1829_Goethe_027_118.txt

aufschloss und unsern Freund hineinnötigte, der sich sodann auf einer Tenne befand, gross, geräumig, wie wir sie in alten Kaufhäusern sehen, wo die ankommenden Kisten und Ballen sogleich untergefahren werden. Hier standen Gipsabgüsse von Statuen und Büsten, auch Bohlenverschläge gepackt und leer. "Es sieht hier kaufmännisch aus", sagte der Mann; "der von hier aus mögliche Wassertransport ist für mich unschätzbar." Dieses alles passte nun ganz gut zu dem Gewerb eines Bildhauers; ebenso konnte Wilhelm nichts anders finden, als der freundliche Wirt ihn wenige Stufen hinauf in ein geräumiges Zimmer führte, das ringsumher mit Hoch- und Flachgebilden, mit grösseren und kleineren Figuren, Büsten und wohl auch einzelnen Gliedern der schönsten Gestalten geziert war. Mit Vergnügen betrachtete unser Freund dies alles und horchte gern den belehrenden Worten seines Wirtes, ob er gleich noch eine grosse Kluft zwischen diesen künstlerischen arbeiten und den wissenschaftlichen Bestrebungen, von denen sie herkamen, gewahren musste. Endlich sagte der Hausbesitzer mit einigem Ernst: "Warum ich Sie hierher führe, werden Sie leicht einsehen; diese tür", fuhr er fort, indem er sich nach der Seite wandte, "liegt näher an der Saaltüre, woher wir kommen, als Sie denken mögen." Wilhelm trat hinein und hatte freilich zu erstaunen, als er, statt wie in den vorigen Nachbildung lebender Gestalten zu sehen, hier die Wände durchaus mit anatomischen Zergliederungen ausgestattet fand; sie mochten in Wachs oder sonstiger Masse verfertigt sein, genug, sie hatten durchaus das frische, farbige Ansehen erst fertig gewordener Präparate. "Hier, mein Freund", sagte der Künstler, "hier sehen Sie schätzenswerte Surrogate für jene Bemühungen, die wir, mit dem Widerwillen der Welt, zu unzeitigen Augenblicken mit Ekel oft und grosser Sorgfalt dem Verderben oder einem widerwärtigen Aufbewahren vorbereiten. Ich muss dieses Geschäft im tiefsten Geheimnis betreiben, denn Sie haben gewiss oft schon Männer vom Fach mit Geringschätzung davon reden hören. Ich lasse mich nicht irremachen und bereite etwas vor, welches in der Folge gewiss von grosser Einwirkung sein wird. Der Chirurg besonders, wenn er sich zum plastischen Begriff erhebt, wird der ewig fortbildenden natur bei jeder Verletzung gewiss am besten zu hülfe kommen; den Arzt selbst würde ein solcher Begriff bei seinen Funktionen erheben. Doch lassen Sie uns nicht viel Worte machen! Sie sollen in kurzem erfahren, dass Aufbauen mehr belehrt als Einreissen, Verbinden mehr als Trennen, Totes beleben mehr als das Getötete noch weiter töten; kurz also, wollen Sie mein Schüler sein?" Und auf Bejahung legte der Wissende dem gast das Knochenskelett eines weiblichen Armes vor, in der Stellung, wie sie jenen vor kurzem vor sich gesehen hatten. "Ich habe", fuhr der Meister fort, "zu bemerken gehabt, wie Sie der Bänderlehre durchaus Aufmerksamkeit schenkten und mit Recht, denn mit ihnen beginnt sich für uns das tote Knochengerassel erst wieder zu beleben; Hesekiel musste sein Gebeinfeld sich erst auf diese Weise wieder sammeln und fügen sehen, ehe die Glieder sich regen, die arme tasten und die Füsse sich aufrichten konnten. Hier ist biegsame Masse, Stäbchen und was sonst nötig sein möchte; nun versuchen Sie Ihr Glück."

Der neue Schüler nahm seine Gedanken zusammen, und als er die Knochenteile näher zu betrachten anfing, sah er, dass diese künstlich von Holz geschnitzt seien. "Ich habe", versetzte der Lehrer, "einen geschickten Mann, dessen Kunst nach Brote ging, indem die Heiligen und Märtyrer, die er zu schnitzen gewohnt war, keinen Abgang mehr fanden, ihn hab' ich darauf geleitet, sich der Skelettbildung zu bemächtigen und solche im grossen wie im kleinen naturgemäss zu befördern."

Nun tat unser Freund sein Bestes und erwarb sich den Beifall des Anleitenden. Dabei war es ihm angenehm, sich zu erproben, wie stark oder schwach die Erinnerung sei, und er fand zu vergnüglicher Überraschung, dass sie durch die Tat wieder hervorgerufen werde; er gewann leidenschaft für diese Arbeit und ersuchte den Meister, in seine wohnung aufgenommen zu werden. Hier nun arbeitete er unablässig; auch waren die Knochen und Knöchelchen des Armes in kurzer Zeit gar schicklich verbunden. Von hier aber sollten die Sehnen und Muskeln ausgehen, und es schien eine völlige Unmöglichkeit, den ganzen Körper auf diese Weise nach allen seinen Teilen gleichmässig herzustellen. Hiebei tröstete ihn der Lehrer, indem er die Vervielfältigung durch Abformung sehen liess, da denn das Nacharbeiten, das Reinbilden der Exemplare eben wieder neue Anstrengung, neue Aufmerksamkeit verlangte.

Alles, worein der Mensch sich ernstlich einlässt, ist ein Unendliches; nur durch wetteifernde Tätigkeit weiss er sich dagegen zu helfen; auch kam Wilhelm bald über den Zustand vom Gefühl seines Unvermögens, welches immer eine Art von Verzweiflung ist, hinaus und fand sich behaglich bei der Arbeit. "Es freut mich", sagte der Meister, "dass Sie sich in diese Verfahrungsart zu schicken wissen und dass Sie mir ein Zeugnis geben, wie fruchtbar eine solche Metode sei, wenn sie auch von den Meistern des Fachs nicht anerkannt wird. Es muss eine Schule geben, und diese wird sich vorzüglich mit Überlieferung beschäftigen; was bisher geschehen ist, soll auch künftig geschehen, das ist gut und mag und soll so sein. Wo aber die Schule stockt, das muss man bemerken und wissen; das Lebendige muss man ergreifen und üben, aber im stillen, sonst wird man gehindert und hindert andere. Sie haben lebendig gefühlt und zeigen es