. Frühe, mit Tagesanbruch, da lasse sich denn schon eher ein Bote finden.
Sie machte sich während dem daran, mein Lager zu bereiten. Matratzen, Betttücher und Decken fanden sich in den Schränken vor. Sie ordnete alles aufs Beste, stellte die Lampe zurecht, und wünschte mir mit dem Zusatze eine gute Nacht, dass, wenn ich gegen Morgen aufbrechen wolle, ich den Schieber dort in der Mauerblende wegziehen sollte. Man sehe unmittelbar einem langen gang hinunter, der zu ihrer kammer führe. Ich brauche dann nur zu rufen, sie oder ihr Mann würden mich schon hören. Sie ging mit diesen Worten zu der gegenüber befindlichen tür hinaus, die sie hinter sich verschloss.
Ihre behende Eile machte es mir unmöglich, sie hieran zu hindern. Indess war mir diese sonderbare Vorsichtsmassregel in dem anscheinend wohlgeordneten, ruhigen Haushalte höchst auffallend; ich geriet in allerlei widersprechende Besorgnisse, mit denen ich mich lange quälte, ohne an Schlaf zu denken.
So, in dem altertümlichen Gemache auf- und abgehend, fiel mir der Schieber in der Mauer, und die Möglichkeit wieder ein, Jemand errufen zu können. Unwillkührlich näherte ich mich der bezeichneten Stelle, um einen vorläufigen Versuch zu machen. Es gelang damit auch in so weit, als sich wirklich die Oeffnung in der Mauer vorfand, durch welche ich einem langen gang hinuntersah. Allein es war dabei noch nichts sonderlich gewonnen, da es ungewiss blieb, in wiefern mich derselbe mit den Hausbewohnern in Verbindung setze? Immer war ich sehr entfernt von den letzteren, denn es zeigte sich nur am äussersten Ende des Ganges eine einzige tür, und da ich diese, eben deshalb, weil es die einzige war, genauer betrachtete, und der Zugwind sie auf- und zuschlug, blieb mir kein Zweifel, dass sie nach einem mit Bäumen bewachsenen Vorhof oder Garten führe.
Ich behielt keine Zeit, mir selbst in der ersten, unangenehmen Empfindung entdeckter Täuschung recht klar zu werden, denn, indem ich nachsinnend so stand, fiel ein schwacher Lichtstrahl durch jene Tür. Sie ward von Aussen völlig aufgestossen; der Wirt, eine Laterne in der Hand haltend, trat herein, ihm folgten ein Paar rüstige Männer. Sie schoben etwas bei Seite, das ich nicht unterscheiden konnte. Dann stellten sie sich dicht zusammen, die Laterne ward höher gehalten, ich konnte ihnen ins Gesicht sehen, sie lachten, und schienen sich über einen Gegenstand, den sie einander zeigten, zu freuen. Bald hörte ich, dass sie Geld zählten. Mir gingen widrige Vorstellungen durch den Kopf. Ich hatte Leute und Wagen auf der nächsten Station zurückgelassen, und war, wie so oft in dieser Zeit, mit einem Mietpferde die Gegend durchstrichen. Bis hierher war mir nie das geringste Verdächtige aufgestossen. Das Volk umher ist so offen, auch die Leute hier fand ich nicht anders, selbst in diesem zweideutigen Augenblick schüttelten sie sich treuherzig die hände mit einer Miene, die auf nichts weniger als heimtückischen Raub schliessen liess. So trennten sie sich auch. Zwei gingen wieder dahin, woher sie gekommen waren. Der Hausherr verschwand an der Stelle, wo ich die Seitenwand zu Ende glaubte.
Unschlüssig, ob ich gleich jetzt Lärm machen, ob ich Jemand herbeirufen und aufbrechen solle? besann ich mich, dass bei wirklich böser Absicht diese dadurch nicht verhindert, der Augenblick nur beschleunigt, und meine Lage misslicher werden müsste, da sich unfehlbar Alles gegen mich bewaffnen würde. Auf jeden Fall, dünkte es mir, wäre meiner würdiger, den Ausgang ruhig abzuwarten, wodurch ich mir denn auch die Beschämung möglichen Irrtums ersparte.
Es blieb bei allem dem eine peinliche Nacht, die ich durchwachte.
Ich sass lange vor einem Tischchen, auf welchem die Lampe stand. Müde und doch gespannt, kämpfte ich zwischen Schlafen und Wachen, schloss und öffnete die Augen, die ich nur unter unsäglicher Anstrengung offen erhielt. Oefter musste ich sie fest auf einen Gegenstand heften, um sie nur nicht zufallen zu lassen.
In solchem Moment sehe ich zwei verschlungene Buchstaben, die mit scharfer Nadel in die glatt polirte Tischplatte hinein gezeichnet sind. Sichtlich ein Gedankenspiel, das sich mehrmals wiederholte. Es war ein E und ein H. Es war Emma's Hand, die mechanisch den stummen Gedanken des Herzens hingezeichnet hatte. Weg war jetzt aller Schlaf. Ich starrte die wohlbekannten Schriftzüge an, als könnten sie mir die lang gewünschte Auskunft geben.
Hier war sie also gewesen! Vor diesem Tischchen hatte sie gesessen! Vielleicht wie ich, den Kopf in die eine Hand gestützt, während die Andere jene Zeichen malte! Aber w a n n ? wann war das? Wohl ganz kürzlich erst! Wohl gar heute! in dieser Nacht! –
Ein entsetzlicher Gedanke flog an mir vorüber. Wenn sie es waren, wenn man sie auf dem gefahrvollen Bergübergange beraubt, misshandelt, erschlagen! – Meine Sinne verwirrten sich! Ich stürzte ans Fenster, ich rüttelte an der tür, ich rief donnernd dem langen, unheimlichen gang hinunter. Es währte einige Minuten, ehe man mich vernehmen mochte, dann eilten aber von allen Seiten Herr und Frau und Knechte und Mägde herbei. Alle zeigten sich eben so betroffen als besorgt um mich. Einen Augenblick stand ich ihnen verlegen gegenüber. Die Todesangst um Emma riss mich indess in den vorigen Ungestüm zurück. Ich fragte gebieterisch, was aus den Reisenden geworden sei, die hier verweilt, hier gewohnt hätten, die erst kürzlich aufgebrochen seien