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Deinem Duell, hab' ich so sehr für Dich gezittert, jetzt fürcht' ich dergleichen nicht im mindesten. Ich könnte einen Eid darauf ablegen, dass Du noch lange, lange leben wirstes ist noch zuviel Zukunft in Dir. Sieh, wie besonders ich mich ausdrücke; es ist noch aus der alten Schule. Und danngewiss kündigte sich mir's irgendwie an, wenn Dir so etwas Schlimmes begegnete. Daran glaube ich nun einmal fest, ganz fest. Ich bin fast den ganzen Tag bei Dir, es müsste ein Ruck eintretennein, nein, lass mir den Aberglauben meiner Mutter, dass die herzlichsten Gedanken der Menschen durch die ganze Welt zusammenhängen, dass ein aparter Engel dazu angestellt ist vom lieben Gott, der das Gewebe ordnet und hält und wie der Himmelspostmeister die gegenseitigen Nachrichten besorgt. Ach, was mach' ich dem armen Engel zu tun!

Aber, aber, der Fürstin Konstantie, die meinen Brief besorgen will, trau' ich nicht über den Weg, was Dich schlimmen Gesellen anbetrifft. Du bist zwar fein ernstaft und ehrbar, aber stille wasser sind tief, und ich fürchte am meisten, dass Dein Herz Beschäftigung braucht. Wir Frauenzimmer sehen in solchen Dingen schärferich denke mit Schrecken an die schönen Augen Konstantiens, wenn sie auf Dich fielen. Es war nicht jene leidenschaft in ihnen, die wir an ihr scheuten, sie waren sanft und milde, aber es lagen Wünschebin ich nicht recht einfältig, Dich selbst aufmerksam zu machen. Ach, liebe, küsse, sei glücklich, mein Herz, mein Blut, o, mein Valerius, den ich liehe, liebe so ganz und gar. Aber ich bin ja Dein 'starkes Mädchen' nicht mehr, Du wirst mir alles erzählen, und mich immer mitlieben. Ja?"

Nach diesem Briefe war es um die Entzückungen vom vorigen Abende geschehen. Er glaubte, erröten zu müssen vor sich selbst, solch einer Liebe nicht allein, ungeteilt anzugehören. Mochten auch all seine Gedanken und Philosopheme über Liebessachen lächelnd ihre stimme erheben, mochten sie ihn schelten, dass er einer alten eingelebten Gewohnheit seine Überzeugung opfere, dass es töricht sei, zu darben, um romantischen Grillen zu genügener liess sich nicht besiegen und ging nicht mehr zur Fürstin.

"Das Herz allein ist der Richter in solchen Dingen," sprach er, "und mein Herz duldet es nicht."

Aber es waren schmerzhafte Tage, welche trüb und langsam vorüberschlichen. Stanislaus besuchte öfters seinen Freund und machte ihm die lebhaftesten Vorwürfe, weil er das Haus seines Vaters nicht mehr besuche, der so herzliches Interesse an ihm nehme. "Hedwig fragte zehnmal des Tages nach Ihnen, und Konstantie hat sich zweimal ängstlich erkundigt, ob Sie krank seien. Es ist ein rechter Jammer mit euch empfindsamen Deutschen, und mein guter Vater leidet arg darunter: Konstantie kommt nun auch seit mehreren Tagen nicht mehr aus ihrem Zimmer, und der Salon ist ohne Mittelpunkt. Sie schützt Unwohlsein vor und Trauer um den Tod ihres Gemahls." –

"Ist der Fürst gestorben?"

"Allerdings, aber das wusste sie schon an jenem Abende, als Sie das letztemal bei uns waren, und da hat man ihr kein Herzeleid angesehen. Der schwachköpfige Mann ist ihr immer sehr gleichgültig gewesen, und sie ist viel zu stolz, eine erheuchelte Trauer zu zeigen. Meine kleine harmlose Hedwig ist auch übel davon betroffen. Bei dem rauhen, wenig geliebten Vater und der schweigenden Grossmutter den ganzen Tag zu sitzen wird ihr jetzt schwer, da sie die letzten Tage reger Geselligkeit verwöhnt haben. Neben Konstantie konnte sie den grössten teil des Tages bei uns sein, und jetzt hat die launische Frau plötzlich keine Zeit für sie. Kommen Sie, Freund, trösten Sie uns."

Valerius entschuldigte sich auf das herzlichste. Er habe traurige Briefe bekommen, er tauge jetzt nichts für Gesellschaft. Aber der Freund kam alle Tage wieder, die Einsamkeit wurde auch dem deutschen Träumer lästig und langweilig, und da die Fürstin noch immer nicht aus ihrem Zimmer ging, er also ihre Begegnung nicht zu fürchten hatte, so gab er eines Abends dem Drängen des Freundes nach.

Die schönen Säle und Zimmer kamen ihm öde vor, da die beiden Frauen fehlten, und wenn er im Gespräch bis an die Türen Konstantiens kam, so hielt er seinen Begleiter oft unwillkürlich einen Augenblick fest und lauschte mitten im eifrigen gedankenlosen Sprechen, ob er kein Lebenszeichen aus den Gemächern vernehme. Das Bild der schönen Frau, die in Trauer versunken Tag für Tag einsam in jenen hohen schweigsamen Zimmern sass, trat oft verstohlen vor seine Seele. Er glaubte sie in schwarzseidenem Gewande mit aufgelöstem Haare auf dem Fussteppich sitzen zu sehen, das blendende Weiss der arme und des Busens sah verwundert auf die traurige Farbe des Kleides, und das Gesicht hatte den erschütternden Ausdruck einer verlassnen Königin, die über Nacht von allen denen verraten worden ist, welche noch am Abende ihren Winken gehorchten.

Er ging spät nach haus, denn der Ort, wo er ihr näher war, dünkte ihm doch noch besser als sein fernes einsames Zimmer; eine finstere, schweigende Nacht hing wie ein schwarzer Mantel in den Strassen. Die Fensterreihe der Fürstin, nach welcher er ausblickte, war ohne Licht, nur in den letzten Zimmern dämmerte eine schwache Helle. Lange blieb er stehen, vielleicht hoffte er, die Gardinen würden sich bewegen, und jene hohe Gestalt würde