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sich die Ueberraschung, als ich hier ankam, und die Verbannte unter e i n e m dach mit mir fand! Es mochte sie wohl nicht weniger überraschen; denn ich eilte dem Briefe, der meine Ankunft bestimmt meldete, fast um acht Tage voraus, und verhinderte sie so an der Ausführung des Vorsatzes, mir das Feld zu räumen. Ich gestehe, ich wusste es ihr Dank, dass sie nicht eben begierig auf meinen Anblick war. Es setzte mich in grosse Verlegenheit, ihr gerade an diesem Orte zu begegnen. Ueberhaupt macht man immer ein einfältiges Gesicht, wenn man Jemand nach einem Unfall oder sonstiger Veränderung seiner Lage, wiedersieht. Hier war nun vollends etwas Beleidigendes im Spiel, das mir das verwandte Blut ziemlich warm durch die Adern jagte. Ich konnte es weder mir noch meiner Mutter verbergen, dass, nach der einfältigen geschichte, Elisens Aufentalt hier im haus einen teil des Ridiculs auf uns zurückwerfe, das sie auf sich lud. Ich stritt lange mit der nachsichtsvollen Frau, die zu fern von der Welt lebt, um das Gewicht ihres Urteils zu kennen. Es verdross mich, gleich beim Wiedersehen gerade hierdurch gestört zu werden. Leider gibt es ohnehin bei jeder Nachhausekunft Störungen, die auf der gänzlichen Verschiedenheit der Verhältnisse beruhen, und die noch erhöht werden, wenn zu den eigenen Unannehmlichkeiten, fremde hinzukommen.

In solcher totalen Verstimmung machte ich den nächsten Morgen, ganz gegen meine Gewohnheit, in aller Frühe einen weiten Spatziergang, querfeldein durch Wald und Wiesen. Ich hetzte mich gewissermassen müde, in dem Gedanken, zahmer und williger das Ungemach über mich ergehen zu lassen. Es gelang mir auch. Die freie Luft hatte mich um Vieles abgekühlt, der Anblick einer ganz hübschen Besitzung, mit angenehmen Aussichten für die Zukunft erfüllt. Vorzüglich verhiess der Wald, mit seinen starken, lang geschonten Holzungen, die letzten Reisekosten zu decken. In Gedanken dieses schnell berechnend, nahm ich meinen Rückweg nach haus. Ich ging rasch, wie man unter dem Entwerfen vorteilhafter Pläne geht, ohne rechts und links zu sehen. Plötzlich stehe ich vor meiner hübschen Cousine. Sie ruhte ganz idillisch, wie man sonst Figuren auf Tassen malte, unter einer Eiche am Wiesenrande, vor ihr weideten die Schafe. Ein grosser Strohhut beschirmte ihr Gesicht, sie lehnte sich seitwärts gegen den aufgestemmten Arm, so dass sie halb liegend den Rasensitz einnahm. Sie sah allerliebst aus. Ich blieb eine Weile stehen, um sie genauer zu betrachten. Als sie mich bemerkte, richtete sie sich schnell in die Höhe. Sie sah mich verwundert an. "Wie?" fragte sie, ohne Verlegenheit oder Affectation, ganz in ihrem gewöhnlichen Tone: "sind Sie es, Curd? So frühe? das ist wohl etwas Neues, was Sie von Reisen mitbringen?"

Sie lächelte bei diesen Worten, und zeigte zwischen den frischen Lippen die schönen, weissen Zähne, die ich so oft an ihr bewunderte.

Weiss der Himmel, ich gerate doch sonst nicht leicht aus der Fassung, aber diese unbefangene Art, mich zu bespötteln, verwirrte mich. Sie bemerkte es. "Nun," sagte sie, "was stocken Sie denn so? Haben Sie es verlernt, mit mir zu reden? oder scheuen Sie es etwa?"

"Ich sehe," erwiderte ich schnell gesammelt, indem ich Platz neben ihr nahm. "Ich sehe, Sie fangen es da wieder mit mir an, wo Sie es gelassen haben, Sie machen sich sogleich wieder über mich lustig."

"Ach, mein lieber Curd," seufzte sie mit ganz unveränderter Miene. "Es fängt sich im Leben niemals, wie in einem buch, auf d e r Stelle wieder an, wo man stehen blieb; und das Lustigmachen hängt genau mit der Lust zum lachen zusammen. Aber kommen Sie," fuhr sie fort, "wir sind wohl hiermit fertig. Sie haben den Schreck überwunden, mich zu sehen. Ich habe Ihnen über die Verlegenheit der ersten Anrede weggeholfen, weiter möchten wir doch nicht leicht kommen, und Ihre Mutter will frühstücken."

Sie stand hier von ihrem Sitze auf, band die Hutschleife unter dem Kinn fester, und ging, diesen vor dem anhebenden Wind mit der einen Hand haltend, so leicht und frei vor mir her, als könne weder Vorwurf noch Kummer ihr etwas anhaben.

Gerade in solchem Morgenanzuge, mit demselben feinen florentinischen hut hatte ich sie auf der Jagdpartie am Tage meiner Abreise das Letztemal im vollen Glanze der glücklichsten Stellung bewundert, verehrt, gesucht, gesehen; neben ihr auf dem Rasen gesessen, mit ihr gelacht, und alle Ausfälle neckender Laune über mein Reiseproject erduldet. Und nun! Ich konnte mich nicht einer Aufwallung von Mitleid mit der jungen, reizenden Frau erwehren. Es war mir ganz unbegreiflich, wie gerade sie zu der sentimentalen Schwärmerei kam!

Viel nachsichtiger als zuvor gegen sie gestimmt, bot ich ihr den Arm. "Ich danke Ihnen," sagte sie mit kurzem Kopfnicken, mehr höflich als freundlich. "Sie wissen wohl von unsern ehemaligen Spatziergängen her," fügte sie hinzu, "ich gehe lieber allein, man ist so freier."

Ich lächelte. Sie tat nicht, als wenn sie es bemerkte. Ihr lag sichtlich daran, eilig nach haus zu kommen. Sie sprang auch eine Strecke vor mir her die Treppe hinauf. Ihre Eile musste meine Mutter befremden, die schon im Vorsaale stand, uns zu empfangen