Heinrich Laube
Das junge Europa
Roman in drei Büchern
Erster Band
Die Poeten
1. Konstantin an Valerius.
Den 20. März 1830.
Die sehnsucht, wieder einmal mit Menschen umzugehen, lässt mich schreiben – mit Menschen, denn hier gibt es nur Oberpräsidenten, Unteroffiziere, Leutnants, Regierungsräte usw. So wenig Ihr – ich hoffe, Du wirst mein Sendschreiben unserem erlauchten Kreise mitteilen – nach diesem Eingange von meinem hiesigen N i c h t l e b e n erwarten möget, so fange ich doch damit an, und gehe erst später zu Angenehmerem.
Wenn zur Glückseligkeit weiter nichts erforderlich ist als gutes Essen und Trinken, Tabak, Whist, Pikett, Patentvisiten, Gesellschaften, reine Wäsche und ein gutes Bett, so bin ich jetzt überaus glücklich. Doch ist mir's, als fehlten mir noch einige Kleinigkeiten.
Man lebt hier ein trakisches (böotisch ist durch uns nobilitiert) und selbst für mich, der ich doch kein Kostverächter bin, tragisches Leben. Ich lebe wie mit zugeschnürter Kehle und denke an die Poesie wie an eine verbotene Frucht. Neben der pupillarischen Substitution, der Intestat-Erbfolge und der querela inofficiosi testamenti geht mir der Bernhard von Weimar sporenklirrend im Kopf herum, nur sehe' ich zuviel Schwierigkeiten, den Mann dramatisch zu besiegen. Gibt's im poetischen Vereine viel Neues? Ich habe sehr wenig gemacht und bin nur einmal aus diesem Sibirien nach Spanien gegangen.
Uhland scheint wieder zu erwachen; ich habe schon hin und wieder Kleinigkeiten von ihm gelesen – das wäre für mich von grosser Wichtigkeit, denn er veredelt und erhebt mich immer sehr: mein demokratisches Treiben grinset mich zuweilen ein wenig an, nur in ihm ist es ewig schön, ja ist es das Urschöne.
Dem Fähnrich Pistol, meinem liederlichen Hippolyt gib die Beilage, grüss den William und die böotischen Brüder und lebe wohl – hörst Du, lebe wohl! –
A propos, ich verweise Dich auf das Abenteuer, das Du am Schluss des beiliegenden Briefes findest; ich sehe Dein Stirnrunzeln und Deine drohende Unterlippe und höre des finsteren William grollende Worte: "Es ist und bleibt ein rohes Volk" – ich hoffe, Du sprichst als echter Tragöde jetzt nur in Jamben. "Auf Donnerstag, mein Graf? – Die Frist ist kurz!" Ade, Du dunkelfarbiger Romeo!
Konstantin an Hippolyt.
Ein Lied nüchtern zu singen.
1. Und es war ein Mann zu Bahri, der hiess Semajah,
der blies die Posaune und sprach: 2. Was trotzest du also und freust dich deiner Schan
de? 3. Deine Zunge trachtet nach Schaden, und schneidet
mit Lügen wie ein scharfes Schermesser. 4. Du redest lieber Böses denn Gutes, und falsch denn
recht. Sela. 5. Du redest gern alles, was zum Verderben dient mit
falscher Zunge. Sela. 6. Darum wird dich auch Gott ganz und gar zerstören
und aus deiner Hütte reissen und aus dem land der
Lebendigen dich ausrotten. Sela. 7. Ich aber werde bleiben wie ein grüner Ölbaum im
haus Gottes usw.
Ich hoffe, mein Hippolyt, Du hast das sorgfältig gelesen, und bist jetzt in einem gesammelteren Zustande. Ach, Dein Brief duftete wieder so kräftig nach Sekt, dass ich auch ohne die Handschrift zu kennen, und ohne Unterschrift den Autor sogleich würde erraten haben. Sage mir, lieber Junge, kommt es wohl noch vor, dass Du Dich in einer ganz nüchternen Stimmung befindest? O pfui! und Du hattest doch so schöne Vorbilder; ich sah Dich früher oft in Gesellschaft eines wohlbeleibten Mannes mit einem heiteren blick und sittigen Betragen, hat der all seinen Einfluss auf Dich verloren? Ich will es nicht hoffen, mein Fähnrich! Der heitere Mann hat ein kleines Fläschlein zarten Ausbruchs vor sich stehen, er trinkt Dir ein mässiges Gläschen zu, tu ihm Bescheid und befolg seine Lehren. In Deiner wilden Unbändigkeit rennst Du also jetzt nach einem Epos? Wunderlich, als stiege die epische Lust aus gleichem Stoff – ich suche eben auch. Ich sehe Dich des Vormittags bei verhangenen Fenstern wirtschaften, die Helden abschlachten, und Dein wildes Haupt stolz in den Nacken werfen. Ich hoffe wenigstens, dass Du aus Dankbarkeit deutsch schreibst; denn wahrlich, die geringe Zivilisation, welche Du besitzest, hast Du doch lediglich uns zu danken; nicht viel anders als der schwarze Falke vom Lorenzstrome kamst Du in unsere erlauchte Gesellschaft. Fähnrich, tu mir die Freundschaft an, schreibe deutsch, es ist die schönste Sprache. Nur bei schwerem Sekt, Du kennst das edle Gewächs, das eben vor meinen Blicken goldglühend wächst – nur bei schwerem Sekt liess sich Pistols und Sir Johns zungenschweres, lallendes Englisch verbrauchen. schreibe deutsch, Pistol! Es ist eine Universalsprache, selbst wenn Dir die duftigen Träume des Guadalquivir wiederkommen, wie sie Dich manchmal in sternenheller oder morgenfrüher Seligkeit des Julius an den Boden warfen, selbst wenn Deine spanische Jugend die weichen weissen arme um Dich schlägt – hat die deutsche Sprache auch nicht Deine wollüstigen spanischen Liebestöne, so hat sie doch eine göttliche Zärtlichkeit, die mich selbst oft vor ihr erröten macht. schreibe deutsch, Hippolyt!
Ich habe noch neulich Tassos Jerusalem gelesen! Ja, aus jener Zeit ist es schön usw., aus den dunkeln Lagunen, wo die romantische Verborgenheit und unergründliche Tiefe der sehnsucht, wo das tiefblaue Dunkel des zurückgestrahlten himmels die Sinne umstrickt, – aber ich würde es für keinen Gewinn halten, wenn wir heutzutage