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, deren Handschrift, deren Namenszug ich hier auf dem Tischchen wiedergefunden? Ich weiss es gewiss, setzte ich leidenschaftlicher hinzu, erst in dieser Nacht verliessen sie dies Haus. Ich habe alles gesehen und gehört, was sich zugetragen hat.

Der Wirt stutzte, sah seine Frau an, dann lächelte er sorglos, legte mir die Hand auf die Schulter, und meinte: "Was kann das Alles helfen, w a h r bleibt w a h r . Aber lassen Sie es gut sein. Die Herrschaften wollten nicht, dass man ihnen folge. Sie haben hier rasten müssen, weil die junge Dame nicht weiter fortkonnte. Nun, wir räumten ihnen unsere ganze wohnung ein. Das währte so einen Tag nach dem andern. Besser ward es mit der Kranken nicht. Da meinte die Mutter, sie wollten in aller Stille ihren Weg fortsetzen. Den nächsten Morgen sollte es geschehen. Nun kamen Sie gestern Abend hier an, lieber Herr! Wegweisen durften wir Sie nicht. Wir brachten Sie darum hierher, in die alte Rumpelkammer. Es war uns peinlich genug, aber die alte, gnädige Frau befahl es so. nachher forschte sie uns genau über Sie aus. Wir mussten ihr Alles sagen. Ich weiss nicht, was ihr in der Beschreibung so auffiel, dass sie ihrer Tochter ängstlich zuwinkte, dann mit ihr heimlich redete, sie leise bat und bestürmte, und nach einer Weile erklärte, sie wolle gleich abreisen. Ich solle ganz im Geheim für ein Paar sichere Träger und Boten mit Laternen sorgen. Unsere Gegenvorstellungen führten zu nichts. Sie blieb unbeweglich, sparte weder Geld noch Ueberredung, und war in einer Stunde auf und davon. Es ging Alles glücklich. Ich begleitete sie. Jetzt muss sie schon eine bedeutende Strecke über das Gebirge hinaus sein."

"Wohin ging ihr Weg?" fragte ich innerlich froh, ihnen so nahe zu sein. Ich erhielt unbestimmten Bescheid. "Es teilen sich dort unten verschiedene Wege," hiess es, man könne nicht wissen, welchem die Reisenden gefolgt wären. Ich merkte wohl, dass die Oberhofmeisterin sorge getragen hatte, sich der Verschwiegenheit ihrer redlichen Wirte zu versichern. Deshalb eilte ich fortzukommen.

Während mein Pferd gesattelt ward, ging ich mit der Wirtin, Emma's Zimmer zu besehen. Es trug noch die Spuren ganz neuerlicher Bewohnung. Am Boden lagen getrocknete Blumen, Papierschnitzelchen, Haarnadeln. Ich sammelte, was ich in der Eile bekommen konnte, und die Stühle, worauf der Koffer gestanden, die übereinandergeworfenen Bettdecken, die leeren Tassen, ein kleines Medizinfläschchen mit unbeschreiblicher Rührung anstarrend, zerknitterte ich krampfhaft die in den Händen haltende Papiere, als mir einfiel, ob keines derselben mir vielleicht ein hindeutendes Wort verraten könnte. Ich trat zum Fenster, ich rollte Eins nach dem Andern auf, nur ein einziges war beschrieben, und entielt folgende Worte:

"So lange Dein Sommer währt – d a ! ja da! Wenn aber der Winter kommt, die natur tot, der Boden starr, die Luft schneidend wird, dürre Halme, von Reif überglast, in Deiner Hand zerbrechen, Einsamer! wie wirst Du frieren! wie wird Dein Herz verschmachten!"

gibt auch die Treue jemals sich selber auf? Ich bin der Gräfin Tag und Nacht nachgeeilt, ehrwürdiger Herr! – Niemand weiss von ihr. Am Wohnorte der Oberhofmeisterin ist man so unwissend über sie, als ich es bin.

Morgen werde ich Audienz beim Fürsten und seiner Gemahlin erhalten. Vielleicht dass dort!

Abends.

Sie sind über Basel nach der Schweiz gegangen, und von da nach Italien. Ich folge ihnen sogleich. Gott leite meine Schritte! –

Madame Lindhof an den Amtmann

Du schickst den Fritz allein mit der Kalesche zurück. Du kommst also immer noch nicht nach haus? Mich dünkt, lieber Sohn, Deine Gegenwart wäre hier sehr nötig. Der Regen hält so lange an. Die Arbeit liegt. Ohne Dich wissen sich die Leute nicht zu helfen. Ich fürchte, Du wirst in diesem Jahre einen grossen Schaden in Deiner Wirtschaft erleiden.

Wenn nur Deine Wünsche bei allem dem noch erfüllt würden, und die ungelegene Reise zu etwas führte! Ich gestehe Dir, mich ängstigt der verlängerte Aufentalt in der Residenz aus tausend Gründen. Der Fürst kann leicht Dein Gesuch übel aufnehmen, und es müde werden, Dich zu begünstigen. Und am Ende ist es doch auch wohl mehr Unbestand, als der Verlust Deiner guten Frau, was Dich hier wegtreibt! Lass Dir die offenherzige Bemerkung nicht missfallen, lieber Sohn. Ich sage es, wie ich denke; und denke es, weil ich Dich kenne. Glaube mir, in der Jugend sucht der Mensch gar zu gerne nach einem Vorwande in sich, um das zu wollen, was er gerne wollen m ö c h t e . Du wirst nun wohl sehen, dass es der Ort nicht tut, wenn man den rechten Sinn nicht mitbringt.

Du stützest Dich auf die letzten traurigen Ereignisse, und behauptest, hier gehe alles Familienglück zu grund. Es sei, als walte ein finsterer Geist in unserm Umkreis, der bald auf diesen, bald auf jenen niederfalle. Ich kann solchen Aberglauben nicht billigen, lieber Sohn, Gottes Gnade lässt sich nicht bannen. Wer auf sie baut, der mag stehen, wo er will, er steht in seiner Hand.

Es ist wahr, es kann einem manchmal erschrecken, wie sich das Missgeschick einnistet, und Leid und Trübsal unsere