1833_Laube_131_108.txt

setzte er hinzu, aber der Vorfall sei von sehr trauriger Bedeutung. "Sie können doch," sprach er mit grosser Schnelligkeit, "Sie können doch, Herr von Valerius, unmöglich soviel moderne Bildung von uns verlangen, dass wir unsere edlen Familien mit Juden vermischen. Es steht mir kein Recht über den jungen Mann zu, oder der Augenblick ist wenigstens nicht geeignet, die Soldaten wegen ihrer Privatangelegenheiten vor Gericht zu stellen, aber" und das letzte sprach er mit unverkennbarer Bezüglichkeit, "ich wünschte, nicht mehr solche aufklärende Individuen unter meinem Regimente zu haben."

Valerius war von dem heftigsten Zorne bewegt und kündigte dem Grafen mit schnellen Worten an, dass er für die Ehre danke, mit Truppen zu fechten, welche ihr Verdienst von der höheren oder niederen Geburt erhielten.

Der Graf war überrascht und wollte sprechen, Valerius aber fühlte sich im Innersten verletzt, er glaubte, all seine Grundsätze am Herzen angegriffen zu sehen, und überliess sich rücksichtslos einer Wallung, wie sie auch dem besonnensten Menschen dieser Art aufsteigt, wenn ihn ein Wort aus allen Täuschungen rüttelt. Und dergleichen hatte er am wenigsten bei einer Revolutionsarmee wie die polnische erwartet.

"Sie haben mich, Herr Graf, einstweilig des Dienstes entlassen, ich scheide nun für immer aus Ihrem Regimente. Nimmermehr hätte ich diese Art, über Soldaten zu urteilen, bei einem Heere erwartet, dessen alter Kern noch unter Napoleon gefochten. Bonaparte, Herr Graf, war ein armer korsikanischer Junker, Bonaparte hat nie danach gefragt, was Junot, Bernadotte, Nei gewesen, bevor sie Soldaten wurden; die Säbel, Herr Graf, und die Fähigkeit haben seine Marschälle geschaffen, in Ägypten war er Muselmann, und hätte er Juden zu unterwerfen gehabt, er wäre in die Synagoge gegangen, er hat nie danach gefragt, auf welche Weise seine Soldaten zu ihrem Gott beteten. Ich wünsche es von Herzen, aber ich glaube es kaum, dass Sie mit diesen aristokratischen Bedenklichkeiten eine glückliche Revolution machen."

Damit wendete er sich zum Abgehen. Der Graf trat ihm aber in den Weg und nahm ihn bei der Hand.

"Sie irren sich, Herr von Valerius, wenn Sie mich für einen Aristokraten halten, ich bin nichts weiter als ein Pole und ein Soldat. Haben Sie recht mit Ihrem Argwohn, so bin ich unschuldig, denn ich weiss nichts von solchen Dingen und frage nicht danach. Aber ich glaube nicht, dass es gut ist, alle Unterschiede niederzuwerfenSie sollten sich nicht das Leben verbittern, Herr von Valerius, mit solchem Zeuge, Sie sind ein rascher, frischer Krieger, ein gebildeter Mann, was kümmern Sie sich um andere Dinge! Ich war hitzig, die geschichte mit fräulein Hedwig hatte mich aufgebracht, man nennt Sie einen Jakobiner; aber lassen Sie uns beisammen bleiben und weiter zusammen fechten. – Apropos! ein Graf von Topf aus Deutschland hat einmal an mich geschrieben Ihretwegen, ich gab ihm unbefriedigende Nachrichten, die ungefähr so ausgesehen haben mögen, als seien Sie bei Grochow gebliebenbringen Sie den Mann aufs reine, ich habe im Drang der Dinge fortwährend vergessen, Ihnen davon zu sagen. – Und nicht wahr, wir fechten noch zusammen?"

Valerius gab ihm keine bejahende Antwort, er war noch zu heftig in Aufregung. So schieden sie rasch, und beide Teile waren unbefriedigt.

21.

Valerius unterrichtete des andern Tages Joel beizeiten, dass äusserlich nichts zu besorgen sei. Dieser war in der erzürnten, halb grimmigen Stimmung, welche jener den Tag vorher mit Eifer entzündet hatte. Sie ist der beste Schutz kräftiger Menschen gegen die unleidlichen konventionellen Übel, und sie ermunterte Joel auch sogleich, wie sein Freund das Regiment zu verlassen. "Wir finden einen freundlichen Tod," sagte er, "beim alten Dwernickidortin lassen Sie uns gehen, dort gibt's keine Aristokraten für Sieund für michach, für mich ist's überall gleich, aber die Jugend, die unter Dwernicki fechten will, ist doch besser, ihr Blut ist noch natürlicher, und die natur kennt keinen Hass."

Valerius eilte nun zu Stanislauser war nicht zu sprechender alte Graf ebenfalls nichtdie Fürstin war den Abend vorher zum ersten Male wieder im Salon erschienen. O, in welch einer verworrenen Stimmung eilte er hinweg! Was musste Konstantie von ihm denken, wie tief musste sie sich gekränkt glauben. Sollte er schreiben? Nein, das war ihm nicht möglichdas Hoch und Niedrig, Vornehm und Gering sprang so wild in seinem kopf herum, dass ihm das Schreiben an die Fürstin wie ein Hinterhalt vorkam, in welchen er mit all seinem Bürgerstolze fallen könnte wie der arme Joel. Sind wir einmal aus dem Regelmässigen aufgeschreckt, dann sehen wir in allen Ecken Feinde. Und Stanislaus und sein Vatersie hatten sich sicherlich verleugnen lassen – "wie konnte ich einen Augenblick vergessen, dass sie keine Deutschen sind mit all ihrer Sanftmut!"

Das Leben in diesem Zustande ward ihm unerträglich; wenn sich das Verhältnis zu Stanislaus und seinem Vater so feindlich ausbildete, wie er glaubte, dass es jetzt angefangen habe, so war ihm der Weg zu Konstantien versperrt. Von der Armee hatte er sich geschieden, was hatte er nun in Polen noch zu schaffen? Aber der Gedanke war ihm ebenso unerträglich, jetzt zu entscheiden. Alle Interessen seines Geistes und Herzens hätte er in unvollkommener Halbheit nach Deutschland gebracht.

In dem unbehaglichsten