Aufruhr seiner Gedanken und Wünsche kam er in seine wohnung. Magyac trat ihm mit traurigem Gesicht entgegen: "Herr, Sie wollen nicht mehr mit uns fechten?"
"Woher weisst du das?"
Nach einigem Zögern erzählte er, dass es ihm der Bediente des Grafen Stanislaus gesagt habe. "Er hat den jungen und den alten Herrn Grafen sehr heftig darüber sprechen hören, auch von Joel ist die Rede gewesen, und der alte Herr hat dem jungen heftige Vorwürfe gemacht, dass er unbesonnen sein Vertrauen und seine Freundschaft wegwerfe. Herr, es ist einer wie der andere von unseren Edelleuten, wenn auch in manchen Stunden einer besser aussieht als der andere, und ich würde nicht von Ihnen gehen, Herr, wenn Sie noch mit uns fechten wollten."
"Du willst mich also verlassen?"
"Ja, Herr, ich bin ein Pole."
Valerius fühlte eine Art Kitzel der Trauer darin, dass ihm plötzlich alles untreu würde. Er reichte dem Taddäus die Hand und schenkte ihm seine Börse, ohne zu bedenken, dass es der letzte Rest seiner Barschaft sei.
"lebe' wohl, Magyac, du bist noch der Ehrlichste von allen."
Taddäus küsste ihm heftig die Hand, eine ungewöhnliche Rührung trat auf sein Gesicht: "Herr, Sie sind gut, lassen Sie mich so lange hier bleiben, bis Sie aus Warschau gehen, jetzt gibt es doch noch nichts zu tun."
Diese stillschweigende Voraussetzung des einfachen Bauers, dass sein Herr Warschau verlassen müsse, wenn er nicht mehr fechten wollte, ergriff diesen heftig. Er fühlte sich unglücklich, verlassen, beleidigt, und da er nicht wusste, wen er direkt anklagen sollte, so hätte er am liebsten weinen mögen wie ein ungezogenes Kind.
So schnell wechseln die Dinge, dass er es heute war, welcher Joel aufsuchte, um einen Freund zu sehen. Einer wollte den andern zerstreuen, und sie strichen planlos Arm in Arm durch die Strassen. Stanislaus und sein Vater fuhren rasselnd an ihnen vorüber, Valerius bemerkte sie zu spät, um zu grüssen, sie selbst hatten keine Anstalt dazu gemacht.
"Hoffen Sie wirklich," sprach Joel, "mit diesen Leuten noch in Verbindung zu bleiben, nachdem Sie sich meiner angenommen, nachdem Sie Ihr Regiment verlassen haben? O wie wenig kennen Sie meine Landsleute, im Patriotismus liegt all ihre Tugend, und wenn sie andere edle Gefühle zeigen, so entspringen diese nur aus einem nahen oder fernen Zusammenhange mit diesem Patriotismus. Alle Nationalität ist eine Gattung Egoismus, und die unsere vollends. Und haben Sie denn vergessen, dass Hedwig des jungen Grafen Verlobte ist? Gewiss, Sie haben es vergessen, weil er keine Zeit hat für das arme Mädchen, weil Sie nie etwas von Lieb' und Teilnahme an ihm bemerkt haben – aber Freund, sie ist seine Verlobte, und Sie haben einen zudringlichen, niedrigen Liebhaber derselben in Schutz genommen, Sie gehen eben mit ihm Arm in Arm über die Strasse. Sie haben in seinen Augen ein Sakrileg begangen, Sie haben seinen Stand und die kurze flüchtige Freundschaft verletzt – er kennt Sie nicht mehr, wenn er Ihnen begegnet."
Joel war stärker geworden, seit er seinen Freund unter Missverhältnissen leiden sah, in denen er Ähnlichkeit mit den seinen zu finden glaubte. Es war ihm eine Tröstung, nicht allein von der Gesellschaft misshandelt zu werden, und sein Liebesjammer verstummte vor den Kämpfen um Ehre und Existenz, die ihm Geist und Herz bewegten.
Sie traten in ein Kaffeehaus, überall hörte man Entrüstung über die Untätigkeit der Regierung, alles politisierte, las Zeitungen, sprach vom Kriege. Valerius kam sich vor wie ein abgeschiedener Geist, der nichts mehr mitzusprechen habe über irdische Dinge. In seinem Schrecken ward er jetzt auch inne, dass er von allem Gelde entblösst sei, er musste Joel in Anspruch nehmen und vorgeben, seine Börse vergessen zu haben. Es fiel ihm plötzlich schwer aufs Herz, was daraus werden solle; Joel hätte gewiss leicht Rat geschafft, aber er konnte ihm nichts sagen. Gerade dessen üble Stellung zur Gesellschaft hielt ihn ab, etwas zu tun, worin er sonst einem Freunde gegenüber nicht das mindeste Bedenken gefunden hätte. Er hat keinen einzigen Freund als mich, dachte er, und der arme könnte einen Augenblick glauben, ich stünde neben ihm, weil ich sein Geld brauchte.
Es war ein fataler, übertriebener Gedanke, den aber wohl die Situation entschuldigte.
Valerius hatte nirgends Ruhe, und Joels Vorschlag, ins Teater zu gehen, kam ihm gelegen. Er war aus dem haus getreten und wartete auf Joel. Da ritten zwei Damen an ihm vorüber; es waren Hedwig und Konstantie, an der Seite jener der Graf Kicki. Hedwig nickte freundlich mit dem kopf, noch ehe er Zeit gewann, nach seinem hut zu greifen, Konstantie dankte leichtin seinem Grusse, und es eilte ein stolzer Schmerz schnell wie ein Windstoss über das schöne Gesicht.
"Ach, er ist auch wieder so blass," hörte er Hedwig zu ihr sagen, und sie wendete sich noch einmal freundlich nach ihm zurück. Konstantie aber sah nicht mehr rückwärts. Regungslos blieb er stehen. Jenes schöne Antlitz Konstantiens war ihm wohl bekannt, nie hatte er diese verführerische Blässe, nie diesen hohen, tragischen Ausdruck darauf erblickt. Das schwarze, lange Reitkleid, der schwarze Hut mit dem wehenden schwarzen Schleier, erhöhten das Bild einer stolzen Trauer. Einzelne Locken flogen wie sehnsüchtige Gedanken