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Joel fehle. Er fragte um zu fragen, obwohl er die Krankheit mit all ihrer Schwere zu kennen glaubte. Manasses vergrabene Augen stiegen bei dieser Frage herauf aus ihren Höhlen, und sahen mit einem entsetzlichen Ausdruck nach dem Himmelmit der Hand wies er auf eine schwarze Wolke, welche die Sonne bedeckte. "Adonai weiss es," sagte er mit leiser, aber entsetzlicher stimme, und nach einer Weile setzte er wie in Geistesabwesenheit hinzu: "Was wollen wir klagen? Adonai leidet gleich uns, und alle Nächte weint er auf den Trümmern Zions voll Reue und Gram, brüllend wie ein Tiger, und in Verzweiflung, sich auf immer mit seinem volk überworfen zu habenwas wollen wir klagen, die ganze Welt ist ein Wehe – – ach, mein Sohn Joel!"

Mit einem leisen Schauer hörte Valerius diese talmudistischen Dinge und schritt hastig vorwärts, in eine Strasse hinein, welche grösstenteils von Israeliten bewohnt schien. Juden, die ihnen begegneten, sahen mit einem Gemisch von Scheu und Ehrfurcht auf den alten Manasseer trat in ein kleines Haus, durchschritt den Hof hinter demselben, wand sich durch mehrere Gänge des Hintergebäudes und öffnete endlich die tür eines kleinen abgelegenen Zimmers. Obwohl es noch heller Tag draussen war, brannte doch hier eine Lampe; man sah nirgends ein Fenster, Joel lag auf einem alten Sofa, das mit einem schwarzen, jetzt abgeriebenen Seidenstoffe überzogen war. Sein Gesicht war in die Kissen gedrückt, und er gab kein Lebenszeichen von sich.

"Mein Sohn Joel," sprach Manasse mit jener leisen geisterhaften stimme, "er ist da, jener Mann aus Deutschland, den du hältst für deinen Freund."

Joel wendete sich herum und streckte die Hand nach Valerius aussein Gesicht, halb bedeckt von den langen, lockigen Haaren, sah zerstört aus wie eine verwüstete Kirche, wie ein schönes Gemälde, von dessen Antlitz man das Leben ausgetilgt hat durch eine darüber gestrichene weisse Farbe.

Valerius erschrak im Innersten, und die feuchte kalte Hand pressend fragte er bekümmert, was ihm fehle, was er für ihn tun könne. Joel warf einen bittenden blick auf seinen Vater.

"Warum soll ich es nicht hören, Joel," sprach dieser, "was dich danieder wirft, ich bin auch jung gewesen und habe gelitten wie duaber ich will gehen, wenn der Herr mir gut steht, dass dir kein Unglück begegnet, während ich fern binJoel, mein Kind, verlasse nicht frühzeitig deinen alten Vater."

Langsam ging der Alte hinaus, und man hörte es, wie er sich unweit der tür auf den Boden setzte.

"Sie sind der einzige Mensch," begann Joel mit schwacher stimme, "der mein Elend ermessen, mit dem ich darüber sprechen kann. Ich glaubte nur die Wahl vor mir zu sehen zwischen einem schnellen tod oder dem Ausschütten meines Herzens. Die Gedanken und Gefühle töten mich, ich muss zum ersten Male in meinem Leben zu jemand darüber reden, vielleicht hält das auf einige Zeit meinen Tod auf, den ich meines Vaters wegen fürchten muss, meines armen Vaters wegen. – Sie werden keine absonderlichen Geheimnisse erwarten, Sie werden voraus wissen, dass es sich nur um ein kleines unbedeutendes Ding handelt, um einen ausgestossenen Juden, wie mich. Aber ich weiss, Sie fühlen das abscheuliche Unrecht der gesellschaftlichen Einrichtung, ich weiss, Sie sind ein klarer, unbefangener Mann, ein gebrochenes Menschenherz ist Ihnen soviel als ein gebrochenes Land, für das Sie das Leben einsetzenkönnen Sie mich nicht trösten, so gibt es keinen Trost für mich, und ich kann meinem armen Vater nicht helfen."

Nach dieser Einleitung erzählte er ihm die geschichte seiner Neigung zu Hedwig. Sie hatte nichts Ausserordentliches als die orientalische Glut, welche sich in dem kleinsten Worte Joels abspiegelte, das er in dieser Beziehung sprach, die aus dem tiefsten Leben dringende leidenschaft, womit er das Mädchen in alle Fasern seines Lebens verflochten hatte. Niemals war es zu einer Erklärung gekommen von seiner Seite. Solange er Hedwig täglich sehen konnte, wollte er nicht sein Glück auf das Spiel setzendas Leben in der Stadt hatte sie ihm völlig aus den Augen gerückt. Einmal hatte er es versucht, das Haus ihres Vaters zu betretenHedwig war nicht daheim gewesen, der alte Graf hatte ihn mit der ihm eigenen schnöden Roheit behandelt.

"Es war ein schwerer Abend, als ich aus Hedwigs haus trat, ohne sie gesehen zu haben, und mein Gedächtnis die hässlichen Worte des Vaters nicht vergessen konnte. Sie trafen mich damals in der Nachtich hatte die Heimkehr meines Mädchens erwartet, ich wollte nur ihren Schatten sehen. Und ach, mein Freund, das waren noch glückliche zeiten!

Sehen Sie, es quälte mich zu tod, ihre Augen nicht mehr sehen zu können, und heute ging ich wieder hin in jenes Haus. Ich fand sie, ich sprach sie, ach, und das Herz, das tiefgequälte, trat mir auf die Lippen, ich erzählte ihr all meine Freude, all mein Leid an ihrHerr, ich lag vor ihr auf den Knien, und bat um Leben oder Tod. Hedwig fuhr mir mit der Hand über die Locken und bat mich, nicht so heftig zu sein, und aufzustehen, Vater und Grossmutter seien im Nebenzimmer. Aber die Welt war für mich verschwunden, ich liess ihre Hand nicht mehr los und beschwor sie, zu