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unruhig und ungeduldig kam er nach haus. Magyac übergab ihm einen Brief und eine Rolle mit Goldstücken, die angekommen waren. Der Brief war von seinem Freunde Hippolyt, vom Gelde erwähnte er zwar nichts, Valerius kannte aber seine Gleichgültigkeit und sein Missbehagen, über Geld nur ein Wort zu verlieren, und trug dem Magyac auf, zum nächsten Morgen Postpferde zu bestellen und alles für die Abreise bereit zu halten.

"O Herr, verlass uns nicht!" bat Taddäus.

"Ich muss, Magyac, ich muss."

Und traurig ging Taddäus ans Packen.

22.

Es war dem Valerius, als ginge seine Jugend zu Ende mit der Abreise von Warschau. Alle seine früheren Wünsche, Hoffnungen und Gedanken glaubte er in Irrtümer verwandelt zu sehen, da er ein freiheitslustiges Volk aufgeben müsse.

Tief und schwer seufzte er auf: "Und auch die Liebe geht zu Ende, auch sie ist nicht mehr zu gewinnen. O, Jugend, du Inbegriff alles Reizes, warum scheidest du so früh von mir! Was ist das Leben ohne Hoffnung, und wo gibt's eine Hoffnung ohne Jugend? Nur die Jugend hat Farbe und Begeisterung, was werde' ich anfangen mit den grauen Tagen ohne Rot und Grün, die keine Kraft mehr in mir wecken. Die Jugend allein ist Poesiewie soll ich mich fortschleppen ohne dich, du erhebende Schwärmerei!

Es gibt nur zwei Arten, glücklich zu sein: entweder man bewegt und bevölkert sich und die Welt mit Idealen, Aussichten, neuer Zukunft, man schaukelt sich auf der wogenden Bewegung des ungezügelten Strebens, – oder man betrachtet die Welt aus einem ruhigen Herzen, freut sich des Kleinsten, hilft und fördert im Kleinsten, pflanzt mit Genügsamkeit, wartet geduldig auf das Gedeihen, gestaltet das Unbedeutende zur gefälligen Form, verlangt nichts vom Tage, als was er eben bietet, und hält den Nachbar und sein Interesse höher als das Wohl oder Wehe von Nationen.

Nur der letzte Weg ist mir übrig, und es fehlt mir alles, was er in Anspruch nimmt. Sogar die wohlige Behaglichkeit des Körpers, diese Vergnügen erzeugende Harmonie des Leibes geht mir ab. Die Revolutionsmilch hat mich aufgesäugt, unter Bewegung ist mir Geist und Körper gross gewachsenwird es mir gelingen, einen neuen Menschen zu erziehen! Und doch muss es sein: ich habe zuwenig Fanatismus, zuwenig leidenschaft, um als rücksichtsloser Bewegungsmann irgend ein Ziel zu finden. Ich werde ein jämmerliches Leben führen ohne Begeisterung und ohne Ruhe, zum Helden verdorben, zum Bürger untauglichaber zum Leiden und Tragen geschickt; lebe wohl, Jugend!"

Damit nahm er seinen Mantel; er wollte von Joel Abschied nehmen und noch einmal seine brücke besuchen, aber der Strasse, wo Konstantie wohnte, ausweichen, soweit er konnte.

Es war ein sanfter, stiller Abend, den er auf der Strasse fand, Frühlingsgedanken irrten schon vereinzelt hie und da in der Luft herum, und flüsterten unverständliche aber fröhlich klingende Worte den unbefangenen Leuten ins Ohr.

Überrascht von dem milden Eindruck der Luft blieb er einen Augenblick vor dem haus stehen. Da kam eine verschleierte Dame an den Häusern entlang, sie war nicht mehr weit von ihm, als sie den Kopf aufrichtete und nach den Fenstern des zweiten Stockes zu sehen schien, ein Bedienter folgte ihr in der Entfernung von einigen Schritten. Jetzt war sie dicht bei Valerius, der Kopf wieder gesenkt.

"Konstantie!" sprach dieser leise. – "Valerius!"

Dieser Gegenruf schien aus dem Herzen der Dame zu springen, ehe sie Zeit gewonnen hatte, das überraschte Gemüt zu verschliessen. Und nun folgte eine Szene, zu welcher nur tiefe und stolze Gemüter den Stoff liefern können, oder doch nur solche, welche imstande sind, die mächtigsten Gefühle lange und fest in ihren Busen verschlossen zu halten.

"Sind Sie es wirklich," hub dieser weiter an, indem er neben der Forteilenden herschritt.

"Ich bin es; der Abend ist schön, das Haus war mir eng: mögen es die Leute unschicklich finden, was kümmern mich die Leute" –

"O, wie dank' ich's dem milden Abende, der Sie herausgeführt, dass ich Sie noch einmal sehe; es soll mir ein Zeichen des himmels sein, dass noch nicht alle Freude für mich verloren sei" –

"Sie wollen doch nicht" –

"Ja, Gnädige, es ist meine letzte Nacht in Warschau," erwiderte er seufzend; "es will mich nichts mehr halten" –

"Valerius!"

"O dieser Ton! Warum öffnen Sie mir den Himmel, um ihn des andern Tages mit kaltem Blicke zu verschliessen" –

"Das sagen Sie mir? grosser Gott! Bin ich so schwach, mich verspotten zu lassen, oder bin ich so töricht gewesen, nicht zu erkennen, was ich wünschte" –

"Sie sind so hart, Liebe zu entzünden, und dann stolz zurückzutreten, wenn Sie ein Zufall irre führt" –

"O, Himmel, nein, nicht hart und stolz, unglücklich bin ich, ValeriusSie dürfen morgen nicht reisen" –

"Ein ganzes Heer in Waffen vermag's jetzt nicht, mich fortzutreiben, Konstantie, reich' mir einen Augenblick deine Hand, dass ich fühle, mein Glück sei wirklich" –

"O du Lieber, o du Liebsterverlass mich jetzt, wir sind an meiner wohnung, aber sei nicht lange von mir,