Critiker gegen sie zu spielen?
Es versteht sich, dass ich mir in der Stimmung, worin wir gerade waren, keinen unzeitigen Scherz erlaubte, ganz ihren Befehlen zu gehorchen versprach, und zum Beweis meiner Willfährigkeit ihr nicht folgte, als sie, zufrieden mit meiner Zusage, in den Garten ging.
Sie hätte auch wirklich in dem Augenblick von mir fordern können, dass ich sogleich aufbrechen und das elterliche Haus ihretwegen räumen sollte, ich wäre nicht im stand gewesen, "N e i n " zu sagen. Sie hatte mir's angetan, ich war wie bezaubert von ihr. Wahrhaftig, ein bischen Sünde, ein bischen Unglück macht die Frauen erst reizend, begegnet man ihnen nun noch dazu, ausgestossen von der Welt, in irgend einem entlegenen Winkel auf dem land, wer kommt da nicht auf den Einfall, einem gefallenen Engel wieder aufhelfen zu müssen?
Ihnen gnädige Gräfin, darf man dergleichen flüchtige Empfindungen schon anvertrauen, ohne Furcht, missverstanden zu werden, und so gehe ich denn noch weiter, und bekenne Ihnen, dass ich den ganzen Tag eine gewisse unruhige Verwirrung nicht los werden konnte, und noch spät Abends ein Paar Pferde müde reiten musste, ehe ich hoffen durfte, es zu haus auszuhalten. Mein heisses Blut sollte indess durch eine ungeheure Mistification abgekühlt werden. hören Sie nur, gnädige Frau! Es war voller Abend, als ich endlich zurückkehrte. Meinem Versprechen getreu, umritt ich den Anger, die Bäume, Elisens Ruheplatz, in weitem Kreise. Gleichwohl zog es mich, zu sehen, ob sie wieder da sässe. Ich hielt auf einer kleinen Anhöhe. Der schöne, grüne Teppich lag unter mir, ich wäre vor mein Leben gern darüber weggesprengt, zu der lokkenden weissen Gestalt hin, die mit raschen, kurzen Schritten am rand der Erlenbüsche auf- und abging, zuweilen still stand, umhersah, und dann, wie nach vergeblichem Warten, ihren Spatziergang aufs Neue fortsetzte.
Ich wurde, je länger ich dies unstäte Umherwandeln beobachtete, immer gespannter. Es fing an zu dunkeln. Bald sah ich nichts mehr als Elisens Kleid durch die schwarzen Nachtschatten hin und wieder gleiten. Jetzt mit einemmale kam mir's vor, als verdopple sich dieser Schatten, und gehe auf der andern Seite neben ihr. Doch blieb er nicht immer sichtbar. Zuweilen verlor er sich im Gebüsch, dann mit einemmale sank er ganz zusammen, und schien nur bis an ihre Kniee zu reichen.
Was ist das? fragte ich mich, halb und halb meiner Sache gewiss. Ein Mann! so wahr Gott lebt! ein Mann! rief ich, gab meinem Pferde die Sporen, und war, wie der Blitz, bei den Erlen. Indem sprang Jemand zwischen den knisternden Zweigen hindurch. Elise eilte pfeilschnell nach dem Garten zurück. Dort ereilte ich sie, nachdem ich mich vergeblich bemüht hatte, jenen Flüchtling zu erhaschen. Er war, wie vom Erdboden verschwunden. Das Gartentor musste von der andern Seite ins Schloss gesprungen sein. Elise quälte sich umsonst, es zu öffnen, als ich vom Pferde stieg, und dieses am Zügel haltend, mit den Worten zu ihr trat: "Warten Sie, Cousine, ich will Ihnen helfen." "Ich danke, ich danke Ihnen," entgegnete sie mit abgebrochener stimme und schnellem, kurzem Atemzuge. Ich hatte ihre Hand beim Drehen am schloss berührt. Sie bebte wie von Fieberfrost geschüttelt. "Mein Gott," rief ich bestürzt, "Elise, was ist Ihnen?"
"Lassen Sie es gut sein," flehte sie kaum hörbar, "halten Sie Wort, Curd, forschen Sie nicht, es hilft zu nichts mehr! Mein Gott!" seufzte sie, einen Augenblick auf meinen Arm gestützt. "Bin ich doch bis zum tod erschrocken!" Doch gleich darauf nahm sie sich zusammen. "Es ist jetzt ganz vorüber," lächelte sie. "Reiten Sie nun ruhig weiter, ich bin ja zu haus."
Sie machte sich los, und ging hinein. Ich sah sie den Abend nicht wieder. Heute Morgen erschien sie auch nicht beim Frühstück. Ich höre, sie habe Briefe erhalten. Ihre Kammerjungfer versichert, die arme Dame bade sich in ihren Tränen.
Ich bin geheilt, Gnädigste! Ich weiss, was diese Tränen bedeuten. Ohne allen Zweifel war Hugo hier. Hätte ich ihn zu d e r Stunde, auf dem Gebiet meiner Mutter gefasst, er wäre nicht lebend von der Stelle gekommen! Vergeben Sie, Frau Gräfin, dass ich soviel und so Unbedeutendes schwatze. Die neuesten Tagsbegebenheiten, selbst aus einem armen dorf, reissen stets die Feder wie die Gedanken mit sich fort. Ueberdem greift das hier Vorgefallene in das Gewebe der letzten Residenzgeschichten mit ein, und erhält dadurch einiges Interesse. Ich hoffe deshalb auf Ihre Verzeihung.
Gewähren Sie diese
Ihrem untertänigsten
Curd.
Leontin an den Comtur
Alles vergebens! Ich kann sie nicht mehr auffinden! Es ist, als wären sie von der Erde verschwunden. Bis hierher folgte ich einer Spur, die ich für die ihrige hielt, und die mich auch wirklich nicht betrog. Es war natürlich, meine Richtung nach der Heimat der Frau Oberhofmeisterin zu nehmen. Wir waren hierüber einig, wie Sie sich erinnern werden. Ich durfte gleichwohl nicht auf der grossen Strasse bleiben, gewiss, den Reisenden am wenigsten zu begegnen, wenn diesen, wie es das Ansehen hatte, daran lag, Widerspruch und Gegenrede