Bei jedem Windstosse, bei dem Rascheln der Blätter an den Scheiben, bei dem Knarren der tür, fuhr ich in die Höhe, und glaubte, jetzt komme er ganz gewiss. Doch eine Stunde nach der andern verging, ohne dass er weiter etwas von sich hören liess. Ich wachte die ganze Nacht, aus Furcht, Georg könne aufs Neue durch ungestümes Pochen oder Anrufen des wüsten Menschen gestört werden. Der arme Kleine ist durch all die erschütternden Auftritte so erregt, so gespannt, dass er wie im Fieber bis zum Morgen unruhig träumt. Ich war nur froh, dass gegen Mittag das Wetter hell ward, und ich mit ihm drüben im Schlossgarten umhergehen konnte. Er sprang ganz munter vor mir her, und war so freudig, dass mir das Herz wehe tat; er mochte glauben, heute werde die Mutter kommen. Er sah mich öfter so recht listig forschend an, als ahnde er irgend eine heimliche Ueberraschung. Armes, armes Kind! um was haben Dich nicht die Menschen gebracht! Er merkte dann wohl, dass es mit seinen Erwartungen nichts sei. Er ward still, und schlich endlich müde neben mir her. Zuletzt kletterte er noch an dem Fenstergesims hinan, klammerte sich mit beiden Händen an das Kreuzholz, und bemühte sich augenscheinlich, durch die Spalte der geschlossenen Läden in das Innere des Hauses hineinzusehen. Ich liess ihn tun, was er wollte. Nach einer Weile drehte er das Köpfchen seitwärts zu mir herum, indem er, mit weinerlichem Verziehen der Lippen, sagte: "Hier hat Mutter geschlafen und ich auch! Schläft Mutter wieder hier, wenn sie kommt?"
Ich nickte bejahend, ohne etwas erwiedern zu können. Tränen traten mir in die Augen.
Mein Gott! was wird aus dem Knaben werden, wenn er es endlich erfährt, dass ihm die Mutter verloren ist! Könnte er noch hier unter Bekannten bleiben, allein ich fürchte, der Präsident wird ihn abholen, sobald er in seinem neuen Aufentaltsorte eingerichtet ist. Dann sterben wohl alle die Erinnerungen; und das liebe, weiche, sehnsüchtige Kind wird ganz ein anderer Mensch, als es geworden wäre, wenn alles natürlich und glücklich blieb.
Siehst Du, lieber Sohn! aus ähnlichen Gründen habe ich solche Scheu vor der ruhelosen Sucht, an sich und seinem Geschick zu ändern. Was man erst viel hin- und herrückt, das wird wackeligt. Es steht zuletzt nirgend recht fest. Und vollends Kinder! Sie gewöhnen sich wohl, aber einmal aus ihrem Gange herausgerissen, neigen sie sich hierhin und dortin. Der frische, gerade, natürliche Wuchs der Seele, der bleibt es doch nicht.
Du weisst, was ich sagen will. Bedenke, was Du tust!
Ich wollte hier schliessen. Aber ich habe Dir noch etwas zu erzählen, was gewiss recht sonderbar ist. Es betrifft den Caplan.
Glücklicherweise hatte er nicht Wort gehalten. Meine Angst war vergeblich. Bis jetzt hörte ich nichts weiter von ihm. Nun ich mich sicher glaubte, fiel mir doch ein, dass es kindisch gewesen, ihm so auszuweichen. Vielleicht hatte er mir wirklich etwas zu sagen. Der Präsident konnte ihn geschickt, mit irgend einer Bestellung an mich beauftragt haben; meine Eile, die erschrockene Hast, mit der ich Georg entfernte, verdross ihn wohl deshalb doppelt, und aus gerechter Empfindlichkeit blieb er lieber ganz weg, als sich einem ähnlichen Empfange auszusetzen. Mein Gewissen sprach mich nicht ganz frei von Vorwürfen. Ich fragte mich ernstlich, weshalb ich denn eigentlich seinen Anblick so scheute? Es kam denn am Ende doch nur auf unheimliches Grauen, auf geheimen Widerwillen heraus, den man sich niemals gegen einen Menschen in dem Masse erlauben sollte. Mein strenges Examen gab mir den Mut, im haus nachzufragen, ob Herr Tavanelli nicht wieder hier gewesen, oder vielleicht noch drüben im schloss sei? Die Arbeiter kamen vom Feld, als ich diese Erkundigungen einzog. Sie hörten es, und versetzten lachend, noch vor Sonnenaufgang hätten sie ihn mit grossen Schritten neben der tollen Landstreicherin, der einäugigen Marte, über die Kalkhöhen der Talheide zuschreiten sehen. Die tiefe, dunkle Schlucht versteckte sie bald darauf, allein gegen Mittag sei die Magd unten aus der Mühle herauf gekommen, und die habe erzählt: Als sie frühe ihre Ziegen über den Steg am Bache, den Buchen und Erlen entlang trieb, da fand sie ganz zufällig den bunten Plunder der alten Trödlerin auf dem Rasen verstreut. Ein aufgerissenes Packet lag daneben. Sie betrachtete einen Augenblick die fremden Dinge, und wie sie so Eins und das Andere in die Hand nimmt, findet sie auch noch ein beschriebenes Papier, in welchem etwas eingewickelt war. Sie macht es auf, ein goldener Ring lag darin. Mein Gott! denkt das Mädchen, wer lässt hier so etwas liegen? Gewissenhaft eilt sie damit zur Mühle. Der Müller ist gerade beschäftigt, die Schaufeln zu stellen. Die Frau nimmt ihr den Fund ab, besieht den Ring von allen Seiten, kann aber von dem Geschriebenen auf dem Blättchen nichts lesen. Sie verschliesst gleichwohl beides, und heisst das Mädchen nur wieder gehen. Als diese, ganz in Gedanken, zurückkehrt, und sich nach ihren Ziegen umsieht, bemerkt sie zwischen den Bäumen auf der Höhe etwas Schwarzes, das sich eilig durch das Dickicht windet, zugleich lacht Jemand hell auf, und kreischt mit Hohn: "Sei kein Narr, Caspar! eine Mutter findest Du nicht alle Tage!" Es sei