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freute sich, dass jener die Namen von allen wisse, und behielt sie schnell im Gedächtnis. Endlich brachte er noch einen hervor und fragte: "Wie heisst denn dieser?" Montan betrachtete ihn mit Verwunderung und sagte: "Wo habt ihr den her?" Fitz antwortete schnell: "Ich habe ihn gefunden, er ist aus diesem land." – "Er ist nicht aus dieser Gegend", versetzte Montan. Fitz freute sich, den überlegenen Mann in einigem Zweifel zu sehen. – "Du sollst einen Dukaten haben", sagte Montan, "wenn du mich an die Stelle bringst, wo er ansteht." – "Der ist leicht zu verdienen", versetzte Fitz, "aber nicht gleich." – "So bezeichne mir den Ort genau, dass ich ihn gewiss finden kann. Das ist aber unmöglich: denn es ist ein Kreuzstein, der von St. Jakob in Compostell kommt und den ein Fremder verloren hat, wenn du ihn nicht gar entwendet hast, da er so wunderbar aussieht." – "Gebt Euren Dukaten", sagte Fitz, "dem Reisegefährten in Verwahrung, und ich will aufrichtig bekennen, wo ich den Stein her habe. In der verfallenen Kirche zu St. Joseph befindet sich ein gleichfalls verfallener Altar. Unter den auseinandergebrochenen obern Steinen desselben entdeckt' ich eine Schicht von diesem Gestein, das jenen zur Grundlage diente, und schlug davon so viel herunter, als ich habhaft werden konnte. Wälzte man die obern Steine weg, so würde gewiss noch viel davon zu finden sein."

"Nimm dein Goldstück", versetzte Montan, "du verdienst es für diese Entdeckung. Sie ist artig genug. Man freut sich mit Recht, wenn die leblose natur ein Gleichnis dessen, was wir lieben und verehren, hervorbringt. Sie erscheint uns in Gestalt einer Sibylle, die ein Zeugnis dessen, was von der Ewigkeit her beschlossen ist und erst in der Zeit wirklich werden soll, zum voraus niederlegt. Hierauf als auf eine wundervolle, heilige Schicht hatten die Priester ihren Altar gegründet."

Wilhelm, der eine Zeitlang zugehört und bemerkt hatte, dass manche Benennung, manche Bezeichnung wiederkam, wiederholte seinen schon früher geäusserten Wunsch, dass Montan ihm so viel mitteilen möge, als er zum ersten Unterricht des Knaben nötig hätte. – "Gib das auf", versetzte Montan. "Es ist nichts schrecklicher als ein Lehrer, der nicht mehr weiss, als die Schüler allenfalls wissen sollen. Wer andere lehren will, kann wohl oft das Beste verschweigen, was er weiss, aber er darf nicht halbwissend sein." – "Wo sind denn aber so vollkommene Lehrer zu finden?" – "Die triffst du sehr leicht", versetzte Montan. – "Wo denn?" sagte Wilhelm mit einigem Unglauben. – "Da, wo die Sache zu haus ist, die du lernen willst", versetzte Montan. "Den besten Unterricht zieht man aus vollständiger Umgebung. Lernst du nicht fremde Sprachen in den Ländern am besten, wo sie zu haus sind? wo nur diese und keine andere weiter dein Ohr berührt?" – "Und so wärst du", fragte Wilhelm, "zwischen den Gebirgen zur Kenntnis der Gebirge gelangt?" – "Das versteht sich." – "Ohne mit Menschen umzugehen?" fragte Wilhelm. – "Wenigstens nur mit Menschen", versetzte jener, "die bergartig waren. Da, wo Pygmäen, angereizt durch Metalladern, den Fels durchwühlen, das Innere der Erde zugänglich machen und auf alle Weise die schwersten Aufgaben zu lösen suchen, da ist der Ort, wo der wissbegierige Denkende seinen Platz nehmen soll. Er sieht handeln, tun, lässt geschehen und erfreut sich des Geglückten und Missglückten. Was nützt, ist nur ein teil des Bedeutenden. Um einen Gegenstand ganz zu besitzen, zu beherrschen, muss man ihn um sein selbst willen studieren. Indem ich aber vom Höchsten und Letzten spreche, wozu man sich erst spät durch vieles und reiches Gewahrwerden emporhebt, sehe' ich die Knaben vor uns, bei denen klingt es ganz anders. Jede Art von Tätigkeit möchte das Kind ergreifen, weil alles leicht aussieht, was vortrefflich ausgeübt wird. Aller Anfang ist schwer! Das mag in einem gewissen Sinne wahr sein; allgemeiner aber kann man sagen: aller Anfang ist leicht, und die letzten Stufen werden am schwersten und seltensten erstiegen."

Wilhelm, der indessen nachgedacht hatte, sagte zu Montan: "Solltest du wirklich zu der Überzeugung gegriffen haben, dass die sämtlichen Tätigkeiten, wie in der Ausübung, so auch im Unterricht zu sondern seien?" – "Ich weiss mir nichts anderes noch Besseres", erwiderte jener. "Was der Mensch leisten soll, muss sich als ein zweites Selbst von ihm ablösen, und wie könnte das möglich sein, wäre sein erstes Selbst nicht ganz davon durchdrungen?" – "Man hat aber doch eine vielseitige Bildung für vorteilhaft und notwendig gehalten." – "Sie kann es auch sein zu ihrer Zeit", versetzte jener; "Vielseitigkeit bereitet eigentlich nur das Element vor, worin der Einseitige wirken kann, dem eben jetzt genug Raum gegeben ist. Ja, es ist jetzt die Zeit der Einseitigkeiten; wohl dem, der es begreift, für sich und andere in diesem Sinne wirkt. Bei gewissen Dingen versteht sich's durchaus und sogleich. Übe dich zum tüchtigen Violinisten und sei