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gegen den Klub zu unternehmen, halten Sie sich fern davon, meine Herren, sprechen Sie, wo Sie können, zur Mässigung."

Der alte Herr wurde zur Gesellschaft gerufen, und Stanislaus sagte beruhigend zu seinem Freunde: "Lassen Sie sich nicht einschüchtern, das Alter und tausend Hoffnungen, die fehlgeschlagen sind, haben ihn misstrauisch gemacht. General Krukowiecki ist der wackerste Pole. Niemand kann es wagen, strenge Massregeln gegen die demokratische Jugend zu nehmen; wir haben die Revolution begonnen, wir halten sie aufrecht, Volk und Armee sind für uns."

Valerius war nicht recht bei der Sache, der alte Graf und manches andere beschäftigte ihn. Der junge entzündete Pole bemerkte es indessen nicht, er disputierte noch eifrig weiter, und sie schritten in der langen Zimmerreihe auf und ab. Es fiel Valerius auf, in den vom Gesellschaftssalon entferntesten Zimmern grössere Pracht, behaglichere Einrichtung zu finden. Im letztens Gemache, das ohne eigenes Licht und nur von dem daranstossenden beleuchtet war, stand ein prächtiges Bett, geheimnisvoll versteckt von rotseidenen Vorhängen. Es stieg eine flüsternde, behagliche Ahnung auf in ihm, er lüftete die Gardine im Vorübergehen ein wenig und erblickte an der Wand ein kleines Gemälde. Die Dämmerung liess es nicht genau sehen, aber Valerius glaubte es zu erkennen. Auf Grünschloss hatte er einst ein kleines Bild gemalt; es stellte eine Gebirgslandschaft dar, an dem Bach im Vordergrunde sitzt ein Bauernmädchen und sieht mit sehnsüchtigem Blicke in die Bergschluchten hinein, wo sie sich öffnen und das Bild sich in eine dämmernde Ferne verliert. Er wusste nicht mehr, wo das Bild hingekommen war, in diesem Augenblicke glaubte er, es gesehen zu haben. Aber er konnte nicht rasten, da sein Begleiter umkehrte und nach dem vorletzten Zimmer zurückschritt. Eine schmeichelnde Unruhe bemächtigte sich seiner, es hielt ihn fest in diesen Zimmern, und er zog Stanislaus auf ein Sofa. Auf einem Tische vor demselben lag eine grosse Mappe, und während der junge Pole allmählich in seine sinnende Schweigsamkeit versank, blätterte Valerius unter den Gemälden und Kupferstichen, welche er in der Mappe fand. Eine versteckte Seitentasche fiel ihm auf, und er zog ein kleines Blatt Papier heraus, das mit Versen beschrieben war. – Er hatte sie selbst geschrieben, diese Goeteschen Verse:

Geh den Weibern zart entgegen,

Du gewinnst sie auf mein Wort;

Und wer rasch ist und verwegen,

kommt vielleicht noch besser fort;

Doch wem wenig dran gelegen

Scheinet, ob er reizt und rührt,

Der beleidigt, der verführt.

Die beiden letzten Verse waren unterstrichen. Aber diese Striche rührten nicht von ihm her. Es ward jetzt ganz klar in seiner Erinnerung: er hatte diese Worte Rede auf Liebe und Liebesbewerbungen gekommen war, und die Fürstin hatte ihn gebeten, sie aufzuschreiben.

Nachdenkend hielt er das Blatt in der Hand; damals hegte er sogar einen Widerwillen gegen das kecke Wesen der Fürstin, sein Herz war damals erfüllt mit Kamillas Reiz, alles übrige berührte ihn nicht.

Da rauschte ein Gewand, Konstantie trat ins Zimmer. Es hatte sich im Salon ein Streit erhoben über ein französisches Buch; ihn zu enden, war sie nach ihren Gemächern geeilt, um das Buch zu holen.

Valerius sah sie mit grossen Augen an, ein träumerisches Nachsinnen lag in ihnen, das Blatt hielt er noch in der Hand. Eine flüchtige Röte stieg in Konstantiens Gesicht, sie griff nach dem Blatte und berührte dabei seine Hand. Ein süsses Gefühl weckte ihn aus dem Nachdenken.

"Pfui doch, wie unartig, meine Mappe durchzustöbern! Wie kommen Sie denn überhaupt in meine Zimmer? Und wer hat denn jene Türen geöffnet?"

Sie warf hastig die Flügeltüre ihres Schlafzimmers herum. Unterdes kam auch Hedwig herbeigesprungen, schalt Stanislaus, dass er sich von ihr und der Gesellschaft entferne, und zog ihn fort. Die beiden Deutschen waren allein. Koustantie ging nach einem Winkel des Zimmers. "Unartiger Mensch, helfen sie mir ein Buch finden."

Er sprang hinzusie nannte aber keinen Titel und sah zerstreut unter die Bücher. Der leichte Schatten von Verlegenheit, welcher sich über ihr Wesen verbreitete, gab diesem glänzenden Wesen einen um so höheren Reiz, je seltener er an ihr wahrzunehmen war, je mehr er gegen das Herrschende und Imponierende ihrer Erscheinung zu kontrastieren schien. Ihre rechte Hand tastete wie suchend auf den Büchern umher, die linke strich leise an den Falten des Gewandes entlang. Diese weisse Hand schien alle ihre aussergewöhnliche Unsicherheit auszudrücken. Valerius ergriff sie leise, die weichen, warmen Finger setzten noch einen Augenblick die Bewegung fort und schienen ebenfalls unschlüssig zu sein, ob sie sich dem Fremden ergeben sollten. Aber sie wurden still, und kaum merklich wuchs ihre leichte Schwere von Sekunde zu Sekunde. Nur als sie der Mann zu seinen Lippen aufhob, glaubte er ein leises Beben in ihnen zu verspüren.

Valerius führte die Hand von den Lippen auf seine Wange, die warme Hand an die heisse Wangeer schwieg, sie schwieg, ihr Kopf wendete sich nicht zu ihm, aber er sah ihr Herz stürmisch klopfen.

Aus den vorderen Zimmern her kam Geräusch; da wendete sie sich plötzlich zu ihm; ein unbeschreiblicher Ausdruck von Wehmut, Glück und Innigkeit lag darauf, feucht glänzten ihre Augen, jene vermittelnde Hand legte sich eng und fest in Hand und Wange des Mannes, er fühlte ihr heisses Antlitz an dem seinen, ihren Mund auf seinem Auge, und fort war sie, dahin flog sie durch