was mich traf, was noch geschehen kann: es ist unvermeidliche Folge dieses erschreckenden Erkennens.
Ja, ich habe a u f g e h ö r t , d i e s e l b e z u s e i n . Und da die Umwandlung nun doch einmal geschehen ist, so konnte ich mich auch länger nicht in erborgter Gestalt dulden. Die einzige Möglichkeit, ferner zu existiren, liegt darin, dass ich mich selbst verstehe, und mich zeige, wie ich bin. Diese Freiheit hat mir mein lebendiger Tod genommen. Ich werde mich ihrer nicht ganz ungern bewusst. Sophie, ich gestehe es, w a h r sein zu dürfen, ist bei dem Wahrheitsliebenden ein unschätzbares Gut.
So lebe ich denn, und liebe in m e i n e r Welt, auf m e i n e Weise. Niemand ist mir um ein Haar breit ferner gerückt, als er früher zu mir stand. Der Gedanke, das Gefühl erreicht jeden Gegenstand mit unermüdeter Innigkeit. Hier, wo mich nichts daran erinnert, dass es noch ein anderes Dasein gibt, als das, was ich in mir trage, hier, wie in höherer Region, findet keine Trennung statt. Georg – – mein süsses Kind! und du, armer, guter Eduard! – ich darf euch mit dem Freunde zusammen denken, der mich aus euern Armen riss.
Sehen Sie, Sophie, so gibt es dennoch eine Art Leben für mich, um das mich wenige beneiden werden, in welchem ich gleichwohl denke, empfinde und handle.
Ich bin, wie in frühern Jahren, im haus meiner Tante, einer guten, arglosen, überaus einfachen, vielleicht beschränkten Frau. Sie ist gerade, was ich jetzt brauche, eine teilnehmende Seele. Immer nur das Allernächste mit empfindend, von unbedeutenden, aber dafür auch wenigen Worten, und tätig im haus. Vielerlei, meist Kleinliches vornehmend, und so beschäftigt, dass mir viel Zeit, und ihr das Bedauern bleibt, mich so wenig geniessen zu können. Das stille Dorf, der kleine Garten, mein Stübchen im Erker, liebe Sophie! die äussere Beschränkung hat zu gewissen zeiten einen eignen Reiz. Man ist so eingeschlossen in sich selbst. Es fällt gar nichts Fremdes da hinein.
Ich weiss nicht, wie lange die gute Tante mich bei sich behalten kann. Sie erwartet ihren Sohn Curd, der von seiner Reise nach Italien zurückkommt. Ich möchte nicht mit ihm zusammentreffen, überall ist auch wohl von keinem langen Verweilen vor der Hand bei mir die Rede. Ich bin ja hier erst wieder zu mir selbst gekommen. Noch brauche ich Zeit, mich zu besinnen.
Sophie! ich bitte Sie nicht, meiner zu gedenken. Sie werden mich gewiss nicht vergessen. Aber s c h r e i b e n ! darum ersuche ich Sie, s c h r e i b e n S i e m i r . Durch die gute Lindhof höre ich wöchentlich zweimal von meinem Georg. Aber all die Uebrigen – Sophie – sein Sie menschlich, schreiben Sie mir von i h m . Ich selbst hatte nicht den Mut, ihm zu sagen, w o ich mich hinbegäbe. Ist denn Emma wirklich mit ihrer Mutter gegangen? War es möglich, konnte sie ihn in dem Augenblick verlassen. O diese Mutter übt eine fürchterliche Gewalt über sie aus!
Leben Sie wohl, teure, grossmütige Freundin! Ich gehe, einen Augenblick Luft zu schöpfen. Hinter dem Garten führt ein Fussweg am grünen Wiesengrunde hin, unter schattige Bäume.
Mittags rasten die Schaafe hier und suchen Schutz vor der Sonne unter den Aesten einer mächtigen Eiche. Da hat sich der Schäfer seinen Sitz von Rasen gemacht. Ich sah des Abends von hier aus, die Sonne hinter das freundliche Dorf niedersinken, und wenn die Purpurstrahlen an dem gelben Metallknopf des Kirchturms widerleuchten, die Heerden über die Wiesen ziehen, der Hirt ein frommes Lied auf seiner Schalmei bläst, die Abenddünste einen leichten Flor über die Gipfel der Bäume weben und alles so still wird, die Erde in Schlummer sinkt, dann – O dann –! Gute Nacht, Sophie! gute Nacht!
Hugo an Heinrich
Zwei Deiner Briefe liegen vor mir. Ich habe den ersten noch nicht gelesen, und würde keinen beantworten, fiele mir nicht ein, mein Schweigen könne Dir wunderliche Gedanken machen, und Dir den Einfall geben, hierher zu kommen und mich aufzusuchen. Tue das nicht, Heinrich! Bilde Dir auch nichts Besonderes von mir ein. Ich scheue nun noch mehr als sonst das laute Denken. Darum rede ich lieber nichts, und mag auch nicht viel hören. Ich versichere Dich, das Wort ist sehr roh. Hauche ihm die tiefste Seele ein, und es gibt Dir von dieser nichts, als die verpuppte Larve. Das beschwingte Leben entflieht mit dem Oeffnen der Lippe. Wie dürr, wie entkleidet von allem Duft innerer Wärme steht so ein ausgesprochenes Gefühl da. Und wie starrt die Welt es an! wie unkenntlich wird es selbst Dir, dessen Innerm es sich in Entzücken oder Schmerz entwandt!
Darum, Heinrich, höre auf, das Senkblei prüfender fragen in meine Brust fallen zu lassen.
Du hast ja längst Grund darin gefunden. Was willst Du denn sonst noch wissen? Die alte, todtgesprochene geschichte von Emma und Eduards Unglück, von meiner Schuld, und dem tragischen Heroismus der schönen Sünderin, die musst Du ja wohl auswendig können. Das H