solche jetzt zurücklassen."
"Bei dem Gesundheitszustand der Gräfin?" warf ich ihm ein. "Eben deshalb!" versetzte der Baron. "Eben diese Schwäche gibt der entschlossenen Mutter volle Gewalt über sie."
Aus der Ungewissheit zu kommen, eilte ich nach der Burg zurück, da mich länger keine Pflicht an das Lager des Kindes fesselte, und mich ohnehin hier nichts band. Ich fand den Comtur einsam in seinem Zimmer. Es war geschehen, wie es Baron Wildenau voraussagte. Die Betäubung der Gräfin, die Verwirrung im haus, alles bot der Frau Oberhofmeisterin die Mittel zur schnellen, heimlichen Abreise. Wie sie die Tochter überrascht, wie sie sie überredet hat, ist noch ein geheimnis. Zwei Zeilen an den Grafen sagen weiter nichts, als: "Wir verlassen die Burg! dass e i n Dach uns nicht länger beschirmen kann, ist klar. Geniessen Sie nun Ihre Freiheit, wie Sie können."
Das Blatt fiel in des Oheims hände. Er zögerte noch, es dem Neffen zuzustellen. Dieser lässt Niemand vor sich. Ich versuchte vergebens, zu ihm zu dringen.
Weiter wüsste ich dem treuen Bericht, in Bezug der unglücklichen Familienverwirrung beider verehrten Häuser, nichts hinzuzufügen.
Der Präsident hat einen langen Urlaub nachgesucht und erhalten. Seine Gemahlin verliess die Gegend. Sie soll zu einer fernen Verwandtin gegangen sein. Georg spielt mit den Kindern des Amtmanns. Er erzählt jedem, der es hören will, seinen Unfall, mit dem Zusatze: dass er sich aus Furcht vor dem Vater, der so laut und lärmend nach ihm gerufen, im Rohr versteckt, nachher aber nicht wieder an derselben Stelle ans Ufer hinauf gekonnt hätte, in der Angst ausgegleitet und ins wasser gefallen sei.
Leider hat sein Unfall den Sturz zweier Häuser nach sich gezogen.
Zweiter teil
Sophie an Elise
Nicht ohne Bangigkeit richte ich endlich diese Zeilen an Sie, liebe, arme Freundin! Werden Sie denn aber auch noch etwas von d e m hören wollen, was unter den Schauern der Vergangenheit, hinter Ihnen liegt? Vielleicht legen Sie den Brief bei Seite, dessen Siegel Ihnen verrät, von wem er kommt! Der Name meines Stifts ruft zugleich andere, schmerzliche Namen zurück. Ach, meine Gute! wie traurig, dass Ihnen diese so wehe tun müssen!
Nein, es ist kein Vorwurf, was ich hier sage.
Es ist nur eine von den unzähligen Klagen, die mir das Geschick der liebsten, besten Menschen auspresst.
Gewiss, ich habe kein anderes Gefühl in meiner Brust, als Mitleid und Teilnahme für Sie Alle!
Für Sie Alle! Ja, glauben Sie es nur. Dasselbe Gewebe, das Ihr argloses Herz umspannt, hat seine Fäden so weit gezogen, so sonderbar verschlungen, dass die schönsten Kräfte dadurch gefesselt, die reichsten Gemüter ohnmächtig geworden sind, und statt des bewegten Lebens, schwarze Melancholie durch die vereinzelten Kreise der Freunde zieht.
Wer nach kurzer Abwesenheit hierher zurückkam; wer, wie ich, das Bild warmer Vertraulichkeit und sanfter Zuneigung im tiefsten inneren festielt, wer den freien Horizont und die leichte, elastische Luft der Heimat wieder zu finden dachte, und nun überall auf verschlossene Häuser, auf abgebrochene Verhältnisse stösst, stumme Trauer, undurchdringliche Nebel ihn umgeben, und schneidende, zusammenpressende Kälte allein ihn erinnert, dass er ein Herz hat, der könnte versucht werden, an Magie und alte Fabeln von umwandelnden bösen Geistern zu glauben.
Ich bin wieder in meine wohnung eingezogen. Die Wände der Zimmer, das Gerät, die Bäume vor den Fenstern, alles ist unverändert, aber es macht nur den Eindruck von Kleidern geliebter Verstorbener. Ich fühle mit unsäglichem Kummer, dass der Inhalt verschwunden, der lebendige Geist entflohen ist. Die Räume sind leer. Der Gedanke verliert sich in die unergänzten Lücken.
Beste Freundin! Was waren es für Stunden, die wir mit einander zubrachten; so friedliche, harmlose Stunden! O, der Mensch achtet die Stille nicht hoch genug, die ihm zu ruhiger Entfaltung der zarteren, feinern Geistesblüten vergönnt ist! Der Frühling innerer Zeitabschnitte zieht oft noch flüchtiger, als der der äusseren, an uns vorüber, und wir besinnen uns erst nachher, wie reich wir waren, wenn die Blütenzeit vorüber ist, und neue Entwickelungen sich unter mannigfachen Kämpfen vorbereiten.
Wohin ich jetzt den Fuss setze, tönt mir Störendes entgegen. Jeder Gegenstand erinnert an das, was nicht mehr ist, jeder Besuch ängstigt, jede Frage verletzt mich. Auch komme ich zu Niemanden. Die Burg bleibt Jedem unzugänglich. Der Comtur fürchtet, wie alle Männer, durch lebhafte Erschütterungen, aus dem äussern Gleichgewicht zu geraten. Er hat mir ein Paar gute, treue Worte geschrieben, doch vermeidet er, tiefer in den Gegenstand einzugeben, den ich nur leise berühren mochte. So verstummt dann die Gegenwart völlig. Der einzige Genuss, den ich mir zuweilen erlaube, ist der, Ihre früheren kleinen Briefchen zu lesen, die der behende Walter mir oft beim Erwachen schon überbrachte. Wie erkenne ich, wie höre und sehe ich Sie in jedem Worte wieder, liebenswürdige Elise! Ja, Sie sind unverändert dieselbe geblieben. Wie Sie in Nichts Arges suchen, so rein blieben auch Ihre eignen Gefühle. Sie glaubten nie an das Böse, Sie suchten es nicht i n s i c h , und treu der Wahrheit, die Sie erkannten, heuchelten Sie nicht einen Augenblick vor der Welt, seit Gottes Finger die Wolke teilte. Wie