innerer Tätigkeit in Bewegung gesetzt waren, nur wenige Minuten. Ein paar Tropfen Aeter, der flüchtige Geist scharfer Essenzen, und das Anwehen frischer Luftzüge durch die geöffneten Fenster, vollendeten das Werk völliger Wiederbelebung in Kurzem. Das erste vollständige Zeichen derselben war der anfangs undeutliche, dann wiederholte Ruf nach der Mutter.
Diese schauerte vor dem Tone, als komme er aus einer andern Welt. Sie hatte kaum die Kraft, sich zu erheben. Ich eilte auf sie zu. Alle Glieder flogen ihr, wie im stärksten Fieberfrost. Sie schwankte, die fragenden Augen bittend umher gesandt, nach dem Bette des Kleinen. Wie dieser aber jetzt aufsah, die Aermchen matt hob, und mit dem rührendsten Tone: "Liebe Mutter!" sagte, da sank sie laut schluchzend über ihn hin, und vielleicht waren es ihre Tränen, die seine Brust vollends erwärmten, die Schläge seines Herzens schneller hoben. Hier war jetzt die gestörte Ordnung unter die gesetz des Daseins zurückgetreten. Die natur stellte sich durch sich selbst her. Des Kindes Rettung beflügelte die Seele der Mutter. Gehoben und gesammelt, stand diese nach einer Weile wieder unter uns. Sie schien nichts gelitten, nichts empfunden zu haben. Mit einer Wärme und Innigkeit, wie sie nur dieser reichbegabten, unwiderstehlichen Frau inwohnt, liess sie uns ihr Entzücken teilen. Sie sagte wenig, tat nichts, aber aus jeder Miene, aus den rührenden Blicken, aus dem stillen, tiefsinnigen Versinken über ihr unbegreifliches Glück, atmete das schmerzensstille Herz seliges Vergessen.
Leider! sollte sie bald an das Vergangene erinnert werden.
Der Präsident stürzte, nach einer kurzen Abwesenheit, ungestüm ins Zimmer. Die Nachricht von Georgs Rettung war ihm schon von allen Seiten entgegen gedrungen. Die grosse Erschütterung plötzlicher Freude erhöhte den leidenschaftlichen Zustand seines Gemüts, der heute zum erstenmal, in reifern Jahren, aus den grundsätzen beherrschender Mässigung, in die dammlose Flut empörter Gefühle hineingeraten war. Seine unzusammenhängenden Worte, das Heftige, ja Stürmische in ihm, erschreckte den Knaben. Er ward blöde, schwieg oder weinte, und stachelte dadurch die Todtesangst des Vaters, ihn zwar lebend, doch krank und leidend wiedergefunden zu haben. In seiner unbemeisterten Besorgniss äusserte dieser das unverhohlen, wie er überhaupt, ganz im Gegensatz sonstiger Rücksicht, jetzt nur laut dachte und empfand, was die Umstehenden in grosse Verlegenheit setzte. Die Verwirrung stieg auf das Höchste, als der Präsident, nachdem ich ihm die vollkommene Wiederherstellung Georgs verheissen, sich, ohne die Anwesenheit seiner Gemahlin zu beachten, zu der Mutter des Amtmanns mit den Worten wandte: "Nun dann, Madame Lindhof, so übertrage ich Ihnen die sorge für des armen Knaben Gesundheit, bis ich von einer unerlässlich gewordenen Reise zurückkehre." Er nahm hierauf die verlegen dastehende, ängstlich überraschte Frau bei der Hand, führte sie in ein anderes Zimmer, um das Nähere seiner Anordnungen zu bestimmen. Ich hatte nicht den Mut, vom Boden aufzusehen. Der Baron gab mir einen Wink, das Zimmer zu verlassen. Wir eilten in den Garten.
"Gott!" rief ich hier, unter die Last unerträglicher Gefühle gepresst, aufseufzend, "muss denn dies Haus zusammen brechen! Und ist keine klarheit nach dem Gewitter zu hoffen?"
"Keine!" entgegnete der Baron, der noch bleicher und melancholischer aussah, als sonst.
"O," sagte ich lebhaft, "warum wurdest du denn ins Leben zurückgerufen, armes Kind! Besser wäre es gewesen, du hättest den unnatürlichen Riss häuslicher Eintracht still verschlafen! dein kleines Herz wäre gebrochen, ehe Unwille und Bitterkeit darin keimten."
Der Baron sah mich schmerzlich an, ohne etwas zu erwiedern. Wir gingen mit raschen Schritten tiefer in das Gebüsch. Meine Seele war voll Kummer. Ich sah nicht, wohin uns der Weg führte, als mich das zertretene Gras und der Anblick des Sees plötzlich aufschreckte.
"H i e r a l s o ?" fragte ich stillstehend. Mein Begleiter nickte bejahend, während sein betrübtes Auge langsam über die Wellen glitt.
"Wie kam es nur," fragte ich zögernd, "und was trug sich sonst noch Unseliges zu, das solche Folgen haben konnte?"
Der Baron schien mit der Antwort zu kämpfen. Ich hatte bis jetzt eine Scheu gehegt, deutlicher in die Verwirrung hineinzusehen. Die schonungslose Härte des Präsidenten erschütterte und empörte mich. Ich wollte ihn allein schuldig wissen. Die Frage sprang mir über die Lippen.
Was ich von ihm erfuhr, war Folgendes: Der Präsident kam gegen Abend auf seinem Landhause unerwartet an, fand Niemand dort, fragte hierauf seine Dienstboten scharf und heftig nach seiner Gemahlin und nach Georg aus; doch ihre Antwort nicht erwartend, stürzte er eilig dem Garten zu. Hier sah man ihn ungestüm hin- und herlaufen, hörte ihn laut rufen, und bemerkte nicht ohne Besorgniss, dass er in einen Kahn sprang, diesen losmachte und nach dem jenseitigen Ufer des Sees hinüberfuhr. Die unmässige Heftigkeit, welche affectlose Menschen zu zeiten, wie mit triumphirender Gewalt, befällt, musste die bestürzten Domestiken hier um so mehr mit banger Ahndung erfüllen, als das sorglose Betragen ihrer jungen Gebieterin schon längst an ihr zum Verräter ward. Niemanden unter allen Leuten des Hauses, blieb der Zweck jener langen, nach der wohnung der Tannenhäuserin führenden Spatziergänge, ein geheimnis. Hierher flüchtete die schöne Frau, und beruhigte ihr Gewissen, wenn der Graf in seinem schmalen Boot stehend, mit ihr redete,