wohnung zurück, fragte aber doch noch einmal, ob er mir Jemand zu schnellerm Fortkommen schicken solle? Ich dankte ihm, indem ich stehen blieb, und ihm unter den seltsamsten Gefühlen nachsah. Es war kein Groll darunter, ich versichere Dich. Im Gegenteil rührte mich der Mann in seiner harmlosen Selbstzufriedenheit. Mein Blut hatte ihn losgekauft von Spott und Tadel. Alle Stimmen waren für ihn gewonnen. Er stand rein gewaschen vor den eigenen, wie vor den Augen der Gesellschaft da. Und damit war es gut! Elisens Verlust kann er verschmerzen. Seine bisherige glänzende Stellung hat er gegen eine andere, nicht minder ausgezeichnete, vertauscht. Der Fürst ernannte ihn zum Gesandten in P ... Er wird die beste Aufnahme dort finden. Die geschichte läuft vor ihm her. So ein vom Schicksal Gezeichneter ist sicher, allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen. Während man das Anatem über die Werkzeuge seiner Adversität spricht, gebietet die Tugend, die Unbilden des trügerischen Glückes an ihm gut zu machen. Zudem ist der Fall von der Art, dass selbst unsere Kirche die Scheidung gestattet, Elisens eigene Anklage duldet keinen Zweifel. Eduard kann zu einer zweiten Wahl schreiten. Er wird, ich bin es gewiss, nicht lange zu wählen brauchen. Das Vergangene ist dann in Nacht begraben. Niemand spricht weiter davon. Das Meiste in der Welt gleicht sich auf ähnliche Weise aus. Nur, wo die inneren saiten zersprangen, und die ganze Harmonie mit einem einzigen Missgriff zerstört ward, da flickt und knüpft und zieht man sein Lebelang dran, und nichts als falsche Töne in der Seele. – – –
Ich komme von einer langen Wanderung durch Feld und Wald zurück. Zu den alten, lieben Stellen mochte ich nicht hingehen. Es ist noch soviel Krankes in mir, das geschont sein will. Ich ging weiter hinauf, nach der grossen Heerstrasse zu. In einiger Entfernung von mir zieht sich die Chaussee an den Bergen hin. Ich folgte dem weissen Streif in seinen Krümmungen, und mass die Ferne, unter beengenden Gefühlen. Die kleinen Staubwirbel, welche die Forteilenden zurückliessen, umhüllten die Wipfel der Pappeln in aschgrauen Schleier, während unterhalb die flache, fahle Strasse öde da lag. Das ist das Leben! seufzte ich. So verwischen sich seine Spuren! So zerrinnt jede Erinnerung in die grosse, allgemeine Auflösung der Dinge!
Ich gestehe Dir, Heinrich, mir schauderte vor dem Gedanken! Allein, und losgerissen, wie eins dieser schwirrenden Stäubchen, fühlte ich mich mehr als je überflüssig auf der Erde; das Leben schien mir unnütz, und der Schmerz so bedeutungslos, wie die Freude.
Nenne es Zufall, oder wie Du willst, dass gerade jetzt der frische Gesang eines Wanderers aus dem Tale, zu mir heraufschallte, ein dunkler Zug mir etwas Bekanntes zurückrief, und mich zwang, den Ton zu begleiten. Was ich hörte, war die Melodie eines unsrer Regimentslieder. Ich hatte sie unzähligemal gehört. Jetzt besann ich mich darauf. In demselben Augenblick trat auch ein junger Bursche in der wohlbekannten Dragoneruniform, Pallasch und Helm auf der Schulter tragend, aus dem Gebüsch. Er trällerte sein Liedchen, während er, von ungewohntem Gehen wohl ein wenig ermüdet, in lässiger Weile, über den Wiesengrund schlenderte. Die Exerzierzeit war nun überstanden, das braun gebrannte Gesicht trug noch die Spuren von Hitze und Anstrengung, aber der kriegerische Schmuck, und die scharfe Waffe ruhten friedlich auf dem Nacken, der sie doch mit Stolz in die Heimat zurücktrug. Das Metall blinkte hell in der Sonne, es war, als tanzten goldne Fünkchen neben dem guten Jungen her, ihm die Mühen des Lebens zu überglänzen.
Ich kann Dir nicht sagen, was alles zugleich in mir wach ward. Freude, das Alte wieder zu sehen, Erinnerung an Gemeinschaft und Verbrüderung, an die Zeit, wo all der Sturm und Drang im inneren etwas wollte, wo kein Zweifel über die grosse Absicht des Daseins entstehen konnte, die Brust weit, der Wille stark, das Herz offen und frei war. Heinrich, ich sehe Dich, die Freunde, mich selbst, jünger, besser wieder. Ich wurde jung, wie damals, ich rief den Dragoner an. Er stand stille und sah herauf zu mir. Ich nannte ihm meinen Namen. Er wusste nichts von mir. Er war nach mir zum Regiment gekommen, gleichwohl traten wir cameradschaftlich zusammen. In seinen Augen blitzte angenehme Ueberraschung, hier Anhang und Schutz zu finden. Er betrug sich gegen mich mit ehrfurchtsvoller Zurückhaltung. Ich kann Dich versichern, mir war seit lange einmal wieder wohl. Eine Weile gingen wir mit einander, dann teilte sich unser Weg. Er ist nicht weit von hier zu haus. Ich beschenkte ihn, was er mit jener Beschämung stolzen Selbstgefühls, nicht ohne einiges Erröten, und, wie er sagte, nur von einem ehemaligen Herrn Offizier seines Regiments annahm. Als er nun mit erfrischtem Mute weiter ging, und mehrmals, unter wiederholten Begrüssungen, nach mir zurücksah, da ward mir, als trennte sich ein Bekannter von mir. Ich sah ihm gerührt nach. Ist es das? fragte ich mich. Ruft das Leben aus diesem Ton? Will es mich dahin zurück haben?
Ich fragte mich das seitdem öfter. Heinrich! wahr ist es, E t w a s muss der Mensch doch wollen, oder er geht unter. Was s o l l ich aber? Und dann. – So kann es doch nicht