Tugend? Kann die Welt von der Stelle rücken, wenn sich die Gesellschaft fortwährend in denselben Gedanken herumbewegt? Ist es nicht eine förmliche Mordanstalt, jene schwindsüchtige Treue, welche über ihren eigenen Tod hinaus zu bestehen trachtet? Das Interesse, der Reiz, die leiseste Hoffnung von Glück ist oft verschwunden, wenn die Leute ein altes Versprechen einlösen; beide Teile fühlen es, beide wagen es nicht zu äussern, um den Popanz der Treue nicht zu verletzen, beide stürzen sich mit offenen Augen ins Verderben. Das täglich wechselnde Leben, der Reiz, welcher fröhlich vor ihre Augen tritt, predigt stürmend das Gegenteil, aber sie verstocken sich, um ihr Gespenst nicht zu verletzen, sie sündigen gegen die Herrlichkeit der natur, die sich ihnen in den Schoss wirft, um ein Wort zu halten, das ihnen vielleicht ein Augenblick des Rausches entlockt hat."
"Sind denn nicht aber wirklich die schönsten Gefühle von tieferer Dauer, von stetem Bestande? Heisst es nicht das Herz verflachen, wenn man die Treue von dannen weist? Verurteilen wir uns nicht selbst dadurch zu jener vorüberfliegenden Unbedeutendheit, die alle Verbindung mit ewigen Zuständen aufgibt?"
"O, erfindet, ihr widersprechenden Geister, ein neues Wort, verdrängt eure tödlichen Bezeichnungen für unwandelbare, unverrückte Zustände, sie sind unserem Blute und unserem Streben fremd, sie sind unnatürlich und erzeugen das Unglück – keine Untreue, nein, sie ist des Herzens unwürdig, aber auch nicht jene Treue, jenes tote, stehende Gewässer."
"Ich sehe dich, Kamilla, du zürnst mir nicht, wenn ich ein anderes Weib küsse – deine Seele lebt im grund meines Herzens, solange ein Tropfen Blutes darin rollt. Und soll ich nicht mehr atmen, wenn es nicht deine Luft ist? – Ohne Weiber ist das Leben arm, arm, sehr arm."
"Du zürnst mir nicht, aber unglücklich wirst du doch, wenn du's erfährst. Und würdest du einen andern küssen? Hab' ich mehr Recht? – Wahrhaftig, ich habe mehr Recht, und das ist kein törichter Männerstolz, ich werde dir's erklären, aber ein andermal. Jetzt hab' ich genug regiert, genug gearbeitet an der Einrichtung der Welt, ich muss Weiber sehen!"
So hatte er sich endlich in eine humoristische Laune hineingesprochen. Es war selten, dass sie ihn von seinen Gedanken erlöste, aber er nahm sie immer fröhlich auf, wenn sie kam, und tröstete sich dann, wenn die fragen ungelöst blieben mit Hamlet oder richtiger gegen Hamlet: Die Welt ist zwar aus den Fugen, und ich soll sie einrenken, aber 's muss ja nicht heute sein, Rom ward nicht an einem Tage erbaut, und der Herrgott müsse auch das Seine tun.
Der Teetisch, an dem er Hedwig und Konstantie zu finden hoffte, mochte wohl die Hauptursache dieses seltenen Wechsels in seinem ernsten Wesen sein. Das gesunde Leben behielt sein Recht über das künstliche, und er besass soviel Instinkt, sich darüber zu freuen und seinen Mantel zu nehmen.
Wie ein Schüler, der aus dem Examen kommt, und nicht eben unter den Besten und Ausgezeichnetsten, aber auch nicht gerade unter den Faullenzern genannt worden ist, schritt er durch die Strassen. Er glaubte, seinen Forschungen und Studien einige Wochen Ferien gewähren zu dürfen, und er freute sich eben auch wie der Schüler auf eine bequeme Zeit, die vor ihm läge.
18.
Graf Stanislaus besass nur noch einen Vater. Das war ein hochbejahrter, liebenswürdiger Greis von den feinsten französischen Manieren, der in grosser achtung stand und allgemein gepriesen wurde wegen seiner anspruchslosen bürgerlichen Tugenden, seiner in Polen nicht eben gewöhnlichen Sanftmut und Freundlichkeit gegen alle Stände, und endlich auch wegen seiner ebenso ungewöhnlichen Bildung in Literatur, Kunst und Staatsinteressen. Der Besuch der Fürstin Konstantie, mit welcher er verwandt war, erfreute ihn auch wegen der geselligen Formen: sie repräsentierte die Dame des Hauses, und der alte reiche Graf ging in grosser Glückseligkeit trippelnd umher, dass sein Salon jetzt wieder glänzend geworden sei wie Anno 94. Als Valerius eintrat, fand er schon eine zahlreiche Gesellschaft; Konstantie war umringt von Herren und Damen und gewahrte ihn nicht. Der alte Graf, eine schlanke, vertrocknete Figur mit schneeweissem, lokkigem Haar, stand neben einer hohen Militärperson und war im eifrigen gespräche. Stanislaus eilte herbei, um ihm seinen neuen Freund vorzustellen; sie warteten indes beide ein wenig, um das dem Anschein nach wichtige Gespräch nicht zu stören, und während der Sohn dem Freunde mit sanfter herzlicher stimme alle die Liebenswürdigkeiten des Vaters leise schilderte, hatte dieser Zeit, den Alten zu betrachten.
Er war ganz schwarz gekleidet bis auf das Halstuch, welches, wie die Leibwäsche, von blendender Weisse war, und einen heitern Schein auf das schmale, gefurchte, aber noch immer von einer leichten Röte überflogene Gesicht warf. In den grossen, tiefliegenden Augen ruhte eine freundliche Sanftmut, und nur hie und da sah man aus einem schnellen Blicke, dass sie nicht auf Schwäche, sondern auf eine grosse, geistige Überlegenheit gegründet sei. Im Knopfloche trug er das Band der Ehrenlegion.
Stanislaus hatte seinen Freund schon angekündigt, und der alte Graf nahm ihn mit der zuvorkommendsten Liebenswürdigkeit auf.
Es war eine lange Reihe von Zimmern geöffnet und erleuchtet. Der Militär hatte sich zu einem andern Teile der Gesellschaft gewendet, die drei Männer traten in das zweite Zimmer, und während der alte Graf seinen Gast mit einigen