bot ihm die Hand, dieser schlug erst nach einer Weile die Augen auf, um mit einem jener rapiden polnischen Blicke die Stimmung des Deutschen zu erforschen. Als er aber die dargebotene Hand sah, schlug er schnell ein: "Nous sommes d'accord?"
Wenn das Gewissen noch nicht rein ist, und das Herz nicht selbst und mutig spricht, dann reden die Leute in solchen Fällen französisch.
Valerius nickte mit dem kopf, und sie gingen langsam dem Palais zu. Jener dachte nur an Konstantie: sie hatte sich vorzüglich an Stanislaus gewendet, und er fühlte wohl, wieviel Vorwurf darin lag, dass sie ihm weniger Vorwürfe machte als diesem, dass sie kein Recht mehr haben wollte, ihn zu schelten. – Aber er hoffte, sie noch beim alten Herrn zu finden, und ihr durch zwei, drei leise Worte sagen zu können, was er empfände. Er wollte deshalb schneller gehen, aber Stanislaus machte keine Anstalt, ihm zu folgen, und so war er genötigt, langsam fortzuschleichen, während sein Herz sprang.
Konstantie war nicht mehr beim alten Grafen. Dieser empfing Valerius mit einer süssen Höflichkeit, welcher man leicht anmerkte, dass sie nur die eines Weltmannes und von der Beredsamkeit Konstantiens erzeugt war. Er bat Valerius, zum Essen dazubleiben, und begann ein Gespräch, über deutsche Literatur; es war nicht zu verkennen, dass er alle früheren Beziehungen geflissentlich umgehen wollte. Valerius fühlte sich gedrückt und ertrug den fatalen Zustand nur, um wieder in die Nähe der Fürstin zu kommen.
"Ich hörte neulich," hub der Graf an, "hier unten auf der Strasse ein Lied von Goete singen, das ich oft in Deutschland gehört habe. Es sind wohl mehrere Ihrer Landsleute hier?" und die alten tiefen Augen schickten bei diesen Worten einen spitzigen blick auf den Gefragten – "was machen die Leute in einer solchen Kriegszeit bei uns?"
Valerius war verlegen und beleidigt, aber er mochte nicht reden und zuckte bloss mit den Achseln.
Das Gespräch fügte sich nicht, die Reden und Gedanken gingen nicht ineinander über, und der Vorschlag des alten Grafen, bis zum Essen eine Partie Schach zu spielen, war ebenso natürlich, um das Peinliche des Zustandes aufzuheben, als er dem jungen Fremden angenehm war. Es gibt nichts Drückenderes, als wenn zwei Personen von äusseren Gründen getrieben werden, sich einander zu nähern, und doch keine inneren gegenseitigen Verbindungen auffinden können. Der Wunsch des Alten war nicht zu verkennen: Valerius möchte wieder unter die Waffen treten. Jeder "brave Pole" – so nennen sie vorzugsweise ihre Patrioten – betrachtet sein Vaterland wie eine Familienangelegenheit, und einen Krieger dafür zu gewinnen, war in jenen Tagen Gewissenssache. Zumal hier, wo sich Vater und Sohn vorzuwerfen hatten, dass sie schuld trügen, wenn ihre Sache einen Streiter verlöre an dem Deutschen.
Der Bediente meldete, dass angerichtet sei. "Wir müssen den Schluss unserer Partie aufschieben, Herr von Valerius. Sie machen das Spiel dem Gegner schwierig durch den häufigen Gebrauch der Springer – solch ein Springer macht seine Bewegungen mit einer regelmässigen Unregelmässigkeit, die schnell einen ganzen Plan umwirft."
Der Spott war also schon artiger geworden, aber ohne Hedwigs Gegenwart wäre das Mittagsmahl doch wieder peinlich gewesen. Die Fürstin war völlig schweigsam; Stanislaus machte mehrere Versuche, in den früheren herzlichen Ton mit seinem jungen Freunde einzustimmen, aber trotz dessen Entgegenkommen gelang es nicht. Hedwig nur war unverändert in ihrer alten Heiterkeit. Einmal betrachtete sie ihren Bräutigam und Valerius aufmerksam und mit halb lachendem gesicht und brach endlich in ein volles Gelächter und in die Worte aus: "Meine Herren, das nenn' ich Sympatie, Sie haben ja beide zerrissene Röcke an! Hier ist ein langer Ritz in der Uniform, und dort – ach, wie schade ist's um ihren blanken schwarzen Rock, Herr von Valerius!"
Diese Erinnerung an den Vorfall im Garten war eher geeignet, die üble Stimmung noch zu erhöhen; der alte Graf nahm aber gelegenheit davon, sein Glas dem Fremden hinzureichen und auf "frische Tapferkeit" anzustossen. Dieser begriff zwar leicht, dass es auf seine zu hoffende Tapferkeit gegen die Russen gemünzt sei, aber er stiess an, um womöglich ein fröhlicheres Verhältnis zu erzeugen.
Einem aufmerksamen Beobachter der Fürstin konnte es nicht entgehen, dass sie nicht so ruhig war, als sie schien, dass zuweilen eine schnelle Röte in ihrem gesicht aufstieg, dass sie mit ungewöhnlicher Teilnahme und Besorgnis auf den Säbelhieb blickte, den Hedwig auf des Gastes Rocke entdeckt hatte. Aber sie sprach nicht, und wenn Valerius sie anredete, und mit weicher, einschmeichelnder stimme auf diese oder jene Weise in ein Gespräch zu nötigen suchte, so wich sie immer aus, wenn auch gewandt und höflich, aber immer kalt. Ihre schwer ruhenden Blicke, die auf dem jungen mann weilten, so oft seine Augen nicht direkt auf sie gerichtet waren, bemerkte er leider nicht, von dem mörderischen Kampf zwischen Stolz und Liebe, der in solchen Augenblicken über ihre schönen Züge hinwegbrauste, gewahrte er nichts. Als man vom Tische aufstand, entfernte sie sich sogleich. Auch Valerius ging. "Die liebt mich nicht, ich habe früher recht gehabt, es ist ein gewöhnliches liebelustiges Weib, das eine scheinbare Vernachlässigung nicht vergibt. Still, Neigung, ungestümes Verlangen – hier ist kein Heil für mich, und morgen verlass' ich diese Stadt." Sein Geldmangel fiel ihm ein, und