1833_Laube_131_119.txt

den ersten Anblick gesund und von lebhafter Farbe erschien. Wenn man genauer hinsah, so gab man ihm vielleicht das unangenehme Beiwort "schwammig." Seine hände waren sehr weiss und fein.

24.

Das Glück einer brausenden Liebe hatte Valerius in allen Organen verändert. Er sah jetzt alles versöhnlich an, freundlich, liebevoll. Das ist ja eben das wunderbare Geheimnis dieses Gefühls, dass es der ganzen Welt eine andere, eine glänzende Farbe gibt, und zwar nicht bloss der Gedankenwelt, sondern auch den scheinbar unbedeutendsten äusserlichen Dingen. Ein Liebender fühlt sich an den Quellen aller Triebe, er sieht mit Staunen ihre unendliche Kraft, und darum vergibt er am leichtesten alle Leidenschaften.

Die wilden, verzehrenden Sympatien und Antipatien, welche den jungen Deutschen noch eben entsetzt hatten beim Anblick der polnischen Zustände, erschienen ihm jetzt in einem viel besseren Lichte. Grosse Kräfte, meinte er, verlangen auch grosse, mannigfache und heftige Äusserungen.

Dieser neue Sinn drückte sich bis ins kleinste in seinem Wesen aus, denn die ganzen Erscheinungen unseres inneren, mögen sie Liebe oder Hass zu nennen sein, bemächtigen sich auch des ganzen Menschen. So kam es denn, dass sich bald wieder ein leidliches Verhältnis, namentlich mit Stanislaus, herstellte. Die Wahl Skrzyneckis hatte im haus seines Vaters die beste Stimmung erzeugt; die aristokratische Partei fürchtet so gut wie die demokratische einen überragenden Krieger, denn sie ist in sich eben auch eine Demokratie. Skrzynecki war ein unbedeutender Edelmann, sein Ruhm war mässig, und man hatte nicht zu fürchten, dass er sich den Meinungen und der Anordnung der Korporation überheben würde. Diese Beruhigung verlangt aber jede Partei, auch wenn sie noch gar nicht weiss, was sie will. Sie fürchtet vor allem, ein blosses Instrument zu werden. Der alte Graf nun besonders war nach dieser Wahl ganz in seinem Element: er gehörte zu denen, die alles Edle und Hohe vorzubereiten trachten, die sich vorreden, die Erreichung dieses Zweckes sei ihr ganzes Streben, die Ausführung ihrer philantropischen Pläne aber soweit wie möglich hinausschieben. Ihre angebornen Neigungen sind im grund wenig stärker als ihre Kultur, und sie sind nie glücklicher, als wenn sie die Aussicht vor Augen haben, dass sie auf dem eingeschlagenen Wege zu Reformen gelangen können, ohne heute oder morgen diese Reformen beginnen zu müssen. Ihre Bildung ist dann geschmeichelt, und ihre Gewohnheiten schweigen, weil sie noch nicht bedrängt werden.

So war's mit dem alten Grafen, als Skrzyneckis Erwählung stattgefunden hatte; es konnte alles geschehen, und man ward zu nichts getrieben. Keine Übereilung, keine Übereilung! ist das Losungswort dieser Leute, die sich in allen gesellschaftlichen Kreisen vorfinden.

Valerius, der es nicht ertragen konnte, dass er nach seinem Austritte von der Armee nicht mehr für vollgültig im Salon angesehen wurde, dass ihn alles misstrauisch, kaum mit notwendiger Höflichkeit behandelte, trug sich ernstlich mit dem Entschlusse herum, das wieder ins Gleichgewicht zu bringen. So selbständig er auch zu sein glaubte, so sehr hing er hoch von seiner Umgebung ab und von der Meinung derselben. achtung, ja fast mehr als achtung war ihm Bedürfnis, und das konnte ihn sogar vermögen, gegen seinen eigenen Glauben zu handeln, bessere Einsicht zu nehmen, und sich einer Gewöhnlichkeit unterzuordnen, welcher er sich weit überlegen fühlte. Hippolyt hatte ihn zwar einmal mit der Behauptung eingeschüchtert, der Einfluss von dem, was uns umgibt, ist stärker als alle Philosophie, er macht uns zum völligen Sklaven, sobald, wir allen Trotz aufgeben. Valerius bebte vor dieser Sklaverei, namentlich bei seinen jetzigen Umgebungen, aber er hielt es ebenso auf der andern Seite für das Wesentlichste einer geselligen Kultur, dem verletzenden Widerspruche, der beleidigenden Absonderung, dem Rechtbehalten soviel als möglich aus dem Wege zu gehen. "Nur der hat recht," pflegte er oft zu sagen, "der nicht recht haben will."

Diese Nachgiebigkeit ward nun auch sehr gefördert durch die überschwellende Stimmung einer neuen Liebe. "Was ist wahr, was ist notwendig," rief er lachend, "in den verworrenen geschichtlichen Zuständen dieser Welt? Ich weiss es nicht, denn es wechselt wie die Witterung. Nur die Liebe ist ewig, und die Versöhnlichkeit ist darum immer die sicherste Tugend."

So ward es Stanislaus nicht schwer, den desertierenden Deutschen wieder zu gewinnen. Er versprach, wieder einzutreten, sobald es ans Fechten ginge. Und so war alles im trefflichsten Gleise, und ein wunderlicher Humor ergoss sich über Gedanken und Worte Valerius'. Keine einzige seiner wichtigen Gesellschaftsfragen war gelöst, aber die Harmonie nach aussen war hergestellt, sein Herz auf das Süsseste beschäftigt. Und bei solcher gelegenheit, wo wir eigentlich im tiefsten inneren hören: es ist keineswegs alles in Ordnung, wo wir aber halb und halb die Hoffnung aufgegeben haben, die widerstrebenden massen zu bewältigen, und wo uns dieser oder jener Reiz für den Mangel einer völligen Harmonie entschädigt, da kommt uns der Humor, ein beschwichtigender Tröster. Tief in den Winkeln seines Lächelns ruht zwar ein ewiger Schmerz, aber dieser hebt nur das Lächeln um so mehr, wir fühlen die notwendigkeit, uns selbst zu erhalten, und jenen Schmerz unberührt zu lassen. In dem Lächeln liegt auch ein so heimatlicher Zug, ein Erinnern an die Kindheit, an die Tage, wo wir noch völlig unschuldig waren, eine stimme sagt uns: Dies Lächeln ist echt, stammt aus dem Ursprünglichen deiner natur, aber der Schmerz ist erst gekommen mit