aber auch Zeit dazu haben, mein lieber Freund? Du hast einen leichten Roman angesponnen und hast Dir die Kraft zugetraut, Held und Dichter und Publikum zugleich zu sein, Du hast versucht, Dir einen kleinen Freudenplaneten zu schaffen, in ihm zu geniessen und von aussen her ihn zu bewegen, zu regieren. Nach Deinem letzten Briefe ist Dir der Zepter schon klirrend an den Boden gefallen, der falsche griechische Kaiser hat nur seinen Ornat noch behalten, aber das Ansehen und die Macht verloren; Dichter und Publikum sind lachend davongegangen, und der Held des Romans, der Passive, steht in den Mantel gehüllt tief in der und sehnsüchtig nach den Fenstern. Ja Freund, die Neigungen des Menschen sehen immer anfänglich wie kleine harmlose Mädchen aus, bei denen man einen Augenblick scherzend stehen bleibt, mit denen man spielt; und unter den Spielen wachsen sie wunderbar schnell in die Höhe, und sie werden wunderbar schön, und das kleine Händchen ist eine weiche warme Hand geworden, die uns mit wunderbarem Zauber festält. Dies geisterartige Wachsen der Neigung hätte etwas Unheimliches, wären nicht eben Blut und Wärme ihre Waffen, die da aufreizen, statt abzuschrecken.
Schreibe mir, wie es Dir ergeht. Ratschläge sind lächerlich; es sind friedliche Landesgesetze für eine eben vom Feinde eroberte Stadt, die unter dem Martialgesetz seufzt, – ich gebe Dir keine, Du kannst keine brauchen.
Leopold schwärmte seit längerer Zeit hier auf Grünschloss, er hat den William und mich hieher gebracht. Ich hielt es für nötig, die Vorhänge meiner Einsamkeit endlich aufzurollen und mich einmal nach der Sonne umzusehen. Wie ein bleicher Mann trat ich hervor aus langer Kerkernacht in die bewegte Erde – was Wunder, dass ich ein wenig bestürzt war. Beinahe ein halbes Jahr ist es her, dass ich einsam auf meinem Gartenhause lebte, nur Euch sah ich zuweilen bei mir, nur der Abend sah mich manchmal bei Euch, sonst hat mich niemand, sonst hab' ich niemand gesehen. Ihr hattet mich immer nur zurückgezogen gekannt; solange wir zusammen lebten, war ich völlig aus dem Getümmel der Welt getreten. Ein Unterschied nur musste Euch auffallen. Früher suchtet Ihr mich oft vergebens in meiner Behausung; ich war oft nicht daheim. Ob Ihr es wisst, wo ich war, was mich beschäftigte, weiss ich nicht; ich bin Euern fragen ausgewichen, ich habe nie geforscht, ob Ihr geforscht. Wahrscheinlich indes ist's Dir nicht neu. Ich liebte, Freund, und war bei ihr, die mich wieder liebte. Nenn es eine Schwäche oder wie Du willst: das grelle Licht der Öffentlichkeit blendet meine Augen, wenn ich sie hineinsenken kann in das Auge der Liebe. All mein Tun gehört der offenen Welt, aber meine Liebe trag' ich scheu in den dunkelsten Hain; mein Herz erschrickt, wenn es plötzlich vor aller Welt erscheinen soll mit seiner grossen sehnsucht nach einem weib. Dazu kam, dass es eine glückliche Unglücksliebe war; wir liebten uns über offenen Gräbern, wir wussten unseren Todestag, und da wollten wir keine Minute verlieren, und die Welt sollte uns mit ihrer Störung keinen Moment rauben. O meine süsse Klara! wie redlich haben wir mit der Zeit gegeizt! Wie oft hab' ich Euch bis ans Tor begleitet, wo Ihr nach Euerm Sammelplatze, jenem klassisch gewordenen Kaffeegarten, steuertet, und wenn Ihr mich drängtet mitzukommen, und ich den Kopf schüttelte und traurig lächelnd von Euch ging, um in die Felder hinauszustreifen, da harrte sie meiner schon in jener dichtbewachsenen Laube, wo uns niemand störte, da ging ich zu ihr und sass stundenlang zu ihren Füssen. Ach, die Welt ging da gemessen und harmonisch, es war alles so schön, denn ich liebte kindlich und kindisch wie ein fünfzehnjähriger Knabe. Mein demokratisches Glaubensbekenntnis sagt mir heute, dass man besser lieben könne, weiter, breiter, universeller – ich konnte in jener Laube einsam mit ihr sitzen, aber ich konnte die Welt mitbringen, die Welt der Ideen. Ich glaube es auch, ich würde heute reicher lieben. Aber damals war die Welt so arm, sie hatte noch keine Ideen, ich wusste wenigstens nichts davon, und meine modrige Wissenschaft passte nicht dazu. Auf ihrem Schosse schrieb ich jene Lieder, die ich Euch im Vereine las, und weil wir im täglichen Abschiednehmen lebten, so waren sie im höchsten Glück so tragisch, ein schlagendes Herz, mitten durchschossen vom tödlichen Pfeil. Klaras Schicksal war unwiderruflich bestimmt und entschieden durch ihren Vater. Wie einen Gott liebte sie diesen Vater; sie wollte für mich sterben, aber nie mein Glück mit ihr in feindlicher Opposition gegen diesen Vater durchsetzen. Jeder Versuch, das Geschick zu wenden, scheiterte an ihrer eisernen Festigkeit. Es hat mich diese Festigkeit viel Schmerz gekostet. Ich sah sie vernichtet zusammenbrechen, als diese vorgeschriebene Bestimmung erfüllt werden musste; ich sah sie zerbrochen und leblos vor mir; – aber nicht das leiseste Wort eines Änderungsversuchs ist je über ihre Lippen gekommen.
Der Zufall hatte mich mit ihr zusammengeführt; sie fürchtete sich anfänglich vor mir. Ich war bestürzt über ihre Anmut, es war eine rührende Schönheit, die meinen ganzen Menschen erweichte. Ich sah sie eine Woche lang täglich, und wir wussten beide nicht, was wir wollten. Ihre Furcht hatte bald dem Extreme, einem grenzenlosen Vertrauen, Platz gemacht, und – an einem melancholischen Abende hing sie mir plötzlich weinend am Halse, und auch ich weinte Tränen der