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während sie am Ufer sass, und es das Ansehen hatte, dem Freunde zufällig begegnet zu sein. Jäger und Fischer, welche Abends des Weges kamen, hatten sie oft so gesehen. Es ward hier und da darüber gesprochen. Mehrere weissagten längst nichts Gutes davon. Jetzt war es klar, dem Präsidenten musste Jemand die Augen geöffnet haben. Auf Tavanelli fielen Alle. Er liess sich seitdem, ganze Tage nicht sehen. Den Knaben, hiess es, habe er mitgenommen. Andere wollten versichern, dieser spiele im Garten. Er sei mit der Mutter die Allee links hinuntergegangen.

Indem die zusammengetretene Dienerschaft so mit einander verhandelte, hörten sie ein kurzes, wiederholtes, helles Angstgeschrei von der Seite her, wo sie Georg zuletzt gesehen hatten. Es war ein herzzerschneidender Ton, den das Echo über den See gellend zurückschallte. "Das Kind! das Kind!" sagten Alle voller Entsetzen, indem sie dem verzweifelnden Rufe folgten. Ehe sie gleichwohl die Stelle erreichen konnten, wo das Unglück geschehen war, hatte der Baron Wildenau, von bangem Vorgefühl getrieben, und in der Absicht, den verstörten, unstäten Tavanelli aufzusuchen, sich in den Garten begeben. Seine Entschlossenheit rettete den schönen Knaben. Er entriss ihn den Wellen, doch trug er ihn leblos ans Land.

Indess war der fürchterliche Schrei zu dem Vater gedrungen. "Georg!" sagten alle Stimmen der Seele zugleich in ihm. Er arbeitete sich wie ein Verzweifelnder nach dem Garten zurück. Ungeübt, mit dem Kahne zu fahren, erreicht er erst das Ufer, als dort schon ein Haufen Klagender und Schreiender durch einander rennt. Sprachlos vor Angst teilt er die Menge. Sein erster blick begegnet der atemlos herbeistürzenden Mutter, die das bleiche Kind an sich reisst, es umschlingt, küsst, mit Entsetzen in die Höhe gegen das Licht hält, und da sie die Augen geschlossen sieht, kein Leben spürt, zu den Füssen ihres Mannes sinkt, mit der Hand krampfhaft nach Graf Hugo zeigt, und laut ruft: "E r und i c h ! –"

Sie vermochte nichts weiter hervor zu bringen. Die Zunge versagte ihr. Aber in blick und Miene lag eine schwerere, eine zermalmende Anschuldigung.

Der Präsident blieb einen Augenblick wie eingewurzelt in dumpfer Erstarrung. Er mochte sein Geschick nicht fassen. Diese Stille, dies Verstummen tiefster natur in dem mann, der als Richter hier vor ihr stand, löste ihr ganzes Wesen in leidenschaftliche Verzweiflung auf. Sie klagte sich jetzt laut und fürchterlich an, bekannte ihre heisse Liebe für den Grafen, gesteht, dass, um ihn zu sehen, sie das Kind beredet, hier im Garten zu spielen, während sie die weite Strecke bis zur Tannenhäuserin in kurzer Zeit zurückzulegen gedachte; nannte sich im Aufruhr aller Sinne, des Knaben Mörderin, und flehte den strafenden Himmel nur um die erbarmende Gnade an, ihrem sündlichen Leben ein Ende zu machen.

Diese und noch wildere Klagen flogen in verwirrender Hast über ihre Lippen, ohne dass die Umstehenden es hindern konnten. Der Präsident starrte sie lange ungewiss an. Endlich, als falle das ganze Gewicht seines Elendes auf ihn nieder, zuckte er zusammen, und wandte sich rasch nach dem Grafen hin. Der Moment war entscheidend. Jener empfand sogleich, worauf es ankam. Er trat dem schwer Beleidigten mit wehmütiger Ruhe entgegen, indem er leise sagte: "Sie haben keine Minute zu verlieren, um das Leben Ihres Kindes zu retten. Das ist jetzt das Nächste. Später w i e und w a n n Sie wollen."

Die Mahnung an Georgs Gefahr, die Furcht, ihn vielleicht schon verloren zu haben, drückte für einen Moment den aufflammenden Zorn in dem unglücklichen Vater nieder. Er flog auf den Kleinen zu, entriss ihn der Mutter, setzte alles in Bewegung, um hülfe herbei zu holen. Er selbst ging und kam, klagte, schalt, trieb und drängte die geängstigte Dienerschaft hin und her, so dass diese es kaum wusste, als er, vielleicht in der Absicht, selbst ärztlichen Beistand zu suchen, unter den Umstehenden verschwand. Jedermann war so betäubt von dem Schreck, so vertieft in dem eifrigen Bemühen, den Tod von des Knaben Schläfen zu verscheuchen, dass selbst der nahe Knall zweier Schüsse bei Niemanden sorge erweckte, und man sich erst besann, den Präsidenten vermisst zu haben, als dieser zurückkehrte.

"Es sind," hub Baron Wildenau, nachdem er mir soviel mitgeteilt hatte, nach einer Pause wieder an. "Es sind hier dunkle Schattenstellen, die uns einen teil des Zusammenhanges verhüllen. Lassen wir sie, ohne daran zu rühren. Die Zeit wird Alles aufklären."

Wir standen beide noch eine Weile in Gedanken verloren, als wir, durch das Geräusch eines vorüberrollenden Wagens aufmerksam gemacht, uns umsahen. Auf das Höchste überrascht, erkannten wir die Equipage der Oberhofmeisterin. Die grosse Reisekutsche, die beiden, in dunkelrot und schwarz gekleideten Bedienten auf dem Bock. Es liess sich nicht verkennen. "Mein Gott, Emma!" rief der Baron, beide hände, wie von einem grossen Schreck überwältigt, zusammenschlagend! "Was ist mit ihr?" fragte ich unruhig. "Die Mutter entführt sie gewaltsam," entgegnete er. "Sehen Sie doch nur, ihr Wagen schlägt den Weg ein, welcher auf die grosse Strasse führt. Sie kehrt nach der Heimat zurück. Wie würde sie das tun, begleitete sie die Tochter nicht. Nimmermehr würde sie