und höhere Art, das Leben zu betrachten, mächtig, er verschob diese ökonomischen Untersuchungen auf eine andere Zeit, und schritt stolz die Strasse entlang, in welcher die Fürstin wohnte – wohin er gehen wollte, wusste er selbst noch nicht.
Stanislaus trat eben aus der Tür; Valerius ging auf ihn zu. Jener konnte nicht füglich mehr ausweichen, und musste es anhören, wie ihn Valerius mit freundlichen Worten fragte, ob er böse sei, und warum er sich durch den Bedienten habe verleugnen lassen. Aber die Heftigkeit, welche in dem Polen aufloderte, liess diesen nicht zu Ende kommen, er überschüttete Valerius mit einer Flut beleidigender Worte, wie er sich des dreisten Juden angenommen, sogar, um seine Familie zu frondieren, Arm in Arm mit jenem frechen Burschen an ihm und seinem Vater vorübergegangen sei, wie er den heiligen Kampf des Landes leichtsinnig verlassen, weil Graf Kicki es nicht in der Ordnung gefunden habe, dass dieser Joel eine edle Familie mit seinen Zudringlichkeiten beschimpfe –
"Schweigen Sie, Herr," unterbrach ihn Valerius, "der Sie allerlei schöne humane Redensarten im mund führen, und wenn's zur Sache kommt, die veraltetsten adeligen Unflätereien an den Tag legen. Es ist mir nicht eingefallen, an Sie zu denken und für Sie eine Beleidigung darin zu sehen, wenn ich den unglücklichen Joel gegen Ungebührlichkeiten in Schutz nahm. Er hatte meine Freundschaft in Anspruch genommen, und es war meine Schuldigkeit ihn zu vertreten. Ja, ich würde ihn auch ohne dies vertreten haben, den man wie einen Paria behandelt; gegen tyrannische Unterdrückung zu kämpfen, war ich nach Warschau gekommen, und es ist nicht mein geringster Schmerz, dass ich sie da finde – genug, Herr, Sie Worteld der Humanität haben sich eben der beleidigendsten Ausdrücke gegen mich bedient und werden mir Satisfaktion geben."
Diese letzten Worte rissen Stanislaus aus einem Zustande von Beschämung, welche der erste teil von Valerius' Rede erzeugt zu haben schien. Die Herausforderung schürte seinen Zorn wieder auf. – "Kommen Sie, Herr," rief er glühend, und trat ins Haus, rief einen Bedienten, sagte ihm einige Worte ins Ohr, und schritt Valerius voraus durch den Hof in den grossen Garten, welcher zu dem Palais gehörte. Ehe sie noch den hinteren teil erreicht hatten, flog der Bediente schon wieder hinter ihnen her, und brachte seinem Herrn einen Säbel. Ein Wink von diesem, der Bediente entfernte sich, Stanislaus reichte seinem Gegner den Säbel, und zog den seinen, sie warfen die Mäntel ab, und hie Hiebe flogen.
Von dem Palais zog sich ein gedeckter gang an der einen Seite des Gartens hin bis zum Ende desselben. Er glich von aussen völlig einem einstöckigen Gebäude, hatte Fenster mit Jalousien und stiess hinten an ein Gartenhaus, das quer den Garten schloss und dessen Front hinten nach einer Strasse ging. In dem Winkel, welchen die beiden Gebäude bildeten, war jetzt der Kampfplatz. Die Jalousien des Ganges, die Fenster des Gartenhauses waren verschlossen, von dort aus konnten sie nicht beobachtet werden, eine dichte Gruppe Bäume, wenn auch damals unbelaubt, deckte sie so ziemlich nach vorn zu gegen unberufene Blicke aus dem Palais.
Sie waren beide geübte Fechter, beide noch in der ersten Aufwallung, es regnete von beiden Seiten Hiebe – da flog die letzte Jalousie des Durchganges auf, in deren Nähe sie fochten, und die Fürstin erschien in der Fensteröffnung. Sie hatte vorn am Fenster den Wortwechsel an der Haustüre angehört, hatte sie in den Hof schreiten, den Bedienten mit einem Säbel nacheilen sehen und sich leicht das übrige ergänzt. Der Durchgang führte just in die Zimmer, welche sie bewohnte; in früheren zeiten hatte sich der Herr vom haus gewöhnlich darin aufgehalten, und die bedeckte Verbindung mit dem Gartenhause war vielleicht zum Behufe verborgener Zusammenkünfte erbaut worden, wie sie in einem land der Unterdrükkung nicht selten sind. Die Fürstin war also eilig durch ihre Zimmer die Treppe hinabgeeilt, und das Waffengeklirr verkündigte ihr am letzten Fenster, dass sie hier in der Nähe der Kämpfer sei. Einen Augenblick sah sie mit leuchtenden Augen dem Kampfe zu, als sei sie bloss deshalb herbeigeeilt. Die weibliche sorge überwog aber doch bald jedes andere Wohlgefallen, und sie rief hastig den Namen ihres Cousins.
Das Öffnen der Jalousie war diesen entgangen, aber die stimme konnten sie nicht leicht überhören. Beide hielten inne, erhitzt, heftig atmend.
"Schämen Sie sich nicht, meine Herren, ohne Sekundanten und Zeugen wie ein paar Stegreifritter aufeinander loszuschlagen? – So was kann nur in Polen geschehen! Cousin Stanislaus, ist das Zivilisation, Herr von Valerius, sind das Ihre humanen Grundsätze, mit denen Sie sonst das regelmässige Duell sogar wegräsonnieren mit Stumpf und Stiel?"
Den einen wie den andern trafen diese Vorwürfe: jeder hatte sich von der Hitze fortreissen lassen, und die beiden jungen Männer, rot von der Bewegung und einer leichten Scham, sahen unschlüssig nach dem Fenster, aus dessen Dunkel das blasse schöne Antlitz Konstantiens blickte.
"Ich habe vom Fenster des Salons aus Ihren Streit angehört; Cousin, Cousin, was sind das für fanatische Manieren gegen einen Mann, für dessen Freundschaft Sie noch vorgestern schwärmten. Erlauben Sie, meine Herren, dass ich Sie beide beim Onkel melde, und ihm den Stand der Sachen auseinandersetze – aber haben Sie die Güte, Ihre Säbel einzustecken."
Sie verschwand nach den letzten Worten. Valerius sah seinen Gegner an und