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Gruppen von eifrig sprechenden Leuten, die Wagen rasselten schneller und häufiger, als man es sonst gewohnt war, Soldaten von allen Gattungen, Bauern, junge Leute in Zivilkleidern strömten hin und her, einer fragte den andernkurz, der unaufmerksamste Beobachter musste inne werden, die ganze Bevölkerung werde von einem neuen grossen Interesse bewegt.

Zwei junge Männer in weite Karbonarimäntel gehüllt drängten sich durch die Menge und gingen auf eine Konditorei zu, deren bunt erhellte Fenster weit herum leuchteten in der Dunkelheit. Der eine von ihnen schien sich wenig um die Aufregung des Volkes zu kümmern; er war etwas grösser als sein Begleiter, die Züge seines Antlitzes, das man jetzt dicht an der erleuchteten Ladentüre sehen konnte, waren streng und ernst, ja sie hätten hart genannt werden können, wenn sie nicht durch einen schwärmerischen Zug von Melancholie gemildert worden wären. Er behauptete eine gewisse Superiorität über den anderen und schritt ohne weiteres zuerst in den Laden. Dieser zweite hatte auf der Strasse mit vieler Aufmerksamkeit hierhin und dortin nach den Äusserungen der Menge gehorcht, und dabei fortwährend leise, schnell und angelegentlich zu seinem Begleiter gesprochen, obgleich der letztere gar keine Notiz davon zu nehmen schien.

Alle Zimmer der Konditorei waren angefüllt, und die beiden Männer fanden mit Mühe in dem Winkel eines entfernten Gemachs zwei unbesetzte Plätze.

Der Besitzer des Ladens hiess Lessel und fuhr geschäftig unter der Menge hin und her, dem Anschein nach eifrig beschäftigt, das Verlangen seiner Gäste zufrieden zu stellen. Indessen konnte es einem schärferen Beobachter nicht entgehen, dass der vertrocknete kleine Mann mit den beweglichen Augen hie und da länger stehen blieb, als nötig war, und mit grosser Aufmerksamkeit auf die Äusserungen der Anwesenden horchte.

Der kleinere von den beiden im Winkel Sitzenden machte eben mit einem verschmitzten Lächeln seinen schweigsamen Begleiter darauf aufmerksam, als Herr Lessel an ihren Tisch trat. – "Glühwein, meine Herren?" sprach er mit lauter stimme, – leise aber setzte er hinzu, "der Alte fällt durch, alles geht nach Wunsch," und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er wieder unter die Menge, und man hörte nur seine durchdringende stimme: "Glühwein, zweimal!"

Das verschmitzte Lächeln des zweiten Mannes im Karbonari blieb ungestört auf dem lebenslustigen gesicht, und während nur der Ausdruck einer unschönen Schlauheit etwas stärker auf seinen Zügen hervortrat, sagte er zu seinem Nachbar: "Habe ich recht gehabt, Sir William?"

Dieser erwiderte indessen nichts und erhob nur das tiefliegende blaue Auge auf die Masse der Gäste, unter welcher eben die lebhafteste Bewegung entstanden war. "SkrzyneckiSkrzyneckialso doch Skrzynecki," dieser Ausruf flog von Mund zu Mund, alles drängte sich nach den anderen Zimmern, sind die beiden Männer sahen sich plötzlich allein.

Es war nämlich an jenem Abende die Wahl des neuen Generalissimus der Armee entschieden worden. In der Schlacht bei Grochow hatte man erkannt, wie nötig es sei, ein militärisches Talent an die Spitze zu stellen. Der wackere Fürst Radzivil, welcher damals auf allgemeines Drängen den Oberbefehl angenommen hatte, um den Eifersüchteleien der übrigen Befehlshaber keine Veranlassung zum Ausbruch zu geben, konnte und wollte dies Amt nicht länger behalten. Als Nichtmilitär und allgemein verehrter Patriot konnte seine Wahl keinen der übrigen Kandidaten beleidigen, Chlopicki konnte unter seinem Namen die Armee leiten, deshalb hatte er damals auf allgemeines Drängen einen Posten angenommen, dem er nicht gewachsen war. Chlopicki war aber gefallen und lag jetzt an seinen Wunden in Krakau danieder, man hatte auf dem Schlachtfelde von Praga und Grochow gesehen, wie misslich es sei, wenn das Schicksal des Tages in den Händen eines Mannes ruhe, der, wie Chlopicki, nicht offiziell an der Spitze stand; die Generale und Obersten hatten sich geweigert, seinen Anordnungen zu gehorchen, und dies Missverhältnis hatte das Schicksal der Nation aufs Spiel gesetzt. Die notwendigkeit lag vor Augen, einen tüchtigen Militär an die Spitze zu stellen, und die neue Entscheidung hatte bisher alle Parteien in Bewegung gesetzt. Skrzynecki und Krukowiecki waren die beiden wichtigsten Kandidaten, zwischen denen man schwankte. Jener hatte vom Anfange des Krieges her unzweifelhafte Proben einer tüchtigen militärischen Geschicklichkeit gegeben, er war bekannt und geschätzt als ein milder, gemässigter Mann, an seinem Patriotismus haftete kein Zweifel. Aber jene militärischen Proben eines untergeordneten Generals waren nicht hinreichend zum Beweise, ob er als Generalissimus an seinem platz stünde, jene gemässigten Gesinnungen hatten ihm kein Interesse bei der Volkspartei erweckt. Krukowiecki dagegen genoss bei dieser die ausgebreitetste Popularität, er galt für einen echten, unverfälschten Polen, er war einer von denen, welche in der schlichten Kutka einhergingen, er besuchte den patriotischen Klub, er verlangte durchgreifende, ganze Massregeln, sein soldatisches Talent, seine Energie waren bekannt, er war ein alter General, während Skrzynecki erst im Revolutionskriege dazu avanciert wurde.

Es war aber auch gerade Krukowiecki, dessen Eifersucht man durch die Wahl Radzivils hatte beschwichtigen wollen, sein Ehrgeiz wurde über alles von der Adelspartei gefürchtet, und diese Furcht wurde selbst durch seine bekannte damalige Äusserung nicht entfernt. "Stellt uns einen Tambour an die Spitze, er wird uns zum Siege führen, denn wir werden ihm folgen."

So standen die Sachen, als an jenem Abende Skrzynecki zum Generalissimus erwählt ward.

Herr Lessel fand sich bald wieder ein bei seinen beiden vereinsamten Gästen, rieb sich vergnügt die hände und sagte zu Williams Begleiter: "Nun, hab' ich recht gehabt, Herr von Wankenberg, hab' ich recht gehabt,