sich's denken könnte. Ich darf Ihnen wohl vertrauen und erzählen, was eigentlich keine geschichte ist. Was müssen Sie aber denken, wenn ich Ihnen sage, dass mein zauderndes Zurückreisen, dass die Furcht, in unsere wohnung zurückzukehren, dass diese seltsamen Anstalten und fragen, wie es bei uns aussehe, eigentlich nur zur Absicht haben, nebenher zu erfahren, wie es mit diesem kind stehe.
Denn glauben Sie", fuhr er fort, "ich weiss übrigens sehr gut, dass man Menschen, die man kennt, auf geraume Zeit verlassen kann, ohne sie verändert wiederzufinden, und so denke ich auch bei den Meinigen bald wieder völlig zu haus zu sein. Um dies einzige Wesen war es mir zu tun, dessen Zustand sich verändern musste und sich, Dank sei es dem Himmel, ins Bessere verändert hat."
"Sie machen mich neugierig", sagte Wilhelm. "Sie lassen mich etwas ganz Besonderes erwarten."
"Ich halte es wenigstens dafür", versetzte Lenardo und fing seine Erzählung folgendermassen an.
"Die herkömmliche Kreisfahrt durch das gesittete Europa in meinen Jünglingsjahren zu bestehen, war ein fester Vorsatz, den ich von Jugend auf hegte, dessen Ausführung sich aber von Zeit zu Zeit, wie es zu gehen pflegt, verzögerte. Das Nächste zog mich an, hielt mich fest, und das Entfernte verlor immer mehr seinen Reiz, je mehr ich davon las oder erzählen hörte. Doch endlich, angetrieben durch meinen Oheim, angelockt durch Freunde, die sich vor mir in die Welt hinausbegeben hatten, ward der Entschluss gefasst, und zwar geschwinder, ehe wir es uns alle versahen.
Mein Oheim, der eigentlich das Beste dazu tun musste, um die Reise möglich zu machen, hatte sogleich kein anderes Augenmerk. Sie kennen ihn und seine Eigenheit, wie er immer nur auf eines losgeht und das erst zustande bringt, und inzwischen alles andere ruhen und schweigen muss; wodurch er denn freilich vieles geleistet hat, was über die Kräfte eines Particuliers zu gehen scheint. Diese Reise kam ihm einigermassen unerwartet; doch wusste er sich sogleich zu fassen. Einige Bauten, die er unternommen, ja sogar angefangen hatte, wurden eingestellt, und weil er sein Erspartes niemals angreifen will, so sah er sich als ein kluger Finanzmann nach andern Mitteln um. Das Nächste war, ausstehende Schulden, besonders Pachtreste, einzukassieren; denn auch dieses gehörte mit zu seiner Art und Weise, dass er gegen Schuldner nachsichtig war, solange er bis auf einen gewissen Grad selbst nichts bedurfte. Sein Geschäftsmann erhielt die Liste; diesem war die Ausführung überlassen. Vom einzelnen erfuhren wir nichts; nur hörte ich im Vorbeigehen, dass der Pachter eines unserer Güter, mit dem der Oheim lange Geduld gehabt hatte, endlich wirklich ausgetrieben, seine Kaution zu kärglichem Ersatz des Ausfalls innebehalten und das Gut anderweit verpachtet werden sollte. Es war dieser Mann von Art der 'Stillen im land', aber nicht, wie seinesgleichen, dabei klug und tätig; wegen seiner Frömmigkeit und Güte zwar geliebt, doch wegen seiner Schwäche als Haushalter gescholten. Nach seiner Frauen tod war eine Tochter, die man nur das nussbraune Mädchen nannte, ob sie schon rüstig und entschlossen zu werden versprach, doch viel zu jung, um entschieden einzugreifen; genug, es ging mit dem Mann rückwärts, ohne dass die Nachsicht des Onkels sein Schicksal hätte aufhalten können.
Ich hatte meine Reise im Sinn, und die Mittel dazu musst' ich billigen. Alles war bereit, das Packen und Loslösen ging an, die Augenblicke drängten sich. Eines Abends durchstrich ich noch einmal den Park, um Abschied von den bekannten Bäumen und Sträuchen zu nehmen, als mir auf einmal Valerine in den Weg trat: denn so hiess das Mädchen; das andere war nur ein Scherzname, durch ihre bräunliche Gesichtsfarbe veranlasst. Sie trat mir in den Weg."
Lenardo hielt einen Augenblick nachdenkend inne. "Wie ist mir denn?" sagte er; "hiess sie auch Valerine? Ja doch", fuhr er fort; "doch war der Scherzname gewöhnlicher. Genug, das braune Mädchen trat mir in den Weg und bat mich dringend, für ihren Vater, für sie ein gutes Wort bei meinem Oheim einzulegen. Da ich wusste, wie die Sache stand, und ich wohl sah, dass es schwer, ja unmöglich sein würde, in diesem Augenblick etwas für sie zu tun, so sagte ich's ihr aufrichtig und setzte die eigne Schuld ihres Vaters in ein ungünstiges Licht.
Sie antwortete mir darauf mit so viel klarheit und zugleich mit so viel kindlicher Schonung und Liebe, dass sie mich ganz für sich einnahm und dass ich, wäre es meine eigene Kasse gewesen, sie sogleich durch Gewährung ihrer Bitte glücklich gemacht hätte. Nun waren es aber die Einkünfte meines Oheims; es waren seine Anstalten, seine Befehle; bei seiner Denkweise, bei dem, was bisher schon geschehen, war nichts zu hoffen. Von jeher hielt ich ein Versprechen hochheilig. Wer etwas von mir verlangte, setzte mich in Verlegenheit. Ich hatte mir es so angewöhnt abzuschlagen, dass ich sogar das nicht versprach, was ich zu halten gedachte. Diese Gewohnheit kam mir auch diesmal zustatten. Ihre Gründe ruhten auf Individualität und Neigung, die meinigen auf Pflicht und Verstand, und ich leugne nicht, dass sie mir am Ende selbst zu hart vorkamen. Wir hatten schon einigemal dasselbe wiederholt, ohne einander zu überzeugen, als