zum Werke schreiten.
Ruhe, aber freilich eine Art Totenruhe, war nach Verlauf dieser Flut über die Strassen des Orts, über den Hof des Schlosses gekommen, als unsern rechnenden und berechnenden Geschäftsmann ein hereinsprengender Reiter aufrief und aus seiner ruhigen Fassung brachte. Des Pferdes Huf klappte freilich nicht, es war nicht beschlagen, aber der Reiter, der von der Decke herabsprang – er ritt ohne Sattel und Steigbügel, auch bändigte er das Pferd nur durch eine Trense –, er rief laut und ungeduldig nach den Bewohnern, nach den Gästen und war leidenschaftlich verwundert, alles so still und tot zu finden.
Der Amtsdiener wusste nicht, was er aus dem Ankömmling machen sollte; auf einen entstandenen Wortwechsel kam der Amtmann selbst hervor und wusste auch weiter nichts zu sagen, als dass alles weggezogen sei. – "Wohin?" war die rasche Frage des jungen, lebendigen Ankömmlings. – Mit Gelassenheit bezeichnete der Amtmann den Weg Lenardos und Odoards, auch eines dritten problematischen Mannes, den sie teils Wilhelm, teils Meister genannt hätten. Dieser habe sich auf dem einige Meilen entfernten Flusse eingeschifft, er fahre hinab, erst seinen Sohn zu besuchen und alsdann ein wichtiges Geschäft weiter zu verfolgen.
Schon hatte der Jüngling sich wieder aufs Pferd geschwungen und Kenntnis genommen von dem nächsten Wege zum Flusse hin, als er schon wieder zum Tor hinaus stürzte und so eilig davonflog, dass dem Amtmann, der oben aus seinen Fenstern nachschaute, kaum ein verfliegender Staub anzudeuten schien, dass der verwirrte Reiter den rechten Weg genommen habe.
Nur eben war der letzte Staub in der Ferne verflogen, und unser Amtmann wollte sich wieder zu seinem Geschäft niedersetzen, als zum oberen Schlosstor ein Fussbote hereingesprungen kam und ebenfalls nach der Gesellschaft fragte, der noch etwas Nachträgliches zu überbringen er eilig abgesendet worden. Er hatte für sie ein grösseres Paket, daneben aber auch einen einzelnen Brief, adressiert an Wilhelm genannt Meister, der dem Überbringer von einem jungen Frauenzimmer besonders auf die Seele gebunden und dessen baldige Bestellung eifrigst eingeschärft worden war. Leider konnte auch diesem kein anderer Bescheid werden, als dass er das Nest leer finde und daher seinen Weg eiligst fortsetzen müsse, wo er sie entweder sämtlich anzutreffen oder eine weitere Anweisung zu finden hoffen dürfte.
Den Brief aber selbst, den wir unter den vielen uns anvertrauten Papieren gleichfalls vorgefunden, dürfen wir, als höchst bedeutend, nicht zurückhalten. Er war von Hersilien, einem so wunderbaren als liebenswürdigen Frauenzimmer, welches in unsern Mitteilungen nur selten erscheint, aber bei jedesmaligem Auftreten gewiss jeden Geistreichen, Feinfühlenden unwiderstehlich angezogen hat. Auch ist das Schicksal, das sie betrifft, wohl das sonderbarste, das einem zarten Gemüte widerfahren kann.
Siebzehntes Kapitel
Hersilie an Wilhelm
Ich sass denkend und wüsste nicht zu sagen, was ich dachte. Ein denkendes Nichtdenken wandelt mich aber manchmal an, es ist eine Art von empfundener Gleichgültigkeit. Ein Pferd sprengt in den Hof und weckt mich aus meiner Ruhe, die tür springt auf, und Felix tritt herein im jugendlichsten Glanze wie ein kleiner Abgott. Er eilt auf mich zu, will mich umarmen, ich weise ihn zurück; er scheint gleichgültig, bleibt in einiger Entfernung, und in ungetrübter Heiterkeit preist er mir das Pferd an, das ihn hergetragen, erzählt von seinen Übungen, von seinen Freuden umständlich und vertraulich. Die Erinnerung an ältere Geschichten bringt uns auf das Prachtkästchen, er weiss, dass ich's habe, und verlangt es zu sehen; ich gebe nach, es war unmöglich zu versagen. Er betrachtet's, erzählt umständlich, wie er es entdeckt, ich verwirre mich und verrate, dass ich den Schlüssel besitze. Nun steigt seine Neugier aufs höchste, auch den will er sehen, nur von ferne. Dringender und liebenswürdiger bitten konnte man niemand sehen; er bittet wie betend, knieet und bittet mit so feurigen, holden Augen, mit so süssen, schmeichelnden Worten, und so war ich wieder verführt. Ich zeigte das Wundergeheimnis von weitem, aber schnell fasste er meine Hand und entriss ihn und sprang mutwillig zur Seite um einen Tisch herum.
"Ich habe nichts vom Kästchen noch vom Schlüssel!" rief er aus; "dein Herz wünscht' ich zu öffnen, dass es sich mir auftäte, mir entgegenkäme, mich an sich drückte, mir vergönnte, es an meine Brust zu drücken." Er war unendlich schön und liebenswürdig, und wie ich auf ihn zugehen wollte, schob er das Kästchen auf dem Tisch immer vor sich hin; schon stak der Schlüssel drinnen; er drohte umzudrehen und drehte wirklich. Das Schlüsselchen war abgebrochen, die äussere Hälfte fiel auf den Tisch.
Ich war verwirrter, als man sein kann und sein sollte. Er benützt meine Unaufmerksamkeit, lässt das Kästchen stehen, fährt auf mich los und fasst mich in die arme. Ich rang vergebens, seine Augen näherten sich den meinigen, und es ist was Schönes, sein eigenes Bild im liebenden Auge zu erblicken. Ich sah's zum erstenmal, als er seinen Mund lebhaft auf den meinigen drückte. Ich will's nur gestehen, ich gab ihm seine Küsse zurück, es ist doch sehr schön, einen Glücklichen zu machen. Ich riss mich los, die Kluft die uns trennt, erschien mir nur zu deutlich; statt mich zu fassen, überschritt ich das Mass, ich stiess ihn zürnend weg, meine Verwirrung gab mir Mut und Verstand; ich bedrohte ich schalt ihn, befahl ihm,