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Tisch- und Bettgenossen werden, man immer nur traurigen Gesichtern begegnet, und selbst die Kinder sich ängstlich umsehen, ob auch kein neues Unglück im Winkel laure? Es ist so, lieber Sohn! wir erfuhren es Alle, und erfahren es wohl noch. Allein jedes hat seine Zeit, und ich denke, wäre man herzhafter, liesse man sich nicht beugen, sähe man mehr auf Gott, es würde uns nicht so dunkel vor den Augen und so gepresst ums Herz bleiben.

Was hilft das aber Alles! Du hast nun doch einmal Deinen Sinn auf Veränderung gestellt. Du hältst hier nicht aus. Ich kann nicht sagen, ob Du recht oder unrecht daran tust? Wenn es erst so weit ist; wenn man einmal ein Gefühl ausgesprochen, einen Widerwillen, eine Besorgniss mitgeteilt hat, dann freilich kommt der rechte Mut nicht wieder. Das Missvergnügen ist ansteckend wie die Furchtsamkeit. Ich sagte vorhin, auch den Kindern werde es unheimlich hier. Gestern Abend musste ich das wieder erfahren. Wenn die Scheu und Bangniss allein schon ein Uebel ist, so zieht sie immer noch neue herbei.

Es hatte den ganzen Tag geregnet. Die grosse stube ist kühl, und scheint die Sonne nicht, so machen es die alten Linden trübe und feucht darinnen. Kinder frieren leicht, wenn sie einmal nicht draussen im Freien sein können. Ich hatte gegen Abend Feuer ins Kamin machen lassen. So lange die Flamme hell brannte, war es eine Lust für die Kleinen. Wie sich aber das Holz verkohlte, und die Glut matter und dunkler ward, dann die Dämmerung eintrat, da drängte sich der kleine Kreis enger zusammen.

Sie erzählten einander Hexengeschichten und andern tollen Schwank. Annchen sass auf meinem Schooss im Winkel am Kamin. Sie hatte das Köpfchen an mich angelehnt, und sah zuweilen, mit den klugen Augen blinzelnd in die meinigen. Ich küsste sie, indem ich, von der Aehnlichkeit mit der Verstorbenen getroffen, leise sagte: "Ganz wie die Mutter!" Der arme, kleine Georg hatte unterdessen sein Fussbänkchen dicht zu mir herangezogen, die Aermchen um meine Kniee geschlungen, das Gesicht hineingedrückt, als wolle er schlafen. Jetzt hörte ich ihn schluchzen, und da ich sanft seinen Kopf in die Höhe richte, bricht es wie ein Schrei aus dem kleinen, gepressten Herzen: "Mutter! Mutter kommt auch gar nicht wieder!" Mir ging das durch die Seele, und vollends, als Annchen altklug versicherte: "Mutter ist tot, ja gewiss, sie ist tot!" Georg sah entsetzt auf, seine Tränen stockten. Es war, als wolle er mir das J a oder N e i n auf den Lippen lesen. Ich hatte Mühe, ihm die Bedeutung von Annchens Aeusserung begreiflich zu machen. Er seufzte tief, kam zu mir herauf, und sagte mir leise ins Ohr: "Darf ich denn nicht mehr in unser Haus gehen? Ich möchte doch so gern!" Er brachte das Letzte nur unter vielen Tränen stockend heraus. "Vater," flüsterte ich eben so leise, "hat den Schlüssel mitgenommen. Du weisst ja, die Türen sind verschlossen, wir können sie nicht aufmachen."

"Wir können sie nicht aufmachen?" wiederholte er, das Köpfchen nachdenkend in die Höhe richtend. "Und Mutter auch nicht, wenn sie wiederkommt?" setzte er hinzu. Ich küsste ihn, mit der Bitte, nur bis dahin Geduld zu haben. Allein er wiederholte bittend: "aber ich möchte doch so gern, so gern in unser Haus gehen! komm doch, komm!" bis ich ihn zuletzt ermahnen musste, artig und folgsam zu sein. Annchen gab hier, wie immer, ihr Wort dazu, und drohte mit dem schwarzen mann, wenn er noch länger weinen würde. Im nämlichen Augenblick stiess der Wind ein Fenster auf, die Kammertür gegenüber sprang aus dem Schloss, der Wind fuhr heulend durchs Zimmer, die ältern Kinder flüchteten sich ängstlich ans Kamin. Franz stiess mit dem Fuss die Glut zusammen, warf frisches Holz hinein, und als dieses prasselnd aufflakkerte und der Schein den nächsten Umkreis erhellte, sagte er, es sei was Schwarzes durch die stube gegangen.

Die Kleinen fingen nun laut an zu schreien. Ich schalt ihn töricht, rief die Magd, hiess sie Licht bringen, und suchte in der Zwischenzeit die erschrockenen Kinder zu beruhigen.

Allein auch ich sollte ein wenig ausser Fassung geraten, als wirklich eine Figur auf mich zuschritt, und ich erst nach einer Weile den halb verwirrten, unglücklichen Caplan erkannte, der von der Gartenseite durch die kammer hereingekommen war. Bei dem ersten laut seiner stimme zitterte Georg so heftig, dass ich, alle Gastlichkeit bei Seite lassend, zuerst das Kind entfernen, und es der Obhut seines alten Dieners einstweilen überlassen musste. Als ich zurückkam, war der unstäte Tavanelli schon wieder verschwunden. Ich war nahe daran, ihn für einen Spuck zu halten, hätte mich Franz nicht versichert, er sei wirklich hier gewesen, habe mir und Georg finster nachgesehen, und mit Unwillen ausgerufen: "So hassen, so fliehen sie mich Alle! Ich meinte es gut! Sie verstehen es nicht besser!" Worauf er nach der tür eilte, und im Hinausgehen, ohne sich umzusehen, hinzufügte: "Sagt der Grossmutter, ich würde wiederkommen, ich müsste sie sprechen!"

Mir machte das Letztere angst und bange. Der ganze Abend war mir verdorben.