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auszuweichen. Ich fand auch bald in Gebirgshütten, in versteckten Taldörfern oder in entlegenen Klöstern Nachricht von einer schönen, vornehmen Kranken, die, in Begleitung ihrer Mutter, schnell und geheimnissvoll durch diese Orte reiste, wenige Stunden der Ruhe gönnte, selten nur irgendwo an einem Orte übernachtete. Diese Eile, die glänzende Equipage, das Incognito, alles erregte meine Aufmerksamkeit. Die Leute erzählten gern davon, und vielleicht mehr und umständlicher, als es im Verfolg gewohnter Weise auf gewöhnlichem Wege geschehen wäre. Ich erkannte indess hierin die vorgreifende Hand der Oberhofmeisterin, die das W i e so oft über das W a s in ihrem leidenschaftlichen Wollen vergisst.

So durchzog ich den Schwarzwald. Ich kam eines Abends bis zum fuss eines der höchsten Berge. Der Weg über denselben war in der Dunkelheit nicht mehr zu finden. Ich kehrte in einem freundlichen Hof, bei wackern Leuten ein. Das geräumige Haus, die geordneten Umgebungen liessen auf gastliche Bewohner schliessen. Ich konnte nicht zweifeln, dass diese, an ähnlichen Besuch gewöhnt, niemals durch denselben überrascht oder gestört werden würden. Gleichwohl nahm ich nach dem ersten treuherzigen Grusse einige Befangenheit auf den ehrlichen Gesichtern wahr, die mich verlegen machte. Es musste irgend ein besonderer Fall sie persönlich getroffen, ihrer wohlwollenden Offenheit Zwang angelegt haben. Ich ward in ein grosses, hallenartiges Gemach geführt, das eher einem Vorratsgewölbe als einem Wohnzimmer ähnlich sah. Es standen offne und verschlossene Schränke, Kisten und Kasten, auch Handwerksgerät und andere Gegenstände umher. Als ich mich ein wenig verwundert hier umsah, lächelte der Wirt, der allein bei mir geblieben, und ängstlich bemüht war, mir Bequemlichkeiten zu verschaffen, welche der, zur Aufnahme von Fremden wenig eingerichtete Raum, entbehrte. "Wir haben drüben einen Bau vorgenommen," sagte er, indem sein Auge verschämt zu Boden sah. "Das Kämmerchen, in welchem wir fürs Erste eingeklemmt sind, hat nicht Platz für Gäste," fuhr er mit abgewandtem Gesicht fort. "Wir hätten uns deshalb auch gar nicht unterstanden, einem vornehmen Herrn unser schlechtes Obdach anzubieten, wäre es nicht unrecht, irgend Jemand von der tür zu weisen, an die er geklopft hat."

Er sprach die letzten Worte lauter und zwangloser, als die frühern. Sie kamen ihm aus dem Herzen. Er hatte dieses nun erleichtert, und bezeigte sich während dem Herzutragen von Stühlen und Tischen, Speise und Trank, sehr herzlich und gesprächig.

Nach einer Weile blieb er indess weg. Es währte lange, ehe die Frau seine Stelle einnahm. Ich behielt Zeit, bei mir über aufsteigende Zweifel nachzudenken, welche diese sonderbare Aufnahme bei mir erregten.

Wahr ist es, dachte ich, ich habe draussen ein Baugerüst, und auf der Flur Leiter, Karren, Maurer- und Zimmergerät bemerkt, es mag mit dem Baue seine Richtigkeit haben, allein wenn ich nicht irre, so ist die ganze vordere Seite des Hauses überhaupt neu, und dieses Gewölbe, im Zusammenhange mit mehrern andern, tiefer hineingehenden Gemächern, gehört zu dem eigentlichen Hauptgebäude, das ziemlich geräumig sein, und ein wohnlicheres Unterkommen bieten musste. Der redliche Mann stockte auch bei seiner Entschuldigung, als schäme er sich einer Lüge. Was steckt nur dahinter verborgen?

Die eintretende Wirtin unterbrach dies Selbstgespräch. Sie tat sehr emsig, kehrte und wischte im Zimmer umher, ohne meine fragen, in Betreff der jüngst hier Vorübergereisten sonderlich zu beachten. Sie hatte darauf nur allgemeine Antworten, meinte, so manch' Einer ergehe sich, oder werde die Berge hinauf oder herab getragen, spreche bei ihnen ein, lasse auch wohl den stillen Hof bei Seite liegen, ohne dass sie es sonderlich wahrnähmen. Sie sah dabei gleichgültig die Zimmerwände an, und klagte, dass zwischen dem Schnitzwerk über der tür die Spinnen Jahr aus Jahr ein ihre Fäden zögen. Ich war den hausmütterlichen Blicken gefolgt, der ernste und grossartige Charakter meiner wohnung fiel mir aufs Neue auf. Ich äusserte dies, zugleich über den Ursprung und die frühere Bedeutung des ältern Teils des Hauses Erkundigungen einziehend. Die Frau gab keine befriedigende Auskunft, wusste nur Allgemeines von einer ehemaligen Abtei zu sagen, die hier gestanden, und über die umliegenden Klöster geherrscht habe. Dies Zimmer solle eine Capelle gewesen sein. Alle die Aecker und Wiesen, die Mühle und das ganze fruchtbare Tal habe dazu gehört. Später, als die Klöster zerstört und wieder erbaut worden, wäre eine neue Ordnung an die Stelle der alten getreten, die Abtei sei verödet und verfallen, an den Meistbietenden verkauft worden, und der Besitz ihrer Familie durch Erbschaft verblieben.

Ich hatte ihr aufmerksam zugehört, doch entging mir eine sonderbare Unruhe im hof nicht, an welcher auch sie Anteil nahm, ohne es merken lassen zu wollen. Im Gegenteil, redete sie lauter, je achtsamer sie meine Blicke nach dem Fenster gerichtet sah. Ich konnte indess hier nichts entdecken, die Nacht war sehr dunkel, oder schien mir doch so, da stark hervorspringende Mauerpfeiler und hohe, alte Bäume die nächsten Gegenstände draussen verdeckten.

Es ängstigte mich dies, und überhaupt, hier wie eingesperrt sitzen zu müssen. Deshalb fragte ich, ob mich Niemand späterhin, wenn der Mond aufgegangen sei, über den Berg geleiten wolle? Die Frau schüttelte den Kopf. "Es regnet," sagte sie, "und der unsichere Schimmer hinter dem Gewölk macht die Führer nur irre." Sie rate mir im Gegenteil, dass ich jetzt ein Paar Stunden zu schlafen versuchen möchte