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Gemälden bekannt machte, entfernten sie sich weiter von der Gesellschaft.

"Sie müssen sich nicht abschrecken lassen," sagte der alte Herr mit seinem liebenswürdigen Lächeln, "wenn Ihnen nicht alles bei uns die romantische probe gehalten hat, wenn Sie sogar durch manches arg verletzt werden; wir sind zu oft im Wachstum gestört. Von haus aus waren wir verzogene Kinder, unsere Freiheit erstickte im eigenen überflüssigen Blute, weil wir alles im Herzen haben wollten, und es nicht recht zu verteilen wussten. Verzogene Kinder bleiben auch im Unglück eigensinnig und werden übermütig bei jedem Schimmer von Glück. Aber Sie sind ja aus dem land, das alles Fremde so gern gewähren lässt, überwinden Sie nationale Antipatien, welche bei so verschiedenen Völkern nie ausbleiben und stürmender und trennender sind als grosse Gegensätze, weil sie uns bei jedem Schritte hindernd zwischen die Beine geraten. Ertragen Sie uns eine Zeitlang, und Sie werden am Ende doch manches zu lieben finden. Jedes Volk hat seine Liebenswürdigkeiten. Und Sie sind ja auch auf der Höhe von Humanität, welche das Edle tut ohne Ansehen der personversprechen Sie mir, mich zu besuchen, wenn Sie mürrisch werden, ich bin ein alter Apoteker und habe Rezepte aus manchem Jahrzehnt, versprechen sie mir's."

Valerius schlug freudig in die dargebotene Hand. "Nehmen Sie sich in acht," fuhr der Greis fort, "vor den Verbindungen mit unsern jungen Demokratenverkennen Sie mich in diesen Worten nicht: ich liebe diese brausende Jugend mit ihrem menschenrechtlichen Fanatismus, o, ich liebe sie so sehr gerade wegen dieser Poesie der Tugend, sie sind das ursprüngliche Fundament der Gesellschaft, diese Jünglinge mit dem heissen Herzen. Aber sie kennen die Welt nicht mit den tausend Beschränkungen, ohne welche sich kein Staat konstituieren lässt, solange wir uns nicht isolieren können von Gewohnheit, Herkommen, geschichtlicher Erinnerung, und besonders solange wir Nachbarn haben, denen wir uns akkommodieren müssen. Ein Staat in Europa kann nicht nach Begriffen, nach blossen Begriffen errichtet werden, welche der abgesondert spekulierende Geist ersinnt, so wenig als das Individuum nach eigenen geselligen Regeln sich bewegen darf, solange es in der übrigen Gesellschaft seinen Raum einnehmen will. Eben weil es nichts Einzelnes gibt, weil nichts ohne Verhältnisse existiert, können Wechsel und Änderungen nur mit der grössten Umsicht vorgenommen werden. Und Umsicht ist nicht Sache des poetischen Herzens, sondern der Erfahrung; darum dürfen wir unsern Jünglingen den Staat nicht überlassen.

Machen Sie mir nicht so klägliche Gesichter. Freilich ist es für das feurige Blut niederschlagend, dass die Weltgeschichte in so kleinen Schritten geht, dass sie nicht eher weiterrückt, als bis ein grosser Staatenraum auf gleicher Höhe angekommen ist; aber auf diesem lückenhaften Planeten, wo uns lauter unerklärte Anfänge umgeben, müssen wir uns drein fügen.

Verzeihen Sie meine Breite, ich komme zum Tema zurück. Ich hoffe, hass mein Sohn einen ganzen Freund in Ihnen gewinnt, Ihre Nation ist die Nation der Freundschaft, weil sie am wenigsten ausschliesslich in Sitte, Formen und Gedanken ist, weil sie am meisten annimmt und verzeiht, ja, erlauben Sie mir den Ausdruck, weil sie am wenigsten Nation ist. Dieses Kapitel der Demokratie betrifft aber meinen Sohn und seine Neigungen ebenso dringend als Sie, Herr von Valerius. Es drängt mich, offen, ganz offen zu sprechen, und ich verspreche mir sogar in Ihnen eine Hilfe, einen Sekundanten gegen Stanislaus zu erwerben. Ich habe meines Sohnes Bildung selbst zu lebhafter Teilnahme an demokratischen Formen geleitet, ich bin ihm vor allen Rechenschaft schuldig, wenn ich ihn jetzt vom patriotischen Klub und dem, was dazu gehört, abziehen will.

Meine Herren, es ist das Wahrscheinlichste, dass diese Interessen in kurzem die eigentliche Lebensfrage Polens werden, ich halte sogar den mächtigen Feind für unwichtiger. Wenn wir vereinigt blieben, besiegt er uns nicht, aber die Trennung wird nur zu bald klaffen wie eine breite Wunde. Die Jugend ist unternehmend, sie ist der Kern des Heeres, sie wirbt den gemeinen Mann, oder hat ihn schon geworben, sie will keine Vermittlung, sie hasst das Halbe, das Vorbereitende; denn ihre Kraft ist eben die gewaltige Einseitigkeit, bald wird man uns mit dem Geschrei aus dem Schlafe wecken: Demokratie oder Tod!

Du schüttelst den Kopf, Stanislaus, du hoffst wohl gar auf KrukowieckiUnglücklicher, dieser Mann ist die schrecklichste Garantie, er ist voll unlauteren Ehrgeizes, der das Land in die Luft sprengt für seinen Ruhmgut, es mag sein, ich will übertrieben haben. Ein Kampf dieser Parteien bleibt gewiss nicht aus, und er verdirbt uns, er lähmt und verwirrt die Kräfte. Ein voreiliger Sieg der Demokratie tötet uns. Was ist Polen ohne seine Aristokratie? Ein rauschender Baum, der über Nacht mit all seinem Blätterreichtum verdorrt ist. Die Aristokratie ist noch in diesem Augenblicke das Mark des Landes, das Land gehört ihr noch, sie erzeugt die Mittel des Krieges, im ihrem Stolze wurzelt noch die Kraft dieser fortreissenden Vaterlandsliebe. Dabei gedenk' ich unserer Nachbarn gar nicht; die fremden Heere würden bald erscheinen, wenn ein Konvent in Warschau geböte.

Indes wollen wir das Kind nicht mit dem Bade ausschütten, wie sie in Deutschland sagen; ich sehe mit Entzücken diesen Sporn zur Energie, der unseren Edelleuten keine Zeit lässt für ihren persönlichen Ehrgeiz; aber der Strom soll nicht aus dem Bett tretenund nun zum Schluss: man wird genötigt sein, in kurzem strenge Massregeln