nicht selbst Herren darüber sind, wenn es von dem verstand, von den Empfindungen anderer abhängt, ein Ja oder Nein, ein So oder So zu erwarten ist, dann ziemt es, ruhig zu stehen, sich zu fassen, sich zu fragen, ob man es erdulden würde als wenn es ein sogenanntes Gottesurteil wäre, wo uns auferlegt ist, die Vernunft gefangenzunehmen."
"Du bist nicht so gefasst, als du scheinen willst", versetzte Friedrich, "bleibe deswegen allein mit deinen Geheimnissen und schalte darüber nach Belieben, mich berühren sie auf alle Fälle nicht; aber lass mich indes diesem alten, geprüften Freunde den Inhalt offenbaren und die zweifelhaften Zustände vorlegen, die wir ihm schon so lange verheimlicht haben." Mit diesen Worten riss er unsern Freund mit sich weg, und schon unterwegs rief er aus: "Sie ist gefunden, längst gefunden! und es ist nur die Frage, wie es mit ihr werden soll."
"Das wusst' ich schon", sagte Wilhelm, "denn Freunde offenbaren einander gerade das am deutlichsten, was sie einander verschweigen; die letzte Stelle des Tagebuchs, wo sich Lenardo gerade mitten im Gebirg des Briefes erinnert, den ich ihm schreibe, rief mir in der Einbildungskraft im ganzen Umgange des Geistes und Gefühls jenes gute Wesen hervor; ich sah ihn schon mit dem nächsten Morgen sich ihr nähern, sie anerkennen und was daraus mochte gefolgt sein. Da will ich denn aber aufrichtig gestehen, dass nicht Neugierde, sondern ein redlicher Anteil, den ich ihr gewidmet habe, mich Über euer Schweigen und Zurückhalten beunruhigte."
"Und in diesem Sinne", rief Friedrich, "bist du gerade bei diesem angekommenen Paket hauptsächlich mit interessiert; der Verfolg des Tagebuchs war an Makarien gesandt, und man wollte dir durch Erzählung das ernst-anmutige Ereignis nicht verkümmern. Nun sollst du's auch gleich haben; Lenardo hat gewiss indessen ausgepackt, und das braucht er nicht zu seiner Aufklärung." Friedrich sprang hiermit nach alter Art hinweg, sprang wieder herbei und brachte das versprochene Heft. "Nun muss ich aber auch erfahren", rief er, "was aus uns werden wird." Hiemit war er wieder entsprungen, und Wilhelm las:
Lenardos Tagebuch
Fortsetzung
Freitag, den 19ten.
Da man heute nicht säumen durfte, um zeitig zu Frau Susanne zu gelangen, so frühstückte man eilig mit der ganzen Familie, dankte mit versteckten Glückwünschen und hinterliess dem Geschirrfasser, welcher zurückblieb, die den Jungfrauen zugedachten Geschenke, etwas reichlicher und bräutlicher als die vorgestrigen, sie ihm heimlich zuschiebend, worüber der gute Mann sich sehr erfreut zeigte. Diesmal war der Weg frühe zurückgelegt; nach einigen Stunden erblickten wir in einem ruhigen, nicht von Wellen des klarsten Sees leicht bespült sich widerspiegelte, wohl und anständig gebaute Häuser, um welche ein besserer, sorgfältig gepflegter Boden, bei sonniger Lage, einiges Gartenwesen begünstigte. In das Hauptaus durch den Garnboten eingeführt und Frau Susannen vorgestellt, fühlte ich etwas ganz Eigenes, als sie uns freundlich ansprach und versicherte: es sei ihr sehr angenehm, dass wir Freitags kämen, als dem ruhigsten Tage der Woche, da Donnerstags abends die gefertigte Ware zum See und in die Stadt geführt werde. Dem einfallenden Garnboten, welcher sagte: "Die bringt wohl Daniel jederzeit hinunter!", versetzte sie: "Gewiss, er versieht das Geschäft so löblich und treu, als wenn es sein eigenes wäre." – "Ist doch auch der Unterschied nicht gross", versetzte jener; übernahm einige Aufträge von der freundlichen Wirtin und eilte, seine Geschäfte in den Seitentälern zu vollbringen, versprach in einigen Tagen wiederzukommen und mich abzuholen.
Mir war indessen ganz wunderlich zumute; mich hatte gleich beim Eintritt eine Ahnung befallen, dass es die Ersehnte sei; beim längeren Hinblick war sie es wieder nicht, konnte es nicht sein, und doch beim Wegblicken, oder wenn sie sich umkehrte, war sie es wieder; eben wie im Traum Erinnerung und Phantasie ihr Wesen gegeneinander treiben.
Einige Spinnerinnen, die mit ihrer Wochenarbeit gezögert hatten, brachten sie nach; die Herrin, mit freundlichster Ermahnung zum Fleisse, marktete mit ihnen, überliess aber, um sich mit dem Gast zu unterhalten, das Geschäft an zwei Mädchen, welche sie Gretchen und Lieschen nannte und welche ich um desto aufmerksamer betrachtete, als ich ausforschen wollte, wie sie mit der Schilderung des Geschirrfassers allenfalls zusammenträfen. Diese beiden Figuren machten mich ganz irre und zerstörten alle Ähnlichkeit zwischen der Gesuchten und der Hausfrau.
Aber ich beobachtete diese nur desto genauer, und sie schien mir allerdings das würdigste, liebenswürdigste Wesen von allen, die ich auf meiner Gebirgsreise erblickte. Schon war ich von dem Gewerbe unterrichtet genug, um mit ihr über das Geschäft, welches sie gut verstand, mit Kenntnis sprechen zu können; meine einsichtige Teilnahme erfreute sie sehr, und als ich fragte: woher sie ihre Baumwolle beziehe, deren grossen Transport übers Gebirg ich vor einigen Tagen gesehen, so erwiderte sie, dass eben dieser Transport ihr einen ansehnlichen Vorrat mitgebracht. Die Lage ihres Wohnorts sei auch deshalb so glücklich, weil die nach dem See hinunterführende Hauptstrasse etwa nur eine Viertelstunde ihres Tals hinabwärts vorbeigehe, wo sie denn entweder in person oder durch einen Faktor die ihr von Triest bestimmten und adressierten Ballen in Empfang nehme, wie denn das vorgestern auch geschehen.
Sie liess nun den neuen Freund in einen grossen, lüftigen Keller hineinsehen, wo der Vorrat aufgehoben wird