umwandelnde Ereigniss war es, was mich so stellte; das plötzliche Erwachen meiner Seele, der jähe Blitz, der diese durchzuckte, die Schauer verborgener Wahrheit, die ganze Last ihres Gewichts, d i e hatte mich aus meinem Himmel gerissen. Können Sie mir denn zutrauen, ich würde n a c h d e r Entdeckung den Selbstbetrug genährt, oder einen weit ärgern geduldet haben? Ist es Ihnen möglich, an die Dauer solcher Verhältnisse zu glauben, die nur in Unschuld und Vertrauen ihre schwindliche Höhe erreicht hatten? O Sophie, das Göttliche im Menschen ist da, ohne dass er es weiss. Es kommt ihm im Schlaf, er trägt es mit sich in das Leben hinein, es wird ihm ein zweites Leben, er selbst erfährt es eben nur dann, wenn ihm das Andere entgegen tritt. So ist es auch mit der Liebe. Das Paradies bleibt nur Paradies, bis die Schlange das Bewusstsein weckt. Ich war bis zum tod erschrocken, als ich empfand, was mir Hugo sei. Gleich damals stand es fest in mir, den Verrat an der Treue, die Verletzung des gegebenen Wortes durch offnes geständnis meiner Schuld zu büssen. Ich sagte es Hugo. Er hielt mich zurück. Er bat mich, den entscheidenden Schritt zu prüfen. Wir stritten hin und her. Mein schwaches Herz wankte, es gefiel sich einen Augenblick in dem kurzen Aufschub. Da schrien tausend Schmerzensstimmen zugleich auf mich ein. Ich zerriss alle Schranken, und vernichtete mich selbst mit dem unseligen Irrtum.
Ich würde es ohnehin getan haben! doch später; vielleicht zu spät! Jetzt ist nur geschehen, was geschehen musste. Es ist wahr, ich bin für die Welt im Allgemeinen tot; und dies Losreissen, wie leicht es gesagt ist, vollbringt sich nie ohne Kampf. Die blühende Hülle des Daseins hält den blick in seinem kühnen Fluge zur Unendlichkeit freundlich an, und zähmt den höchsten Wunsch durch die Erfüllung unzähliger kleiner Wünsche. Ich empfand das sehr frühe. Ich liebte daher die Wirklichkeit in allen ihren streitenden Bedingungen. Mich führte mein leichter Mut ohne Anstoss durch sie hin. Es schlang sich hier und da ein Band um mein Herz, ich liess es damit verwachsen, und sah mein Leben mannigfach verzweigt. Jetzt habe ich Abschied genommen von allem, was ich liebte, von jeder Hoffnung, die ich bis dahin genährt; niemals kann sich das völlig Umgestaltete wieder herstellen. Eduard kann nicht verzeihen, was er nicht begreift. Der Bruch zwischen ihm und mir geschah mit dem ersten laut, der meiner Gewissensangst entfuhr. Ich habe seine Verachtung mit Wehmut, den stummen, kalten Abschied, den letzten vernichtenden blick mit grossem Schmerz erduldet; was aber schildert Ihnen mein Gefühl bei der Trennung von dem einzigen, von dem über allen Ausdruck heissgeliebten kind? O Sophie, weg! weg von der Erinnerung dieses Augenblicks. Tausendfachen Tod zugleich stirbt das Herz, wenn der Mensch gleichwohl noch lebt! – –
Ja, ich lebe! und ich lebe mit Mut! Ich bin ganz aufgestanden von dem gewaltigen Sturz. Ich sehe mir diese strenge Beherrscherin, die Willkühr achtsam an. Sie trägt Fesseln in den Händen, und bindet, was sich ihren Gesetzen entziehen will. Soll ich verzweifeln, weil mich das los mit vielen Andern traf? Kann ich tadeln, dass i s t , was s e i n m u ss ? Der Zusammenhang meines Geschicks liegt so klar vor mir, dass ich diesem rück- und vorwärts in allen seinen Verzweigungen folgen kann. Hätte ich nicht immer die unverfälschte Wahrheit des Bewusstseins so hoch gehalten, hätte ich nicht den Trug der Einbildungskraft gefürchtet, und künstliche Spiele gemachter Poesie für ein Verbrechen gegen ihr erhabenes Urbild angesehen, ich würde, weniger misstrauisch, die innere stimme in mir beachtet haben, deren prophetischer Ton mich so oft mit unnennbarer Trauer durchbebte.
Aber ich verwarf jede aufsteigende Ahndung über die natur meiner Gefühle für Hugo. Ich schalt mich selbst romanhaft, verlachte die Sucht, das Gewöhnliche ungewöhnlich finden zu wollen, mit schonungslosem Spott, und errötete zuletzt beschämt bei dem Vorwurf, einer Grille wegen, die schöne, beseelende Freundschaft aufopfern zu wollen.
Die kleinen Häckeleien häuslicher und menschlicher Missverständnisse taten mir nur darum wehe, weil sie andern, weniger unabhängigen Gemütern zu schaffen machten. Ich sah wohl Störungen voraus, doch in mir blieb noch Alles ruhig.
Der Vorfall am hof erschreckte mich. Es ward mir dadurch klar, welche Wichtigkeit man auf ein verhältnis legte, das sich so von selbst, so natürlich, ja so notwendig gemacht hatte. Ich sprach mit Eduard darüber. Er litt, aber er glaubte mir. Wir sahen beide damals die Sache aus demselben Gesichtspunkte an. Die Dazwischenkunft der Oberhofmeisterin musste eine Ehe stören, in welche sie nur widerstrebend willigte. Eduards kluge Menschenkenntniss gab mir noch manchen Aufschluss, der mich völlig über mich selbst beruhigte. Doch H u g o machte mich irre. Er zeigte sich mir ungleich heftiger. Ich zitterte, dass seine Phantasie sich verirrt, dass er sich sehr zur Unzeit leidenschaftlich erregt habe. Tavanelli's Winke, sein zudringliches Einmischen in die inneren Angelegenheiten meines Glaubens störten mich. Auf unbegreifliche Weise ward ich mir fremd. Ich flüchtete in dieser Unruhe zu Hugo. Ich richtete mich an ihm auf. Aber ich lernte zugleich einsehen, dass ich ohne ihn nichts mehr war, dass ich nur noch in ihm dachte und empfand. Was von da an geschah,