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Liebe. Wir haben überhaupt viel miteinander geweint, aber uns geliebt wie die Engel. Aber Weib war sie durch und durch; zu einer Art von männlichem Kosmopolitismus in der Liebe habe ich sie nie bewegen können, sie wehrte mich hastig mit den Händen ab, sie hielt mir den Mund zu, sie schlug mich, wenn ich ihr sagte, die Liebe sei etwas Grösseres als die Neigung zu dieser oder jener einzelnen person, man könne der Liebe treu sein, während man der Geliebten untreu werde. Darin war sie einseitig und leidenschaftlich. Und damit hat sie mich gelähmt für mein ganzes Leben.

Es war eine warme, weiche, mondhelle Nacht, als Ihr einst von mir gingt, Balladen und Lieder küssten sich in mir, es war Ball in meinem Herzen, und zauberische Musik trieb Mir alles im Kreise herum. Aus dem Fenster sah ich Euch nach, mein ganzer Mensch war liebedurstig wie ein wohltuend ermüdeter Wanderer; ich ging Euch nach, bald fand ich mich vor dem Gartenzaun, der meiner Liebsten Haus umgab. Der Hofhund kam brüllend herbei; meine, eines alten Bekannten, leise Schmeichelworte beschwichtigten ihn bald, ich stieg über den Zaun. Klara hatte Besuch von ihrem Bruder. Von unserem Verhältnisse durfte er nichts ahnen; er war ein leidenschaftlicher Mensch, der in Italien geboren und erzogen war; entdeckte er mich bei meinem Vorhaben, er schoss mich wie einen Strauchdieb nieder. Ich aber war liebelustig und verachtete alle Rücksichten; in den hohen Affekten kennen wir keine künstlichen bürgerlichen Formen, man hütet mit König René Schafe, und reitet mit Hüon nach Bagdad. Jener Besuch hatte mich seit mehreren Tagen von Klara getrennt, ich lechzte nach ihrem Auge, wie nach Lichter war noch da, das wusste ich, aber ich wusste auch, dass Klara wie ein Vogel schlief, der bei dem leisesten Geräusch die Schwingen hebt; ich wusste, dass ein hoher, breitästiger Kastanienbaum dicht unter ihrem Fenster stand. Ich schlüpfte entschlossen durch die dunkeln Gänge des Gartens dem haus zu. Klaras Fenster waren offen, wahrscheinlich war sie noch wachaber die Fenster des Bruders waren hell, eines sogar war geöffnet, das kleinste Geräusch konnte mich verraten. Du weisst, dass ich im Sommer immer leichte Tanzstiefeln trage, dies kam mir zustatten; ohne Geräusch kam ich bis an den Stamm des Baumes, die alte Turngeschicklichkeit brachte mich bald hinauf, wie staunend sah mir unten der Hund nach. Der Mond schien geisterhaft, ich stand im Dunkel der Äste und übersah mein Terrain. Klara lag halb entkleidet auf dem Sofa, ihr dunkelbraunes Haar war zur Hälfte aufgelöst und schmiegte sich schmeichelnd wie ein sehnsüchtiger Trieb, dem man Gewährung gestattet, um Hals und Busen, ihre weisse Hand und der schöne, zur Hälfte entblösste Arm spielten damit. Sie sah träumend vor sich hinich habe nie etwas Reizenderes gesehen. Sie trug sonst immer ein weites faltiges schwarzseidenes oder sammtenes Kleid, es schmiegte sich dies zwar liebend an die schönen Formen, aber das warme Leben war immer verhülltzum erstenmal sah ich's entfesselt, und eine göttliche Sinnlichkeit, die sich mir selbst in ihrem Arm nie so klar angekündigt, kam über mich. Ich hätte zu ihr gemusst und hätte es mich tausend Leben gekostet. Wie Kätchen unter dem Hollunderbaum mit dem Mondschein buhlend lag sie da, der kleine Fuss, des Schuhes ledig, spielte tändelnd in der Luft, der auf den Busen vorgebeugte Kopf trug den Ausdruck einer glückseligen, heimlichen Erwartung. Eben wollte ich auf ihren Fensterbogen treten, da öffnete der Bruder, dessen Zimmer daneben war und den ich auf und nieder gehen gesehen hatte, den zweiten Fensterflügel und sah in den Mondschein heraus. Ich blieb regungslos stehen, der verzweifelte Hund fing an zu knurren, heraufsehend nach Baum und Fenster, ich konnte leichtlich dadurch verraten werden. – Klara träumte und tändelte ungestört fort. Eine peinliche Minute verging, der Bruder schien nach mir herzusehen, ich hielt den Atem an, plötzlich brach ein kleiner Ast, auf den ich im Rückzuge mit dem rechten fuss getreten war; die Grabesstille der Nacht machte ein auffallendes Geräusch daraus, der Bruder fuhr blitzschnell mit dem Kopf aus dem Fenster. Klara hob sich ein wenig in die Höhe und horchte, der Hund knurrte lauter, ich hielt mich mit dem Arm fest an einem Ast und wagte nicht, eine neue Stütze für meinen rechten Fuss zu suchen, aus Besorgnis neues Geräusch zu machen. Der Vetter aller Liebenden, Freund Mond, bemerkte zu rechter Zeit meine Not, er trat hinter eine Wolke; schwerlich wäre sonst des Bruders unablässigem Hinstarren nach dem Baume meine leuchtende weisse Hose entgangen. Tödliche fünf Minuten schwebte ich so auf der Folter, da gab er endlich die Sache auf, warf das Fenster zu und ging in die Tiefe des Zimmers. Ich trat jetzt keck auf den Fensterbogen und sprang behend ins Zimmer. Ein unterdrücktes "Ach!" Klaras bedeckte ich vollends mit Küssen. Die furchtsamsten Weiber, wenn sie lieben, werden nie durch eine Äusserung der Furcht etwas verraten, sie haben den Liebhaber und die Liebe zu immerwährenden Begleitern, bei sich, und wenn etwas vorfällt, so sehen sie sich immer erst nach diesen um und horchen, was diese dazu sagen. Der glühendste Mann liebt mit Geschäftspausen, er vergisst des tages über wenigstens zehnmal die Geliebte und erinnert sich hundertmal ihrer. Das Weib erinnert sich des geliebten Mannes gar nicht, denn sie hat ihn