mir zu reden, wie es das Herz ihr eingebe. Das Mädchen war erschrocken, war geängstigt, ich fühlte es, wie ihre Hand in der meinen zitterte; ich aber liess nicht ab von meinem Drängen, und da sprach sie denn endlich zögernd und stotternd jene Worte" –
Joel hielt den Atem an, als müsse alles Leben still stehen in seinem Körper, er schloss die Augen, und drückte krampfhaft die Hand seines Freundes. Aber nach einer kurzen Pause fuhr er mit gefasster, aber noch leiserer stimme fort:
"Hedwig sagte, sie habe mich gern, sie habe mich lieb, aber ich ängstigte sie mit solcher leidenschaft. Kurz – sie hat es nicht ausgesprochen, sie weiss es vielleicht selbst nicht, aber ich verstand es – das arme Mädchen würde mich lieben, wenn ich ein Pole wäre – verstehen Sie, Freund, sie kann sich eines leichten Schauers nicht erwehren, wenn sie daran denkt, ach, wenn sie daran denkt, dass ich ein Jude bin – –
Gott im Himmel, du weisst es, welch ein entsetzlicher Fluch gegen die ganze Welt aus meinem Herzen stieg, aber der namenlose Jammer, der über mich herfiel, erstickte ihn. Noch hielt ich Hedwigs Hand fest, so fest, wie ich jetzt die Ihrige halte, ich wollte sie dem tückischen Schicksale nicht frei geben, noch lag ich vor ihr auf den Knien – da hört' ich ein wunderbares Gekreisch hinter mir, und die Henkersstimme des alten Grafen bringt mich zur Besinnung. Die Flügeltüre ist offen, wie der Höllenrichter sitzt er auf seinem stuhl mitten im andern Zimmer, die alte schwarze Gräfin steht nicht weit von uns, ihre trockenen hände sind wie zum Fluch erhoben – vorüber, vorüber, er hat nach den Bedienten gerufen – ich habe den einen zu Boden geschlagen, Gott weiss, ob er wieder aufgestanden ist, und bin hierher geflohen in Manasses verborgene Zelle."
Valerius fühlte die Unmöglichkeit, hier zu trösten wie damals auf dem schloss. Es handelte sich um ein tödliches Erbübel der Gesellschaft, und er konnte wie ein freundlicher Arzt nur alles aufbieten, die Schmerzen zu lindern. Joel musste sich aussprechen, ausklagen, austoben – die Zeit der Tränen war vorüber, aber jeder Schmerz ist wie alles Irdische, er erschöpft sich durch sich selbst. Und als Joels Kräfte bis Flügel senkten, da erzählte ihm Valerius alle die verschiedenen Peinigungen, denen dieser und dieser und jeder Stand ausgesetzt ist im Verhältnis zu dem andern, und wie es schwach und unwürdig sei, solchen menschlichen Zufälligkeiten sein ganzes Wesen zu unterwerfen.
Der Stolz war es aber just, welcher Joel ein wenig aufrichten konnte, denn er hatte mehr als die Liebe sein Herz gebrochen. Auch ist ein edler Stolz in vornehmen und unterdrückten Menschen noch stärker als die Liebe. Sie können weiter leben mit einem Herzen, das mit Liebesweh überfüllt ist, aber sie gehen unter, wenn man ihre Ehre und Würde zerschlägt.
Valerius suchte also seinen Freund auf einen Standpunkt zu erheben, von welchem diese gesellschaftlichen Missverhältnisse klein, unbedeutend, lächerlich erscheinen, er suchte ihm das ganze Gefühl eines denkenden Menschen wiederzugeben, der leicht über die Zänkereien seines Tages, seines Jahrzehnts hinweggeht. Joel besass eine grosse, schöne Seele, die den höchsten Gedanken zugänglich war. Leiden erzeugen immer die Spekulation unserer inneren Tätigkeiten, und sie erweitern den Geist. Joel hatte alles durchgedacht, und jedes Wort des Freundes fand eine befreundete Stätte. Es kehrte wieder Wärme in den Unglücklichen zurück, und als Manasse eintrat, war sein Sohn so weit beruhigt, dass er dem alten Vater die Hand reichen konnte zum stillen Versprechen, er werde nichts Gewaltsames gegen sich unternehmen. Manasse herzte und küsste ihn und war ausschweifend in seiner Freude.
"Es war auch von Ihnen die Rede," wendete sich plötzlich Joel an Valerius – "der Alte schrie im Zorne, Sie munterten mich auf zu so frevelhafter Dreistigkeit, Sie seien ein Jakobiner, trieben sich in nächtlichen Verschwörungen herum, und man würde dem fremden Landläufer das Handwerk legen."
Das machte den widerwärtigsten Eindruck auf den Deutschen. – Indessen hielt er es immer für eine Hauptaufgabe der Bildung, die eigenen Interessen zurückzudrängen, solange andere unsere Tätigkeit oder Teilnahme in Anspruch nehmen. Er empfahl also Joel, sich zunächst in dem Versteck Manasses aufzuhalten, bis er sichere Nachricht erhielte, ob die Szene bei Hedwig insoweit glücklich abgelaufen sei, dass der getroffene Bediente lebe oder nicht. Er, Valerius, wolle sogleich zu dem Chef ihres Regimentes, dem Grafen Kicki, eilen, um die militärischen Dienstverhältnisse so weit zu ordnen, dass Joel in den nächsten Tagen von dieser Seite her ohne Störung bleiben könne. So schied er.
Zu seinem Erstaunen war es schon später Abend, als er in die Strassen herauskam; es fiel ihm schwer aufs Herz, dass er nicht füglich noch in das Haus von Stanislaus' Vater gehen könne, dass Konstantie, wenn sie gestern seinen Gesang gehört habe und heute wieder im Salon erschienen sei, völlig irre an ihm werden müsse, ja, dass sie wohl gar glauben könne, er treibe seinen Scherz mit ihr. Eben ging er an ihrer wohnung vorüber, es war finster in ihren Zimmern. Unschlüssig stand er einen Augenblick; aber Joels Angelegenheit war dringend – er eilte weiter, seinen Oberst aufzusuchen.
Graf Kicki empfing ihn ernst und kalt – ganz gegen seine Gewohnheit. Er war schon unterrichtet durch Hedwigs Vater. Der Bediente lebe noch,