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über die Schultern zurück und sprachen stumm von der Achtlosigkeit ihrer Herrin.

"O schöne, schöne Konstantie, warum kann ich nicht zu dir, um dich zu küssen und die törichte Welt in deinen Armen zu vergessen!" seufzte er leise. "Fortfort," flüsterte Joel, der gekommen war, "das sind vornehme Leute."

Valerius sah ihnen aber noch länger nach, und er hatte eine ironische Freude an dem Gedanken, dass er in der fremden, für ihn unwirtlichen Stadt eben keinen polnischen Groschen besitze, während das Weib, das er liebte, und das ihn vielleicht wieder liebte, stolz vorüber ritte, und dem ersten Bettler zuwärfe, was dem Geliebten auf einen Tag das Leben fristen könnte.

"Nicht doch, nicht doch," rief er aber schnell,

"wozu solche Kontraste und Übertreibungen, kommen Sie, Freund, ins Teater."

Aber auch dort litt es ihn nicht lange. "Überall En

tusiasmus, Patriotismus, Freund Joel, das fängt an mich zu langweilen."

Joel lächelte und erwiderte gutmütig: "Sie sind

schlechter Laune, und Sie sind ein Deutscher: dies Volksleben, dieser Volkslärm war Ihnen willkommen, als er Ihnen neu war, er entsprach Ihren Freiheitsbegriffen; jetzt sind Sie Ihren Launen verfallen, die künstlichen, die erdachten Wünsche an Volksleben schweigen, und die deutsche Gewohnheit macht Ihnen den Lärm lästig."

"Sie haben recht, man muss über nichts reden, wenn

man unfreien Gemütes ist; ich habe den Leuten unrecht getan."

Joel führte ihn in den patriotischen Klub, aber er

hatte nirgends Ruhe. Weiter, immer weiter trieb er, und als er endlich heimgekehrt war, stärkte ihn selbst der Schlaf nicht. Ermattet wachte er am nächsten Morgen auf. Die Sorgen fielen über ihn her, und der völlige Geldmangel war nicht die geringste. Und zwei so verschiedene Dinge sind es gerade, Liebe und Geld, wo keine Philosophie hilft. Er warf sich in die Kleider, um einen Bankier aufzusuchen, von welchem er bei seiner Ankunft in Warschau einen Wechsel bezogen hatte; vielleicht wüsste der Mann Rat zu schaffen. Das Kontor war noch geschlossen, und Valerius hatte Zeit, spazieren zu gehen. Es regnete emsig; die Leute eilten flüchtig durch die Strassen. Vielleicht nimmst du heute Abschied von diesen Orten, dachte er, und der Himmel sorgt dafür, einen letzten trüben Eindruck deinem Gedächtnis einzuprägen. Ob er gehen, ob er nicht gehen würde, das wusste er nämlich selbst noch nicht, die schöne Reiterin von gestern ritt unaufhörlich in Kopf und Herzen auf und ab, und er dachte eigentlich nicht eine Stunde vorwärts, und wenn jetzt eine stimme in ihm rief: "Heute noch musst du diese Stadt verlassen," so sagte er: "Jawohl, jawohl!" und ein leises Geflüster, das von Konstantie erzählte, ward nur von seinem Herzen vernommen. Das Herz aber schwieg still, als kümmerte es sich gar nicht um die Entschlüsse seines Herrn, als hätte es gar keinen Einfluss darauf. So lässt die gebietende Hausfrau den zärtlichen Gatten, wenn er im Zorn oder Sturm einhergeht, alles mögliche beschliessen, und wenn das Beschlossene geschehen soll, so sagt sie bloss: "Nicht doch!" und es bleibt beim alten.

Valerius kam wieder zum haus des Bankiers. Das Kontor war jetzt offen; er traf aber schon einen jungen Mann im eifrigen Gespräch mit dem Herrn. Die stimme des Mannes, der ihm den rücken kehrte, klang ihm bekannt, er hatte aber keine Zeit nachzusinnen; der Bankier trat ihm entgegen und fragte nach seinem Begehr. Valerius stellte ihm seine Verlegenheit vor und fragte, ob er einen Wechsel ausstellen könne für jenes deutsche Handelshaus, dessen Anweisung ihm der Bankier vor einigen Monaten honoriert habe; der Graf Topf habe ihn an jenes Haus empfohlen, und für das garantiert, was er entnehme, die augenblickliche Verlegenheit liesse ihm aber jetzt keine Zeit, nach Deutschland zu schreiben und einen rückkehrenden Brief abzuwarten. Der Bankier zuckte natürlich die Achseln und erklärte, sich auf dies Geschäft nicht einlassen zu können.

Auf dem Wege nach haus fiel es Valerius zum ersten Male ein, dass es auch eine Pflicht sei, Geld zu erwerben. Die Wichtigkeit des Geldes erschien ihm auf einmal nur zu deutlich. Er musste sich gestehen, dass es unmöglich in der Ordnung sein könne, vom Vermögen seiner Freunde zu leben. Dazu sei die bürgerliche Gesellschaft nicht konstruiert.

Eh' er nach Grünschloss gekommen war, hatte er in kleinen, wohlfeilen Verhältnissen gelebt, einzelne Geistesarbeiten und der jeweilige Zuschuss seines Freundes Hippolyt hatten für seine Bedürfnisse zugereicht. Später hatte ihn die liebenswürdigste Zuvorkommenheit des Grafen Topf nicht mehr an Geld und Gelderwerbung denken lassen, er hatte sich unterdes an die Bedürfnisse der höheren Klassen gewöhnt, und der Gedanke überraschte ihn bei der argen augenblicklichen Verlegenheit nicht eben angenehm, dass er auf diese Weise durchaus nicht fortleben dürfe. "Der Staat ist einmal auf Erwerb gegründet," sagte er sich, "und du bist ein unnützes, unproduktives Mitglied."

Es hatte zwar eine Zeit gegeben, wo er in poetischer Ansicht des Lebens solche triviale Staatsforderungen entrüstet abgewiesen hätte, aber ein Augenblick, wo man den Hunger und Mangel vor der tür sieht, ist der poetischen Ansicht des Staates nicht günstig. Und sein Verlangen nach Selbständigkeit lehnte sich nicht minder auf gegen dies stets abhängige Verhältnis von seinen Freunden.

Bei alledem blieb aber doch seine stolzere