend bei sich, er ist in ihr und verlässt sie nie; er ist nicht nur ihr Gedanke, denn der kann wechseln, er ist ihr Denken, ihre Phantasie, ja ihr Verstand. Klara hatte auch mit mir gedacht. Sie schalt meine Dreistigkeit und küsste mich und war so weich und warm und lieb wie ein Sonnenstrahl. Sie wollte ihr Negligé verbergen und schmiegte sich tiefer in meine arme, damit ich sie nicht sehen sollte; sie war sanft wie ein spielend Kind, sie war wie eine seltene Blume, die in schweigsamer Mondnacht ihren vollen warmen Kelch aufschliesst und Wärme und sehnsucht haucht in die Nacht hinein, sie war unbeschreiblich liebenswürdig. Und doch war sie neben jener Weichheit so entschlossen stark, kühn wie eine Göttin. Sie beherrschte mich in jener Nacht mit allen Waffen. Klara zog mich aufs Sofa, drängte mir den Kopf nieder in ihren Schoss und sprach mir dann leise ins Ohr: "Valer, ich will Dir angehören, wenn Du mir schwörst." – Ich erhob den Kopf und erwiderte leise: "Ich schwöre" – "Narr, Bösewicht" – lachte sie – "Du weisst ja nicht, was." Und nun gab's ein neues ausgelassenes Treiben übersprudelnder Wonne, wir lachten einander in die Augen, wir küssten den Stern und die Seele darin; ich suchte ihr Herz und drückte mein brennend Gesicht daran, wir jubelten wie losgelassene Gefangene. Plötzlich begann sie wieder die vorige Szene, ward ernst, weinte, beugte sich küssend zu mir, bat mich um Verzeihung, und beteuerte, sie könne nicht anders – "Schwöre mir, Valer, nie einer anderen zu gehören, schwöre mir's – still, Freund, ich bin Dein, Dein mit Seele und Leib auch ohne den Schwur – aber Du erfreust, Du erquickst meine Seele durch ihn; willst Du?"
Ermiss, ob ich wollte, ob ich's tat. Ich wusste es fast in dem Augenblick, dass ich falsch schwor, da ich ganz gewiss wusste, Klara werde mir entrissen – ach, Freund, die Erinnerung steigt mir in das Herz, in die Augen, ich drücke den Kopf in die Hand – ich kann nicht schreiben, ich will meine geschlossenen Augen in die Sofakissen pressen und Seele und Leib dem wirbelnden Gewitter der Erinnerung hingeben.
Später.
Es ist unterdes Abend geworden; ich weiss nicht, habe ich geschlummert, geschwelgt, geweint oder Schmerzen gelitten – ich fühle mich so hoch gehoben, die Welt schwingt sich so tief unter mir; es ist die Stimmung einen Tron auszuschlagen – die Phönixflamme ist uns genommen, aber die reinigende verjüngende Träne ist uns geblieben. Draussen ist ein Gewitter drohend und sprühend vorübergegangen, ich habe es donnern gehört, ich sehe wie frisch die Erde ihre tausend Augen aufgeschlossen, aussen und innen steigt eine Welt frisch aus dem Bade – die Welt ist schön, denn sie wechselt, sie ist eine Geliebte, die sich zu verjüngen weiss. Ich wohne sehr angenehm. Das Schloss lehnt sich an einen Hügel, der zu einer Terrasse abgeplattet ist; dahin führt meine offene Fenstertür. So hab' ich nicht das lähmende Parterre, das umsonst mit den Schwingen nach Aussicht flattert und nicht die abgesonderte Höhe, die umsonst Bewegung und Ausdehnung sucht. Die Terrasse stuft sich zu einem spiegelglatten Weiher ab, über welchen Brücken in Park und Garten führen. Ich sitze an der offenen Tür und sehe durch die offenen Partien in die fernen blauen Berge und in die durchsichtige, in der Abendsonne mit Tränenstäubchen spielende Luft. Das Geräusch der Bewohner kommt selten hieher, sie schwärmen vorn unter den Zitronen- und Mandelbäumen, die in den breiten Vorhallen des Schlosses stehen. Ich habe mich unwohl melden lassen; so denke' ich, wird mich niemand stören, wenn ich Dir weiter erzähle von meines Lebens grösstem Glück und Leid. – –
Sie zog mich fort vom Sofa, weil sie befürchtete, ihr Bruder könne Geräusch hören, ging in ihr Schlafzimmer und setzte sich aufs Bett; ich kniete vor ihr. Es war keine platte Sinnlichkeit, die Poesie beugte sich lauschend wie ein rosenrotes Kind zwischen uns, der Mond schien in Klaras Gesicht, sie sah wie eine Heilige aus, die zurückgekommen ist auf die Erde, um ihre törichte Verhöhnung der natur lächelnd und küssend abzubüssen. Klara küsste einen heissen Kuss auf mein Auge, ihre runden weichen arme schlossen sich wie elektrische Bande der Seligkeit um meinen Nakken, eine glühende Träne fiel auf mein Angesicht – "Valer, unaussprechlich geliebter Mann, willst Du mein sein für Zeit und Ewigkeit, mein und nur mein, dass nie ein Lichtstrahl zwischen unsere Herzen sich dränge, dass ich fern von Dir" – sie drückte ihr tränenheisses Gesicht in wollüstigem Schmerz in das meine – "fern von Dir, gewiss bin, sterben kann auf die Gewissheit, Du seist mein unberührtes Eigentum?" Ach, ich war aufgelöst, die Seele des schönen Weibes schien wie Maisonne in die geheimsten Winkel meines inneren, alles was gut, was edel in mir ist, tat sich auf wie die kleinen Blümlein im Frühling, Schluchzen erstickte meine stimme, der Drang nach Seligkeit, die Fülle von Seligkeit, das ganze innere beste Leben solch eines Weibes zu besitzen, wollte mir Brust und Hals zersprengen – der flammendste Liebesschwur, unbändig wie das Kreisen der neuen Welten in meiner Seele, unbändig, dass selbst Klara davor zusammenschrak, rang sich los aus meiner Brust –