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. "Was wollen Sie bei mir?" fragte er unwillig. "Mir fehlt nichts! Mit dem Ritz da," fuhr er, verächtlich auf den Arm deutend, fort, "werde ich bald fertig werden." Als ich gleichwohl Miene machte, die Wunde näher zu besichtigen, widersetzte er sich sehr bestimmt, versicherte, der Dorfbarbier könne das auch heilen! ich solle nicht länger ein Leben auf das Spiel setzen, an welchem so unendlich viel liege. Er riss bei diesen Worten, in fieberhaftem Zorn, den Verband vom arme, und mir in der Tat nur eine blosse Fleischverletzung zeigend, klingelte er, um den berufenen Chirurgus eintreten zu lassen. Da ich nun sah, dass hier für mich nichts zu tun war, begnügte ich mich, die Frau Oberhofmeisterin über den Zustand des Grafen zu beruhigen, und eilte unter tausend bangen Ahndungen zu dem nachbarlichen Landsitze.

Die Sonne war schon hinter die Berge. Das rote Abendlicht durchschnitt den Himmel in langen Streifen. Es war schwül und still in der Luft. Man hörte nichts, als das schrillende Säuseln der Aehren in den Kornfeldern und das Gezirp der Heimchen.

Mir schlug das Herz immer ängstlicher in der beklommenen Brust. Einzelne Arbeiter, die auf das Gerücht eines Unfalles, ihr Tagewerk verlassen hatten, um zu sehen, was es gäbe, kamen jetzt zurück, Gerät und Kleidungsstücke aus dem feld abzuholen. Sie sahen betrübt aus und wiederholten Alle dasselbe. Das Kind der herrschaft drüben sei verunglückt und für tot aus dem wasser gezogen worden. Es müsse wohl einer daran Schuld sein, den man sich nicht zu nennen getraue. Es wäre grosser Zank und Streit darüber entstanden, und viele wollten sagen, es seien zwei Schüsse gefallen. Wer geschossen? wisse jedoch Keiner. So kam ich, von den unheimlichen Gerüchten gejagt, endlich bis zu dem Gehege des Gartens. Es war hier und da eingerissen, um den Zudringlichen Bahn zu machen. Diese standen und sassen, vom Gaffen und Schwatzen müde, auf dem Boden umher. Weiber mit ihren Kindern auf dem Arm, jammerten über den kläglichen Anblick des bläulich angeschwollenen kleinen Leichnams, indess Andere mit giftiger Zunge der Sünde Schuld auf das Gewissen der Mutter warfen, und diese mit Schmähreden überschütteten. Ich sprang vom Pferde, und mir durch das Gewühl Platz machend, stiess ich auf einen Mann, der versicherte, in dem Knaben sei noch Leben. Er selbst habe das Herz schlagen fühlen. Auch wäre die Rettung zu schnell gekommen, als dass der Tod schon volle Gewalt geübt habe. Der brave Herr da unten, von Wildenau, sei ja gleich bei der Hand gewesen, setzte er hinzu. Ich atmete auf. Die Andern mochten es nicht Wort haben, dass man irgend Hoffnung hegen dürfe. Sie liessen sich nichts von dem vollen Maasse des Entsetzlichen streitig machen. Ihr Widerspruch gab mir Mut. Dieser sank gleichwohl, als ich in den Gartensaal trat, der erschütternde Eindruck des Jammers, der hier so plötzlich Alles umgewandelt hatte, nahm mir alle Fassung.

Gleich der tür gegenüber lag der bleiche Georg, ganz in Betten und Decken gehüllt, so, dass nur das seitwärts, auf die Brust hängende blonde Lockenköpfchen sichtbar war. Neben ihm sass des Amtmanns Mutter, die sanften, feuchten Augen auf die geschlossenen des Kindes gerichtet; zu ihren Füssen kniete eine unkenntliche Gestalt, dem tod ähnlicher als den Lebendigen, bewusstlos, regungslos, verrieten nur die starken und raschen Atemzüge, dass der Schmerz wenigstens diese arbeitende Brust bewege. Es war die schöne, unglückliche Präsidentin.

Der bunte Zierrat des Zimmers, die hohen Blumenkübel, das frische Rot unzähliger, in Körben und Schaalen umher stehender Rosen, all der Schmuck jugendlicher Sinnenlust, stach auf das Schneidendste gegen die farblose Gruppe der tiefsten Trauer ab.

Ich näherte mich leise. Der Baron Wildenau kam aus einem Seitenzimmer auf mich zu. Wir drückten einander schweigend die hände. "Ich fürchte," flüsterte er, "ein Schlagfluss hat hier schneller geendet, als meine rasche hülfe es sonst begreiflich macht. Das Kind lag nicht über einige Minuten im wasser."

Ich erwiderte nichts. Mein blick lag fest auf dem kleinen Bettchen, an dessen oberstem rand, da, wo es die Wange des Schlummernden berührte, eine Feder leise hin und her zu wehen schien. Der Baron folgte meinem Blicke. Ich bog mich über das Bett. Ich hörte schwache Atemzüge. Ohne mich weiter zu bedenken, öffnete ich dem Kind eine Ader. Das Blut tropfte erst langsam, dann sprang es in einem Bogen über die weisse Decke auf die gefaltenen hände der Mutter, die mit einem Schrei aus ihrer Betäubung auffuhr. Sie sah irre und verstört umher. "Er hat mich geküsst!" flüsterte sie, kaum hörbar. "Wahrhaftig, er hat mich geküsst! Er lebt!"

"Ja," versetzte ich zuversichtlich. "Er lebt. Aber jetzt erschrecken Sie die rückkehrende Besinnung nicht. Schweigen Sie, um Ihres eignen Friedens Willen, nur noch wenige Augenblicke."

Sie sah mich schüchtern an. Auf ihren Zügen lag dumpfe Ungewissheit. Doch tat sie, was man ihr sagte. Und ob sie gleich nicht von den Knieen aufstand, so schob sie sich doch auf diesen seitwärts in einen Winkel des Zimmers, von wo sie, angstvoll zusammengesunken, auf Georg sah.

Der Umschwung in dem kleinen Körper war schnell geschehen. Von der Betäubung zum Erwachen brauchte es, sobald die Springfedern