durch Tat, Verbinden heisst mehr als Trennen, Nachbilden mehr als Ansehen."
Wilhelm erfuhr nun, dass solche Modelle im stillen schon weit verbreitet seien, aber zu grösster Verwunderung vernahm er, dass das Vorrätige eingepackt und über See gehen solle. Dieser wackere Künstler hatte sich schon mit Lotario und jenen Befreundeten in Verhältnis gesetzt; man fand die Gründung einer solchen Schule in jenen sich heranbildenden Provinzen ganz besonders am platz, ja höchst notwendig, besonders unter natürlich gesitteten, wohldenkenden Menschen, für welche die wirkliche Zergliederung immer etwas Kannibalisches hat. "geben Sie zu, dass der grösste teil von Ärzten und Wundärzten nur einen allgemeinen Eindruck des zergliederten menschlichen Körpers in Gedanken behält und damit auszukommen glaubt, so werden gewiss solche Modelle hinreichen, die in seinem geist nach und nach erlöschenden Bilder wieder anzufrischen und ihm gerade das Nötige lebendig zu erhalten. Ja es kommt auf Neigung und Liebhaberei an, so werden sich die zartesten Resultate der Zergliederungskunst nachbilden lassen. Leistet dies ja schon Zeichenfeder, Pinsel und Grabstichel."
Hier öffnete er ein Seitenschränkchen und liess die Gesichtsnerven auf die wundersamste Weise nachgebildet erblicken. "Dies ist leider", sprach er, "das letzte Kunststück eines abgeschiedenen jungen Gehülfen, der mir die beste Hoffnung gab, meine Gedanken durchzuführen und meine Wünsche nützlich auszubreiten."
Über die Einwirkung dieser Behandlungsweise nach manchen Seiten hin wurde gar viel zwischen beiden gesprochen, auch war das Verhältnis zur bildenden Kunst ein Gegenstand merkwürdiger Unterhaltung. Ein auffallendes, schönes Beispiel, wie auf diese Weise vorwärts und rückwärts zu arbeiten sei, ergab sich aus diesen Mitteilungen. Der Meister hatte einen schönen Sturz eines antiken Jünglings in eine bildsame Masse abgegossen und suchte nun mit Einsicht die ideelle Gestalt von der Epiderm zu entblössen und das schöne Lebendige in ein reales Muskelpräparat zu verwandeln. "Auch hier finden sich Mittel und Zweck so nahe beisammen, und ich will gern gestehen, dass ich über den Mitteln den Zweck vernachlässigt habe, doch nicht ganz mit eigener Schuld; der Mensch ohne Hülle ist eigentlich der Mensch, der Bildhauer steht unmittelbar an der Seite der Elohim, als sie den unförmlichen, widerwärtigen Ton zu dem herrlichsten Gebilde umzuschaffen wussten; solche göttliche Gedanken muss er hegen, dem Reinen ist alles rein, warum nicht die unmittelbare Absicht Gottes in der natur? Aber vom Jahrhundert kann man dies nicht verlangen, ohne Feigenblätter und Tierfelle kommt es nicht aus, und das ist noch viel zu wenig. Kaum hatte ich etwas gelernt, so verlangten sie von mir würdige Männer in Schlafröcken und weiten Ärmeln und zahllosen Falten; da wendete ich mich rückwärts, und da ich das, was ich verstand, nicht einmal zum Ausdruck des Schönen anwenden durfte, so wählte ich, nützlich zu sein, und auch dies ist von Bedeutung. Wird mein Wunsch erfüllt, wird es als brauchbar anerkannt, dass, wie in so viel andern Dingen, Nachbildung und das Nachgebildete der Einbildungskraft und dem Gedächtnis zu hülfe kommen, da, wo den Menschengeist eine gewisse Frische verlässt, so wird gewiss mancher bildende Künstler sich, wie ich es getan, herumwenden und lieber euch in die Hand arbeiten, als dass er gegen Überzeugung und Gefühl ein widerwärtiges Handwerk treibe."
Hieran schloss sich die Betrachtung, dass es eben schön sei zu bemerken, wie Kunst und Technik sich immer gleichsam die Waage halten und so nah verwandt immer eine zu der andern sich hinneigt, so dass die Kunst nicht sinken kann, ohne in löbliches Handwerk überzugehen, das Handwerk sich nicht steigern, ohne kunstreich zu werden.
Beide Personen fügten und gewöhnten sich so vollkommen aneinander, dass sie sich nur ungern trennten, als es nötig ward, um ihren eigentlichen grossen Zwekken entgegenzugehen.
"Damit man aber nicht glaube", sagte der Meister, "dass wir uns von der natur ausschliessen und sie verleugnen wollen, so eröffnen wir eine frische Aussicht. Drüben über dem Meere, wo gewisse menschenwürdige Gesinnungen sich immerfort steigern, muss man endlich bei Abschaffung der Todesstrafe weitläufige Kastelle, ummauerte Bezirke bauen, um den ruhigen Bürger gegen Verbrechen zu schützen und das Verbrechen nicht straflos walten und wirken zu lassen. Dort, mein Freund, in diesen traurigen Bezirken, lassen Sie uns dem Äskulap eine Kapelle vorbehalten, dort, so abgesondert wie die Strafe selbst, werde unser Wissen immerfort an solchen Gegenständen erfrischt, deren Zerstückelung unser menschliches Gefühl nicht verletze, bei deren Anblick uns nicht, wie es Ihnen bei jenem schönen, unschuldigen Arm erging, das Messer in der Hand stocke und alle Wissbegierde vor dem Gefühl der Menschlichkeit ausgelöscht werde."
"Dieses", sagte Wilhelm, "waren unsre letzten gespräche, ich sah die wohlgepackten Kisten den Fluss hinabschwimmen, ihnen die glücklichste Fahrt und uns eine gemeinsame frohe Gegenwart beim Auspakken wünschend."
Unser Freund hatte diesen Vortrag mit Geist und Entusiasmus wie geführt so geendigt, besonders aber mit einer gewissen Lebhaftigkeit der stimme und Sprache, die man in der neuern Zeit nicht an ihm gewohnt war. Da er jedoch am Schluss seiner Rede zu bemerken glaubte, dass Lenardo, wie zerstreut und abwesend, das Vorgetragene nicht zu verfolgen schien, Friedrich hingegen gelächelt, einigemal beinahe den Kopf geschüttelt habe, so fiel dem zart empfindenden Mienenkenner eine so geringe Zustimmung bei der Sache, die ihm höchst wichtig schien, dergestalt auf, dass er nicht unterlassen konnte, seine Freunde deshalb zu berufen.
Friedrich erklärte sich hierüber ganz einfach und aufrichtig, er könne das Vornehmen zwar löblich und gut, keineswegs aber für so bedeutend