dagewesen sei. Deshalb das System der Einschachtelung kommt uns begreiflich vor. Wie manches Bedeutende sieht man aus Teilen zusammensetzen; man betrachte die Werke der Baukunst, man sieht manches sich regel- und unregelmässig anhäufen; daher ist uns der atomistische Begriff nah und bequem zur Hand, deshalb wir uns nicht scheuen, ihn auch in organischen Fällen anzuwenden. Wer den Unterschied des Phantastischen und Ideellen, des Gesetzlichen und Hypotetischen nicht zu fassen weiss, der ist als Naturforscher in einer üblen Lage. Es gibt Hypotesen, wo Verstand und Einbildungskraft sich an die Stelle der idee setzen. Man tut nicht wohl, sich allzulange im Abstrakten aufzuhalten. Das Esoterische schadet nur, indem es exoterisch zu werden trachtet. Leben wird am besten durchs Lebendige belehrt. Für die vorzüglichste Frau wird diejenige gehalten, welche ihren Kindern den Vater, wenn er abgeht, zu ersetzen imstande wäre. Der unschätzbare Vorteil, welchen die Ausländer gewinnen, indem sie unsere Literatur erst jetzt gründlich studieren, ist der, dass sie über die Entwickelungskrankheiten, durch die wir nun schon beinahe während dem Laufe des Jahrhunderts durchgehen mussten, auf einmal weggehoben werden und, wenn das Glück gut ist, ganz eigentlich daran sich auf das wünschenswerteste ausbilden. Wo die Franzosen des achtzehnten Jahrhunderts zerstörend sind, ist Wieland neckend. Das poetische Talent ist dem Bauer so gut gegeben wie dem Ritter, es kommt nur darauf an, dass jeder seinen Zustand ergreife und ihn nach Würden behandle. "Was sind Tragödien anders als versifizierte Passionen solcher Leute, die sich aus den äussern Dingen ich weiss nicht was machen." Das Wort Schule, wie man es in der geschichte der bildenden Kunst nimmt, wo man von einer florentinischen, römischen und venezianischen Schule spricht, wird sich künftighin nicht mehr auf das deutsche Teater anwenden lassen. Es ist ein Ausdruck, dessen man sich vor dreissig, vierzig Jahren vielleicht noch bedienen konnte, wo unter beschränkteren Umständen sich eine natur- und kunstgemässe Ausbildung noch denken liess; denn genau gesehen gilt auch in der bildenden Kunst das Wort Schule nur von den Anfängen; denn sobald sie treffliche Männer hervorgebracht hat, wirkt sie alsobald in die Weite. Florenz beweist seinen Einfluss über Frankreich und Spanien; Niederländer und Deutsche lernen von den Italienern und erwerben sich mehr Freiheit in Geist und Sinn, anstatt dass die Südländer von ihnen eine glücklichere Technik und die genauste Ausführung von Norden her gewinnen. Das deutsche Teater befindet sich in der Schlussepoche, wo eine allgemeine Bildung dergestalt verbreitet ist, dass sie keinem einzelnen Orte mehr angehören, von keinem besonderen Punkte mehr ausgehen kann. Der Grund aller teatralischen Kunst, wie einer jeder andern, ist das Wahre, das Naturgemässe. Je bedeutender dieses ist, auf je höherem Punkte Dichter und Schauspieler es zu fassen verstehen, eines desto höhern Ranges wird sich die Bühne zu rühmen haben. Hiebei gereicht es Deutschland zu einem grossen Gewinn, dass der Vortrag trefflicher Dichtung allgemeiner geworden ist und auch ausserhalb des Teaters sich verbreitet hat. Auf der Rezitation ruht alle Deklamation und Mimik. Da nun beim Vorlesen jene ganz allein zu beachten und zu üben ist, so bleibt offenbar, dass Vorlesungen die Schule des wahren und Natürlichen bleiben müssen, wenn Männer, die ein solches Geschäft übernehmen, von dem Wert, von der Würde ihres Berufs durchdrungen sind. Shakespeare und Calderon haben solchen Vorlesungen einen glänzenden Eingang gewährt; jedoch bedenke man immer dabei, ob nicht hier gerade das imposante Fremde, das bis zum Unwahren gesteigerte Talent der deutschen Ausbildung schädlich werden müsse! Eigentümlichkeit des Ausdruckes ist Anfang und Ende aller Kunst. Nun hat aber eine jede Nation eine von dem allgemeinen Eigentümlichen der Menschheit abweichende besondere Eigenheit, die uns zwar anfänglich widerstreben mag, aber zuletzt, wenn wir's uns gefallen liessen, wenn wir uns derselben hingäben, unsere eigene charakteristische natur zu überwältigen und zu erdrücken vermöchte. Wieviel Falsches Shakespeare und besonders Calderon über uns gebracht, wie diese zwei grossen Lichter des poetischen himmels für uns zu Irrlichtern geworden, mögen die Literatoren der Folgezeit historisch bemerken. Eine völlige Gleichstellung mit dem spanischen Teater kann ich nirgends billigen. Der herrliche Calderon hat so viel Konventionelles, dass einem redlichen Beobachter schwer wird, das grosse Talent des Dichters durch die Teateretikette durchzuerkennen. Und bringt man so etwas irgendeinem Publikum, so setzt man bei demselben immer guten Willen voraus, dass es geneigt sei, auch das Weltfremde zuzugeben, sich an ausländischem Sinn, Ton und Rhytmus zu ergetzen und aus dem, was ihm eigentlich gemäss ist, eine Zeitlang herauszugehen. Yorik-Sterne war der schönste Geist, der je gewirkt hat; wer ihn liest, fühlt sich sogleich frei und schön; sein Humor ist unnachahmlich, und nicht jeder Humor befreit die Seele. "Mässigkeit und klarer Himmel sind Apollo und die Musen." Das Gesicht ist der edelste Sinn, die andern vier belehren uns nur durch die Organe des Takts, wir hören, wir fühlen, riechen und betasten alles durch Berührung; das Gesicht aber steht unendlich höher, verfeint sich über die Materie und nähert sich den Fähigkeiten des Geistes. Setzten wir uns an die Stelle anderer Personen, so würden Eifersucht und Hass wegfallen, die wir so oft gegen sie empfinden; und setzten wir andere an unsere Stelle, so würde Stolz und Einbildung gar sehr abnehmen. Nachdenken und Handeln verglich einer mit Rahel und Lea; die eine war anmutiger, die andere fruchtbarer. Nichts im Leben ausser Gesundheit und Tugend ist schätzenswerter als Kenntnis und Wissen; auch ist