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sich zeigen, aber er wusste es selbst nicht, was er hoffte und ob er hoffte.

Es kamen mehr solche Abende, und sein Wesen wurde immer unruhiger und ungeduldiger. Nur zu deutlich erkannte er, dass es nicht an Umgebung und Gesellschaft liege, wenn er die Zeit nicht hinzubringen wisse, denn lesen und denken und denken und lesen kann man nur bei ruhigem Gemüte. Er gestand sich's langsam, es fehle ihm Liebe, und zwar Konstantie.

"Wohl denn," rief er aus, als er eines Abends wieder missvergnügt und unruhvoll aus dem Palais des Grafen schritt, "wohl denn: das Herz hat mich gehindert, das Herz treibt mich jetzt, ich werde' ihm ewig folgen." – Gleich als ob er einen grossen Sieg errungen habe, als ob er von einer schweren Krankheit durch einen plötzlichen Himmelsstrahl genesen sei, schritt er über die Strasse, um von der andern Seite nach jenen letzten Fenstern zu schauen, wie er alle Abende getan. heute aber sah er mit leuchtenden Augen hinauf, und das Bild der trauernden Königin hatte sich verwandelt, und er glaubte das schöne Weib schon in den Armen zu halten. Alles drängte ihn, ihr zu sagen, was in seinem Herzen vorginge, sogleich, im Augenblicke, keine lange Nacht des Zweifels und Harrens sollte sich dazwischen legen. Und während er noch sann und dachte, wie das zu bewerkstelligen sei, da erhob sich seine stimme, und er sang ein altes Lied. Sie musste es kennen: in jener warmen Liebeszeit auf Grünschloss, wo alles mit Küssen in den Augen und auf den Lippen durcheinander lief, da hatte man es oft in stillen Abendstunden aus den Gebüschen des Gartens dringen hören.

Es regte sich nichts in der Strasse, und sie musste in ihrer Abgeschiedenheit seine stimme klar und deutlich vernehmen.

Herz, mein Herz, was soll das geben?

Was bedränget dich so sehr?

Welch ein fremdes, neues Leben!

Ich erkenne dich nicht mehr.

Weg ist alles, was du liebtest,

Weg, warum du dich betrübtest,

Weg dein Fleiss und deine Ruh' –

Ach, wie kamst du nur dazu!

Fesselt dich die Jugendblüte,

Diese liebliche Gestalt,

Dieser blick voll Treu' und Güte,

Mit unendlicher Gewalt?

Will ich rasch ihr mich entziehen,

Mich ermannen, ihr entfliehen,

Führet mich im Augenblick,

Ach! mein Weg zu ihr zurück.

Und an diesem Zauberfädchen,

Das sich nicht zerreissen lässt,

Hält das liebe, lose Mädchen

Mich so wider Willen fest;

Muh in ihrem Zauberkreise

Leben nun auf ihre Weise

Die Verändrung, ach, wie gross!

Liebe, Liebe, lass mich los.

Das Licht in Konstantiens letzten Zimmern verlosch bis auf einen matten, kaum sichtbaren Schein. Der Sänger glaubte die Gardine sich bewegen zu sehen, aber die Dunkelheit war zu gross, um etwas genau unterscheiden zu können. Darüber konnte er sich aber nicht füglich täuschen, dass in den noch erleuchteten Sälen ein Fenster geöffnet und der Vorhang in die Höhe gezogen wurde. Ein Lichtschimmer fiel auf die Strasse, oben am Fenster sah Valerius den alten Grafen mit seinen weissen Locken erscheinen, und es war ihm, als mache der alte Mann eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Der Sänger war aber im Übermute seiner erwachenden leidenschaft und seines Liedeses ist auch schwerer, als viele glauben, vom Singen zum plötzlichen Verstummen überzugehenund er wiederholte, die Strasse hinabschreitend, die Schlussverse:

Die Verändrung, ach, wie gross!

Liebe, Liebe, lass mich los.

20.

Am andern Tage ritt er durch dieselbe Strasse. Niemand war an den Fenstern zu sehen, die Gardinen in Konstantiens Zimmern hingen wie Tagsgespenster hinter den Scheiben, obwohl es beinahe Mittag war. Valerius wurde verdriesslich und dachte einen Augenblick daran, als er vom Spazierritt nach haus gekommen war, Konstantien zu schreiben. Aber er verwarf den Gedanken schnell. Konnte nicht das ganze Verhältnis, das er sich mit ihr gebildet hatte, eine Täuschung sein, wenigstens zur Täuschung gemacht werden? Er kannte die Fürstin als ein überaus stolzes Weib, sie war ihm mit einem überschwellenden Herzen entgegengekommen, er hatte sich zurückgezogen; nein, er konnte nicht schreiben, die Furcht seines Stolzes liess es nicht zu. Und doch gestand er sich's, dass es keinen Stolz geben könne der wirklichen Liebe gegenüber.

Sein Herz hoffte aber zuversichtlich, sie werde diesen Abend in der Gesellschaft erscheinen, er werde sie sehen und sprechen.

Da trat Manasse in sein Zimmer, eine unerwartete Erscheinung. Valerius hatte ihn nicht mehr gesehen, seit er in Warschau war, und es kam ihm vor, als sei der alte Mann in dieser kurzen Zeit auffallend gealtert, seine Züge erschienen ihm noch spitzer, die Augen noch tiefer, dem grab immer näher sich zukehrend. "Herr," sprach der Alte, "mein Sohn Joel ist krank, und sein Herz sehnt sich nach Ihnen, lassen Sie sich hernieder, unter das Dach eines armen Juden zu treten, vielleicht können Sie helfen meinem armen Joel, ich kann es nicht." Seine arme, die er während des Redens erhoben hatte, sanken schlaff zurück, der Kopf neigte sich auf die Brust, der lange Bart zitterte, und das blassgelbe Gesicht ward von jenem zerbrochenen Ausdruck des Schmerzes überzogen, der einer völligen Gefühllosigkeit ähnlich sieht.

Valerius war sogleich bereit, und auf dem Wege fragte er den Alten, was