die Zimmer.
"Hat sie nicht 'Liebster' gesagt, leise, ganz leise, als sollte ich es selbst nicht hören?" sprach er ebenso leise.
Er konnte sich lange von der Stelle, von dem Zimmer nicht trennen, und "Liebster","Liebster" flüsterte er vor sich hin.
Als er in den Salon kam, lachte und scherzte man noch darüber, dass die Fürstin ein falsches Buch gebracht und dann eiligst ein Recht aufgegeben habe, was sie kurz vorher so hartnäckig verteidigt.
Sie sass in einer holden Verwirrung da, und die Nachbarn des Deutschen flüsterten einander zu: "Sie wird alle Stunden schöner."
Valerius war so munter und ausgelassen, wie man ihn noch nicht gesehen hatte; er scherzte und tändelte ohne Aufhören mit Hedwig, die mehr als einmal zur Fürstin sagte: "So liebenswürdig ist Ihr Landsmann noch niemals, niemals gewesen." Konstantie lächelte wie das verborgene Glück und sah einen Augenblick auf Valerius. Es hing dann vor ihren Augen ein dünner Flor, durch welchen eine unendliche Seligkeit drängen zu wollen schien. – Als der Salon leer geworden, fiel es ihr ein, dass sie ihm Briefe aus Deutschland mitgebracht habe; sie ging fort, und als sie wieder kam, trat ihr Valerius einige Schritte entgegen. Sie gab ihm die Briefe und sagte mit jener leisen, die Seele bewegenden stimme: "Ich liebe dich unsäglich."
19.
Der Wind trieb die Wolken wie ein scheltender Herr sein Gesinde am Himmel umher. Sie flogen scheu unter dem mond und den Sternen hinweg. Valerius glaubte aber auch ohne dies, Sterne und Himmel bewegten sich im Tanze, als er aus dem Palaste trat. Die Bewegung des Herzens macht alles beweglich, und es gibt keinen schöneren Sturm im Menschen, als wenn eine Liebschaft ihre Knospe schwellt, und wenn diese das Geheimnis ihrer Blume zu heben beginnt. Das sind die Momente der Himmelsahnung, welche uns die Gotteit gelassen hat für dürre unerquickliche Steppen von freudlosen Jahren, es sind die Zisternen unserer Lebenswüste, die immer einige Tropfen frisches wasser bewahren, mag es noch so heiss um uns drängen. Solche Momente sind's gewesen, welche den Menschen zum ersten Male den stolzen Glauben erzeugt haben, sie seien gottähnliche Wesen.
Valerius flüchtete wieder zu seinem geliebten Strome hinaus, heute mit seiner Lust. Heim konnte er nicht, das Zimmer war zu enge für sein Herz, denn es ist eine mehr als figürliche Redensart, dass das Herz sich ausdehnt von grossen Gefühlen – man braucht wirklich mehr Raum, und in einer kleinen stube kann man nicht soviel Glück ausströmen als in freier Luft.
"Kühles, unparteiisches wasser, heute' beneide ich dich nicht!" rief er aus. Aber er gestand sich's eigentlich selbst nicht genau, was ihn beglücke, er hüllte es in das grosse himmelblaue Wort "Liebe". Und der Liebe, jeder Liebe, meinte er, dürfe man sich immer freuen, sie sei der Herzensodem des Lebens. Der kleine vorlaute Gesell in seinem Busen, mit dem kritischen, verdriesslichen Angesichte kam heute nicht zur Audienz mit seinem Geflüster. Umsonst sprach er von der schönen Konstantie auf Grünschloss, wo dem Herrn Valerius die blosse freundliche Zuneigung derselben Dame störend, lästig gewesen sei. Er ward überhört. Liebe überwältigt wie die Sonne, ohne zu fragen und zu beachten, ob man sie gewollt.
Es war schon spät am andern Vormittage, als Taddäus seinem Herrn einige Briefe aufs Bett legte. "Sie steckten in der Brusttasche des Rockes, Herr, und waren schon so zerknittert."
Valerius erkannte in der Aufschrift des einen Kamillas Hand, und sein Rausch verflog wie die Glätte des Wasserspiegels von einem Luftstosse. Langsam entsiegelte er den Brief und las und setzte ab, und las wieder, und die heissen Tränen liefen ihm über das Gesicht.
"Warum schreibst Du uns nicht, Lieber? Bist Du krank? Hast Du ein schlecht Gewissen? Nicht doch, es ist eine törichte Frage, diese zweite. Wir sind ja einig darüber geworden, dass die Treue etwas Bessres ist, als was man so nennt. Ihr Männer fahrt durch die Welt dahin wie der Sturmwind, und der muss mehr Dingen begegnen als wir mit unserer stillen häuslichen Atmosphäre. Aber der Offenheit, der Mitteilung musst Du mich würdigen, wie Du's versprachst; meine Liebe ist Dir sicher wie der morgende Tag, nur der Tod endigt für mich beide auf dieser Erde.
Ich lebe still und gedankenreich mit Dir hin. Des Morgens bin ich früh auf und lese Deine englischen Bücher; sie sind mir sehr lieb mit ihrem schweren trüben Sinne, denn es kommt mir manchmal unrecht vor, dass ich noch soviel lachen kann, seit Du fort bist. Ich kann mir aber nicht helfen, dass die Welt soviel komische Dummheiten hat. Zuweilen bin ich mitten im Weinen, dass ich Dich verloren habe, da passiert irgend etwas Lächerliches, und ich lache samt meinen Tränen. Du musst mich schon gewähren lassen, ich trage auch jetzt die Haare so, wie Du es gern mochtest. Du würdest Dich gewiss freuen, wenn Du einmal plötzlich einträtest; viel, viel artiger bin ich als sonst.
Der Graf hat einmal Deinetwegen an den Obersten Kicki geschrieben und entweder gar keine Nachricht erhalten oder eine traurige. Ich glaube, er und Alberta halten Dich für tot; es ist wunderlich, dass mich das gar nicht beunruhigt. Damals, nach