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viel über alle Verhältnisse gedacht, aber zuletzt sprach sie mit einem tiefen Seufzer: "Ich habe diese Tage Ihres Hierseins immer gehofft, durch vertrauliche Erzählung Trost zu gewinnen, aber ich fühle mich übler gestellt als vorher, ich fühle recht tief, wie unglücklich ich bin." Sie hob den blick nach mir, aber die aus den schönen, guten Augen ausquellenden Tränen zu verbergen, wendete sie sich um und entfernte sich einige Schritte.

Ich will mich nicht entschuldigen, aber der Wunsch, diese herrliche Seele, wo nicht zu trösten, doch zu zerstreuen gab mir den Gedanken ein, ihr von der wundersamen Vereinigung mehrerer Wandernden und Scheidenden zu sprechen, in die ich schon seit einiger Zeit getreten war. Unversehens hatte ich schon so weit mich herausgelassen, dass ich kaum hätte zurückhalten können, als ich gewahrte, wie unvorsichtig mein Vertrauen gewesen sein mochte. Sie beruhigte sich, staunte, erheiterte, entfaltete ihr ganzes Wesen und fragte mit solcher Neigung und Klugheit, dass ich ihr nicht mehr ausweichen, dass ich ihr alles bekennen musste.

Gretchen trat vor uns und sagte: wir möchten zum Vater kommen! Das Mädchen schien sehr nachdenklich und verdriesslich. Zur Weggehenden sagte die Schöne-Gute: "Lieschen hat Urlaub für heute abend, besorge du die Geschäfte." – "Ihr hättet ihn nicht geben sollen", versetzte Gretchen, "sie stiftet nichts Gutes; Ihr seht dem Schalk mehr nach, als billig, vertraut ihr mehr, als recht ist. Eben jetzt erfahr' ich, sie hat ihm gestern einen Brief geschrieben; Euer Gespräch hat sie behorcht, jetzt geht sie ihm entgegen."

Ein Kind, das indessen beim Vater geblieben war, bat mich, zu eilen, der gute Mann sei unruhig. Wir traten hinein; heiter, ja verklärt sass er aufrecht im Bette. "Kinder", sagte er, "ich habe diese Stunden im anhaltenden Gebet vollbracht, keiner von allen Dankund Lobgesängen Davids ist von mir unberührt geblieben, und ich füge hinzu, aus eignem Sinne mit gestärktem Glauben: Warum hofft der Mensch nur in die Nähe? da muss er handeln und sich helfen, in die Ferne soll er hoffen und Gott vertrauen." Er fasste Lenardos Hand und so die Hand der Tochter, und beide ineinander legend sprach er: "Das soll kein irdisches, es soll ein himmlisches Band sein; wie Bruder und Schwester liebt, vertraut, nützt und helft einander, so uneigennützig und rein, wie euch Gott helfe." Als er dies gesagt, sank er zurück mit himmlischem Lächeln und war heimgegangen. Die Tochter stürzte vor dem Bett nieder, Lenardo neben sie, ihre Wangen berührten sich, ihre Tränen vereinigten sich auf seiner Hand.

Der Gehülfe rennt in diesem Augenblick herein, erstarrt über der Szene. Mit wildem blick, die schwarzen Locken schüttelnd, ruft der wohlgestaltete Jüngling: "Er ist tot; in dem Augenblick, da ich seine wiederhergestellte Sprache dringend anrufen wollte, mein Schicksal, das Schicksal seiner Tochter zu entscheiden, des Wesens, das ich nächst Gott am meisten liebe, dem ich ein gesundes Herz wünschte, ein Herz, das den Wert meiner Neigung fühlen könnte. Für mich ist sie verloren, sie kniet neben einem andern! Hat er euch eingesegnet? gesteht's nur!"

Das herrliche Wesen war indessen aufgestanden, Lenardo hatte sich erhoben und erholt; sie sprach: "Ich erkenn' Euch nicht mehr, den sanften, frommen, auf einmal so verwilderten Mann; wisst Ihr doch, wie ich Euch danke, wie ich von Euch denke."

"Von Danken und Denken ist hier die Rede nicht", versetzte jener gefasst, "hier handelt sich's vom Glück oder Unglück meines Lebens. Dieser fremde Mann macht mich besorgt; wie ich ihn ansehe, getrau' ich mich nicht, ihn aufzuwiegen; frühere Rechte zu verdrängen, frühere Verbindungen zu lösen vermag ich nicht."

"Sobald du wieder in dich selbst zurücktreten kannst", sagte die Gute, schöner als je, "wenn mit dir zu sprechen ist wie sonst und immer, so will ich dir sagen, dir beteuern bei den irdischen Resten meines verklärten Vaters, dass ich zu diesem Herrn und Freunde kein ander Verständnis habe, als das du kennen, billigen und teilen kannst und dessen du dich erfreuen musst."

Lenardo schauderte bis tief ins Innerste, alle drei standen still, stumm und nachdenkend eine Weile; der Jüngling nahm zuerst das Wort und sagte: "Der Augenblick ist von zu grosser Bedeutung, als dass er nicht entscheidend sein sollte. Es ist nicht aus dem Stegreif, was ich spreche, ich habe Zeit gehabt zu denken, also vernehmt: Die Ursache, deine Hand mir zu verweigern, war meine Weigerung, dir zu folgen, wenn du aus Not oder Grille wandern würdest. Hier also erklär' ich feierlich vor diesem gültigen Zeugen, dass ich deinem Auswandern kein Hindernis in den Weg legen, vielmehr es befördern und dir überallhin folgen will. Gegen diese mir nicht abgenötigte, sondern nur durch die seltsamsten Umstände beschleunigte Erklärung verlang' ich aber im Augenblick deine Hand." Er reichte sie hin, stand fest und sicher da, die beiden andern wichen überrascht, unwillkürlich zurück.

"Es ist ausgesprochen", sagte der Jüngling, ruhig mit einer gewissen frommen Hoheit: "das sollte geschehen, es ist zu unser aller Bestem, Gott hat es gewollt;