1833_Laube_131_118.txt

die Diplomatie der hohen Herrschaften ist durchgedrungen, der alte Bärenbeisser ist wieder drum gekommen, und der sanfte, unschuldige, unbekannte Skrzynecki ist Generalissimus. O, ich kenne meine Herren vom Reichstage! Sie wollen die Armee nicht aus der Hand geben, Skrzynecki kann sich auf keine Partei stützen, er beruht auf ihnen alleinder patriotische Klub wird ausser sich geraten, sie kommen aneinander, sie kommen aneinander, geben Sie acht, unsere Sache geht gut, geht schneller als wir dachten. – Sie täten am besten, gleich in den Klub zu gehen, und alles mögliche Holz ins Feuer zu werfen."

Herr von Wankenberg hatte noch immer dasselbe Lächeln auf den Lippen und erwiderte dem lebhaften Konditor mit der ungestörten Ruhe eines besser Unterrichteten und eines Vornehmeren, der sich am Eifer eines Gleichgesinnten freut, ihn aber gern in die untergeordnete Stellung zurückgedrängt sieht: "Sie sind zu voreilig, zu sanguinisch, Herr Lessel, Sie könnten unsere Sache kompromittieren, ehe sie reif ist, Sie sind den jungen Leuten ohnedies schon verdächtig und sollten mehr als jeder andere auf der Hut sein."

Lessel zog die Augenbrauen zusammen und kniff die schmalen Lippen ein, aber Herr von Wankenberg liess sich nicht stören und fuhr fort: "Der Klub ist klüger, als viele denken, seine Hauptführer haben beschlossen, das sogenannte Wohl ihres Vaterlandes auf keine Weise blosszustellen, solange der Feind zwei Meilen vor Warschau steht, alle Kraft vorderhand auf den Kampf zu verwenden, und erst später einen direkten Einfluss auf die Regierung, oder die Regierung selbst zu erzwingen."

"Später, später," fiel Lessel ein, "wenn's nur ein Später für sie geben wird."

"Gut, gut, oder möglich, wahrscheinlich," fiel Wankenberg ein, "Skrzynecki ist ein unentschlossener Mann, er wird die Hitze verrauchen lassen, aber jetzt ist nichts, gar nichts zu machen, kompromittieren Sie uns nicht, Lessel, mit Ihrer Voreiligkeit; rüsten Sie zu morgen früh, oder besser noch für heute nacht den alten Levi, ich werde ihm Briefe geben über den Stand der Dinge; lassen Sie nicht wieder den alten Franzosen sein Geschwätz beilegen, er übertreibt alles, um seine Wichtigkeit beim Feldmarschall zu erhöhenseien Sie unbesorgt, Lessel, ich will Ihrer Tätigkeit schon erwähnen, mein Missvergnügen über Ihre Voreiligkeiten hat nichts mit meinen Mitteilungen zu schaffendrüben im Winkel, hinter Ihnen hat sich ein Gast eingefunden, verlassen Sie uns, und schicken Sie uns bessern Glühwein."

Lessel nahm die Gläser und schrie wieder wie vorher im Abgehen: "Glühwein, zweimal!"

Während dieses Gesprächs hatte William still dagesessen, und wenn er nicht zuweilen einen verächtlichen blick auf die beiden Sprecher geworfen hätte, so würde man geglaubt haben, er höre gar nichts von ihrem gespräche. Der schroffe Ausdruck seines Gesichts war immer härter geworden, er strich sich die langen, schlichten Haare, welche ungeordnet um seinen Kopf hingen, aus den Schläfen, und eine abschreckende Verachtung drückte sich auf seinen Lippen aus, als er dem Kellner das frisch gefüllte Glas abnahm und zu seinem Begleiter sprach:

"Sie müssen gestehen, Herr von Wankenberg, arme Adelige unseres Vaterlandes, und die alten vertriebenen Franzosen arbeiten der Revolution aufs beste in die händesie haben sich fast das Privilegium des Spionierens erworben."

Wankenberg lachte hell auf: "Sie sind ein Spassvogel, aber ich bitte Sie, nicht so laut zu sprechen, der Mann da drüben liest vielleicht nicht so eifrig im 'Warschauer Kurier', als es aussiehtdie Diplomatie, lieber Sir William, hat mancherlei Branchen, und ich weiss ja, wie tief Sie selbst das revolutionäre Gesindel hassen."

"Ich hasse sie, weil ich ihre Grundsätze hasse, aber ich bin kein Spion für Geld."

"Um Gottes willen, sprechen Sie leiser, wenn Sie Ihre Tugend auskramen wollen, der Mensch da drüben sieht schon über das Journal hinweg. Apropos, Ihr alter Freund Valerius, der noch heute morgen kein Geld zu seiner Abreise hatte –"

"Ich weiss, ich weiss, Sie haben mir das heute morgen schon gesagt, und ich glaube, er ist jetzt damit versehen."

"Lassen Sie mich doch ausreden, ich bin ihm vor einer Stunde mit der Fürstin Konstantie auf der Strasse begegnet. Sie war zu Fuss und im eifrigsten Gespräch mit ihm, es kostete mich Mühe, den weit hinter ihr gehenden Bedienten zu entdeckenmit Ihren schönen grundsätzen machen Sie alles ungeschickt, und bringen nicht einmal diesen Schwärmer aus der Stadtmir ist er sicher, mir kommt er auch später zurecht; aber Ihnen ist er ja völlig im Wege. Ich habe mehr für Sie getan, als Sie wissen; ich habe ihn in den demokratischen Gesellschaften erblickt, und damit habe ich ihn aus den Zirkeln gedrängt, die er wohl aufgeben musste, weil man ihm scheele Gesichter schnitt, ich habe" –

William, auf dessen Antlitz sich die heftigsten Empfindungen ausgeprägt hatten während dieser Erzählung, sprang in diesem Augenblicke auf und verliess schnell das Zimmer.

Dies schien aber seinen Begleiter wenig zu rühren; er nahm ein Taschenbuch aus dem Rocke und notierte sich etwas. Dieser Herr von Wankenberg hatte eins von jenen verwischten Gesichtern, denen man das Alter nicht recht ansieht. Er konnte ebensogut fünfundzwanzig wie fünfunddreissig Jahre zählen. Seine Harare waren dünn und eng am kopf liegend, ein fein zugeschnittenes Bärtchen hob das glatte Gesicht, das für