Steine bei sich habe und sich auch gut darauf verstünde." Nach einigem Hin- und Widerreden entschloss sich Wilhelm zuletzt, den Versuch zu machen und dabei auf den verdächtigen Knaben desto mehr Acht zu geben. Dieser war bald gefunden und brachte, da er vernahm, worauf es abgesehen sei, Schlegel und Eisen und einen tüchtigen Hammer nebst einem Säckchen mit und lief in seiner bergmännischen Tracht munter vorauf.
Der Weg ging seitwärts abermals bergauf. Die Kinder sprangen miteinander von Fels zu Fels, über Stock und Stein, über Bach und Quelle, und ohne einen Pfad vor sich zu haben, drang Fitz, bald rechts bald links blickend, eilig hinauf. Da Wilhelm und besonders der bepackte Bote nicht so schnell folgten, so machten die Knaben den Weg mehrmals vor- und rückwärts und sangen und pfiffen. Die Gestalt einiger fremden Bäume erregte die Aufmerksamkeit des Felix, der nunmehr mit den Lärchen- und Zirbelbäumen zuerst Bekanntschaft machte und von den wunderbaren Genzianen angezogen ward. Und so fehlte es der beschwerlichen Wanderung von einer Stelle zur andern nicht an Unterhaltung.
Der kleine Fitz stand auf einmal still und horchte. Er winkte die andern herbei: "Hört ihr pochen?" sprach er. "Es ist der Schall eines Hammers, der den Fels trifft." – "Wir hören's", versetzten die andern. – "Das ist Montan!" sagte er, "oder jemand, der uns von ihm Nachricht geben kann." – Als sie dem Schalle nachgingen, der sich von Zeit zu Zeit wiederholte, trafen sie auf eine Waldblösse und sahen einen steilen, hohen, nackten Felsen über alles hervorragen, die hohen Wälder selbst tief unter sich lassend. Auf dem Gipfel erblickten sie eine person. Sie stand zu entfernt, um erkannt zu werden. Sogleich machten sich die Kinder auf, die schroffen Pfade zu erklettern. Wilhelm folgte mit einiger Beschwerlichkeit, ja Gefahr: denn wer zuerst einen Felsen hinaufsteigt, geht immer sicherer, weil er sich die gelegenheit aussucht; einer, der nachfolgt, sieht nur, wohin jener gelangt ist, aber nicht wie. Die Knaben erreichten bald den Gipfel, und Wilhelm vernahm ein lautes Freudengeschrei. "Es ist Jarno!" rief Felix seinem Vater entgegen, und Jarno trat sogleich an eine schroffe Stelle, reichte seinem Freunde die Hand und zog ihn aufwärts. Sie umarmten und bewillkommten sich in der freien Himmelsluft mit Entzücken.
Kaum aber hatten sie sich losgelassen, als Wilhelm ein Schwindel überfiel, nicht sowohl um seinetwillen, als weil er die Kinder über dem ungeheuren Abgrunde hängen sah. Jarno bemerkte es und hiess alle sogleich niedersitzen. "Es ist nichts natürlicher", sagte er, "als dass uns vor einem grossen Anblick schwindelt, vor dem wir uns unerwartet befinden, um zugleich unsere Kleinheit und unsere Grösse zu fühlen. Aber es ist ja überhaupt kein echter Genuss als da, wo man erst schwindeln muss."
"Sind denn das da unten die grossen Berge, über die wir gestiegen sind?" fragte Felix. "Wie klein sehen sie aus! Und hier", fuhr er fort, indem er ein Stückchen Stein vom Gipfel loslöste, "ist ja schon das Katzengold wieder; das ist ja wohl überall?" – "Es ist weit und breit", versetzte Jarno; "und da du nach solchen Dingen fragst, so merke dir, dass du gegenwärtig auf dem ältesten Gebirge, auf dem frühesten Gestein dieser Welt sitzest." – "Ist denn die Welt nicht auf einmal gemacht?" fragte Felix. – "Schwerlich", versetzte Montan; "gut Ding will Weile haben." – "Da unten ist also wieder anderes Gestein", sagte Felix, "und dort wieder anderes, und immer wieder anderes!" indem er von den nächsten Bergen auf die entfernteren und so in die Ebene hinab wies.
Es war ein sehr schöner Tag, und Jarno liess sie die herrliche Aussicht im einzelnen betrachten. Noch standen hie und da mehrere Gipfel, dem ähnlich, worauf sie sich befanden. Ein mittleres Gebirg schien heranzustreben, aber erreichte noch lange die Höhe nicht. Weiter hin verflächte es sich immer mehr, doch zeigten sich wieder seltsam vorspringende Gestalten. Endlich wurden auch in der Ferne die Seen, die Flüsse sichtbar, und eine fruchtreiche Gegend schien sich wie ein Meer auszubreiten. Zog sich der blick wieder zurück, so drang er in schauerliche Tiefen, von Wasserfällen durchrauscht, labyrintisch miteinander zusammenhängend.
Felix ward des Fragens nicht müde und Jarno gefällig genug, ihm jede Frage zu beantworten; wobei jedoch Wilhelm zu bemerken glaubte, dass der Lehrer nicht durchaus wahr und aufrichtig sei. Daher, als die unruhigen Knaben weiterkletterten, sagte Wilhelm zu seinem Freunde: "Du hast mit dem kind über diese Sachen nicht gesprochen, wie du mit dir selber darüber sprichst." – "Das ist auch eine starke Forderung", versetzte Jarno. "Spricht man ja mit sich selbst nicht immer, wie man denkt, und es ist Pflicht, andern nur dasjenige zu sagen, was sie aufnehmen können. Der Mensch versteht nichts, als was ihm gemäss ist. Die Kinder an der Gegenwart festzuhalten, ihnen eine Benennung, eine Bezeichnung zu überliefern, ist das Beste, was man tun kann. Sie fragen ohnehin früh genug nach den Ursachen."
"Es ist ihnen nicht zu verdenken", versetzte Wilhelm. "Die Mannigfaltigkeit der Gegenstände verwirrt jeden