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. Sie machte ein peinliches Gesicht, und sah verlegen nach mir hin, als fürchte sie, ich könne Elise gekränkt haben. Doch diese sah sich nicht sobald von einem tête-à-tête mit mir befreit, als sie unbefangen an dem Frühstück teil nahm, und sich von Italien erzählen liess. Man merkte aber nicht, dass sie sich Gewalt antue; doch nach einer Weile ward sie zerstreut. Sie rückte sich tiefer in das Sopha hinein, schlug die arme übereinander, lehnte den Kopf zurück, ohne länger das Ansehen haben zu wollen, als interessire sie, was gesprochen ward. Auf eben diese Art wandte sie sich auch, während einer Pause, wie plötzlich von einer Empfindung getrieben, zu meiner Mutter, fasste sie bei der Hand, indem sie gerührt sagte: "Liebe Tante, es war mein Vorsatz von Anfang an, Sie meinetwegen in keine Verlegenheit zu setzen. Deshalb wollte ich Ihr Haus vor Curds Ankunft verlassen. Glauben Sie nur, ich weiss genau, wie unsicher er mit mir ist, und wie Sie das ängstigt. Ich würde mich auch jetzt gleich auf den Weg machen, und nicht so schwankend zwischen Mutter und Sohn, bei dem ersten Wiedersehen nach langer Trennung, stehen bleiben. Allein, ehrlich gesagt, weiss ich nicht recht, wohin ich mich sogleich schicklicher Weise wenden könnte? und dann fürchte ich auch, Ihnen, liebe Tante, wehe zu tun."

Wir hatten vergeblich gesucht, sie zu unterbrechen. "O!" rief sie aus, "ich fühle wohl, was Sie mir erwiedern m ü s s e n , was Sie auch in dieser Minute aus überzeugung erwiedern werden, allein das ist doch alles nicht von Bestand. Es können tausend unzuberechnende Zufälligkeiten eintreten, von denen eine einzige hinreicht, Verdruss zu erregen. Wer Aergerniss gegeben hat, darf sich nicht wundern, wenn man sich über ihn ärgert, und besonders ein Weltmensch, wie Ihr Sohn, liebe Tante, d e r verzeiht nichts so schwer, als einen Eclat, der nicht niederzuschlagen ist. Ich habe die ganze Nacht die Sache hin und her erwogen, ohne etwas anders auszumitteln, als dass wir einander aus gegenseitiger Rücksicht soviel als möglich aus dem Wege gehen müssen."

"Um Alles in der Welt, Kind!" fiel meine Mutter ihr ins Wort, "wie verstehst Du das? Soll es von mir heissen, ich habe einen Gast in meinem haus, und vernachlässige meine Schuldigkeit gegen ihn? oder wollen mich die Leute glauben machen, Deine Familie habe Dich auch verstossen, weil Du zu gewissenhaft und zu lebhaft warst, da zu schweigen, wo es keinen andern Kläger gegen Dich gab, als Dich selbst? Einander aus dem Wege gehen! auf dem land in e i n e m haus! Du bedenkst die Unmöglichkeit nicht."

Elise umarmte sie begütigend. "Gute, beste Tante," sagte sie, "missverstehen Sie mich nicht, als wolle ich mich Ihrer Gesellschaft völlig entziehen. Bewahre mich der Himmel vor solcher Undankbarkeit. Allein jetzt, da Sie bessere Unterhaltung haben, geben Sie nicht allzu genau darauf Acht, wenn ich einmal an Ihrem Tische fehle, mein Zimmer Ihnen verschlossen bleibt, oder ein langer Spatziergang mich weiter von hier entfernt, als es gewöhnlich geschieht. Lassen Sie mich kommen und gehen, ohne Arges dabei zu haben. Begegnen wir einander, so verdenken Sie mir's nicht, wenn ich zurückbleibe, oder nicht Ihren Weg nehme. Denken Sie dann, dass ich es scheue, Ihnen lästig zu werden, und auch unfähig sei, mich gerade jetzt zu beherrschen."

Ich versicherte sogleich, ihre Aeusserungen möglichst leicht nehmend, dass sie von mir keine Belästigung zu fürchten habe, und da mein Aufentalt überhaupt nur von kurzer Dauer sei, so hoffe ich, solle sie der nicht belästigen. Sie sah bei diesen Worten überrascht und ungewiss zu mir auf. Doch liess sie es dabei. Auf ihrem klugen Gesicht lag allerlei, was ich nicht sogleich entziffern konnte. Meine Mutter war nun froh, dass sie nicht mehr an die Abreise dachte. Sie sagte ihr in meinem und ihrem Namen jede Bedingung zu, worauf sie, ein häusliches Geschäft zu besorgen, das Zimmer auf einen Augenblick verliess.

Kaum dass sie sich entfernt hatte, so wandte sich Elise rasch zu mir. "hören Sie, Curd," sagte sie, in allem ihrem frühern überlegenen Ernst, "ich will annehmen, Sie meinen es gut mit mir. Es kann ja sein! Was hätten Sie auch davon, mich zu kränken! Deshalb verderben Sie mir nicht durch wohlfeile Witzeleien und magern Spott, über sentimentale Bizarrerie, meinen Lieblingsplatz unter den Eichen. Lassen Sie mich da machen, was ich will, und kümmern Sie sich nicht darum, wenn es Ihnen auch lächerlich vorkommt, dass ich meine Freude an den Tieren habe, die dort weiden. Manch armes Lämmchen, das auch keine Mutter hat, wie mein – –"

Sie stand hier, von innerer Rührung überwältigt, vom stuhl auf, und trat, mir den rücken wendend, ans Fenster. Sie weinte bitterlich. Mir tat es im Herzen wehe; ich hatte nicht den Mut, sie anzureden.

Kurz darauf war sie gefasst genug, mich zu fragen, ob ich ihr versprechen wolle, auf die vorgeschlagene Weise, hier in Frieden mit ihr zu leben? ihre Ruhe zu ehren, und nicht den Späher und