aber jener nahm es mir so zierlich aus der Hand, bat mich um irgendeine fürsorgliche Einhüllung, und so geschah's, dass ich, weiss ich doch nicht, wie's geschah, das Täfelchen in das Brieftäschchen steckte, das Band darumschlang und zugeheftet dem Knaben hinreichte, der es mit Anmut ergriff, sich tief verneigend einen Augenblick zauderte, dass ich eben noch Zeit hatte, ihm mein Beutelchen in die Hand zu drücken, und mich schalt, ihm nicht genug gegeben zu haben. Er entfernte sich schicklich eilend und war, als ich ihm nachblickte, schon verschwunden, ich begriff nicht recht wie.
Nun ist es vorüber, ich bin schon wieder auf dem
gewöhnlichen, flachen Tagesboden und glaube kaum an die Erscheinung. Halte ich nicht das Täfelchen in der Hand? Es ist gar zierlich, die Schrift gar schön und sorgfältig gezogen; ich glaube, ich hätte es geküsst, wenn ich die Schrift auszulöschen nicht fürchtete.
Ich habe mir Zeit genommen, nachdem ich Vorste
hendes geschrieben; was ich aber auch darüber denke, will immer nicht fördern. Allerdings etwas Geheimnisvolles war in der Figur; dergleichen sind jetzt im Roman nicht zu entbehren, sollten sie uns denn auch im Leben begegnen? Angenehm, doch verdächtig, fremdartig, doch Vertrauen erregend; warum schied er auch vor aufgelöster Verwirrung? warum hatte' ich nicht Gegenwart des Geistes genug, um ihn schicklicherweise festzuhalten? Nach einer Pause nehm' ich die Feder abermals zur Hand, meine Bekenntnisse fortzusetzen. Die entschiedene, fortdauernde Neigung eines zum Jüngling heranreifenden Knaben wollte mir schmeicheln; da aber fiel mir ein, dass es nichts Seltenes sei, in diesem Alter nach älteren Frauen sich umzusehen. Fürwahr, es gibt eine geheimnisvolle Neigung jüngerer Männer zu älteren Frauen. Sonst, da es mich nicht selbst betraf, lachte ich darüber und wollte boshafterweise gefunden haben: es sei eine Erinnerung an die Ammen- und Säuglingszärtlichkeit, von der sie sich kaum losgerissen haben. Jetzt ärgert's mich, mir die Sache so zu denken; ich erniedrige den guten Felix zur Kindheit herab, und mich sehe ich doch auch nicht in einer vorteilhaften Stellung. Ach welch ein Unterschied ist es, ob man sich oder die andern beurteilt.
Eilftes Kapitel
Wilhelm an Natalien
Schon Tage geh' ich umher und kann die Feder anzusetzen mich nicht entschliessen; es ist so mancherlei zu sagen, mündlich fügte sich wohl eins ans andere, entwickelte sich auch wohl leicht eins aus dem andern; lass mich daher den Entfernten, nur mit dem Allgemeinsten beginnen, es leitet mich doch zuletzt aufs Wunderliche, was ich mitzuteilen habe.
Du hast von dem Jüngling gehört, der, am Ufer des Meeres spazierend, einen Ruderpflock fand; das Interesse, das er daran nahm, bewog ihn, ein Ruder anzuschaffen, als notwendig dazu gehörend. Dies aber war nun auch weiter nichts nütze; er trachtete ernstlich nach einem Kahn und gelangte dazu. Jedoch war Kahn, Ruder und Ruderpflock nicht sonderlich fördernd, er verschaffte sich Segelstangen und Segel und so nach und nach, was zur Schnelligkeit und Bequemlichkeit der Schiffahrt erforderlich ist. Durch zweckmässiges Bestreben gelangt er zu grösserer Fertigkeit und Geschicklichkeit, das Glück begünstigt ihn, er sieht sich endlich als Herr und Patron eines grösseren Fahrzeugs, und so steigert sich das Gelingen, er gewinnt Wohlhaben, Ansehen und Namen unter den Seefahrern. – Indem ich nun dich veranlasse, diese artige geschichte wieder zu lesen, muss ich bekennen, dass sie nur im weitesten Sinne hierher gehört, jedoch mir den Weg bahnt, dasjenige auszudrücken, was ich vorzutragen habe. Indessen muss ich noch einiges Entferntere durchgehen. Die Fähigkeiten, die in dem Menschen liegen, lassen sich einteilen in allgemeine und besondere, die allgemeinen sind anzusehen als gleichgültig-ruhende Fähigkeiten, die nach Umständen geweckt und zufällig zu diesem oder jenem Zweck bestimmt werden. Die Nachahmungsgabe des Menschen ist allgemein, er will nachmachen, nachbilden, was er sieht, auch ohne die mindesten inneren und äussern Mittel zum Zwecke. natürlich ist es daher immer, dass er leisten will, was er leisten sieht; das Natürlichste jedoch wäre, dass der Sohn des Vaters Beschäftigung ergriffe. Hier ist alles beisammen: eine vielleicht im besonderen schon angeborne, in ursprünglicher Richtung entschiedene Fähigkeit, sodann eine folgerecht stufenweis fortschreitende Übung und ein entwickeltes Talent, das uns nötigte, auch alsdann auf dem eingeschlagenen Wege fortzuschreiten, wenn andere Triebe sich in uns entwickeln und uns eine freie Wahl zu einem Geschäft führen dürfte, zu dem uns die natur weder Anlage noch Beharrlichkeit verliehen. Im Durchschnitt sind daher die Menschen am glücklichsten, die ein angebornes, ein Familientalent im häuslichen Kreise auszubilden gelegenheit finden. Wir haben solche Malerstammbäume gesehen; darunter waren freilich schwache Talente, indessen lieferten sie doch etwas Brauchbares und vielleicht Besseres, als sie bei mässigen Naturkräften aus eigner Wahl in irgendeinem andern Fache geleistet hätten. Da dieses aber auch nicht ist, was ich sagen wollte, so muss ich meinen Mitteilungen von irgendeiner andern Seite näher zu kommen suchen. Das ist nun das Traurige der Entfernung von Freunden, dass wir die Mittelglieder, die Hülfsglieder unserer Gedanken, die sich in der Gegenwart so flüchtig wie Blitze wechselseitig entwickeln und durchweben, nicht in augenblicklicher Verknüpfung und Verbindung vorführen und vortragen können. Hier also zunächst eine der frühsten Jugendgeschichten. Wir in einer alten, ernsten Stadt erzogenen Kinder hatten so die Begriffe von Strassen, Plätzen, von Mauern gefasst, sodann auch von Wällen, dem Glacis